DEUTSCHLAND: Ein Bild, das um die Welt geht

Ein Selfie eines Irakers mit Kanzlerin Merkel wurde zum Symbol für ihre Flüchtlingspolitik. Doch wer ist der unbekannte Mann, der neben ihr posiert? Shaker Kedida erzählt seine Geschichte.

Christoph Reichmuth, Berlin
Drucken
Teilen
Shaker Kedida in seiner Unterkunft in einer Erstaufnahme- einrichtung im Berliner Bezirk Spandau. (Bild Rudi-Renoir Appoldt)

Shaker Kedida in seiner Unterkunft in einer Erstaufnahme- einrichtung im Berliner Bezirk Spandau. (Bild Rudi-Renoir Appoldt)

Die Sonne scheint kräftig an diesem 10. September 2015, draussen ist noch beinahe T-Shirt-Wetter. Shaker Kedida (41) hat sich auf sein Zimmer verkrochen, er mag nicht zu den anderen Flüchtlingen stehen in den Innenhof dieser unfreundlich wirkenden Kaserne preussischen Stils. Shaker liegt auf seinem Bett, tauscht sich über sein Smartphone via Facebook mit seiner Familie aus. Frau und seine fünf Kinder, elf, acht, sieben, dreieinhalb und eineinhalb Jahre alt, sind 4000 Kilometer von ihm entfernt, sie wohnen in brüchigen Unterkünften im nordirakischen Kurdengebiet. Shaker hat versprochen, sie bald nachzuholen nach Deutschland. Er wird aus seinen Gedanken gerissen, als plötzlich ein junger Mann die Türe zu seinem Zimmer aufstösst und aufgeregt sagt: «Komm runter, die ‹Tante› ist da!»

Einer von 700 000 offenen Fällen

Dieser Donnerstag im September, an dem der irakische Kleinbauer Shaker Kedida und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Foto eine Geschichte schreiben werden, die unterschiedlicher nicht sein könnte, liegt auch schon wieder fünf Monate zurück. 150 monotone Tage des Wartens. Das Taschengeld von 360 Euro reicht nicht weit, er muss davon auch Essen kaufen, seine Zigaretten dreht er sich selbst, das kommt günstiger, als Schachteln zu kaufen. Immerhin kann er jetzt endlich einen Deutschkurs besuchen, seit wenigen Wochen. «Dankeschön», «Guten Tag», viel mehr bringt er noch nicht über die Lippen. Shaker wirkt etwas scheu, vermutlich ist sein Wortschatz grösser, aber er getraut sich nicht, das Gelernte anzuwenden.

Behörden sind am Anschlag

Shaker ist immer noch in der Erstaufnahmeeinrichtung im Berliner Bezirk Spandau, einer von über 300 Menschen aus dem Irak, aus Syrien, Afghanistan und Pakistan. Er teilt sich sein Zimmer mit drei weiteren Männern aus dem Irak. Das Asylgesuch des 41-Jährigen ist eines von 370 000, über das das Bundesamt für Migration noch nicht entschieden hat. Die Behörden sind am Anschlag, 700 000 Fälle insgesamt stapeln sich unbearbeitet in den Amtsstuben. Das hat, sagen gewisse Politiker, auch etwas mit diesem Foto von Merkel und Shaker Kedida zu tun.

Unglück beginnt mit Saddams Sturz

Vor wenigen Monaten noch ist Shaker ein Kleinbauer, mit seiner Familie lebt er in einem Dorf in der Nähe der nordirakischen Stadt Mossul. Er pflanzt Gemüse an, hat einige Ziegen, besitzt einen Traktor. Es geht ihnen gut. Das Unglück für den Irak und die jesidische Minderheit, erzählt Shaker, beginnt mit dem Sturz von Saddam Hussein. Das Land versinkt im Chaos, es verschlimmert sich, als die Amerikaner ihre Truppen abziehen. Als im Sommer 2014 Panzer der irakischen Armee an seinem Dorf vorbeiziehen und die Soldaten aufgebracht vor den näherrückenden IS-Terroristen warnen, ergreift Shaker die Flucht. Die Familie packt das Nötigste zusammen, auf dem Traktor fahren sie an die türkisch-irakische Grenze in das von Kurden kontrollierte Gebiet. Am nächsten Tag, erzählt Shaker, fallen die IS-Terroristen in seinem Dorf ein, töten Kinder, vergewaltigen Frauen, enthaupten die zurückgebliebenen Männer.

Ein Jahr bleibt die Familie in der Kurdenprovinz im Nordirak, das Elend ist gross, die Perspektive gleich null. Im Juni 2015 fasst Shaker den Entschluss, nach Deutschland zu fliehen. Seine Schwester und sein Onkel sind schon vor zwölf Jahren nach München geflohen, die Schwester betreibt eine Döner-Bude. Shaker verkauft das gesamte Hab und Gut, für Traktor, Familienschmuck und andere Wertgegenstände bekommt er 10 000 Dollar. Das reicht nur für eine Person, die Schleuser verlangen für die Flucht nach Deutschland viel Geld.

Aus Kühltransporter geworfen

Am 11. Juni verlässt Shaker allein den Irak, irgendwie schafft er es nach Istanbul. Von dort wird er über Bulgarien und Serbien nach Budapest geschleust, Shaker verbringt in Ungarn ein paar Tage und Nächte in einem Gefängnis, er muss sein Handy hergeben und viel Bargeld. Als er wieder freikommt, bezahlt er einem Schleuser mehrere tausend Dollar, um mit Dutzenden anderen in einem Kühltransporter von Budapest nach Deutschland gebracht zu werden. In der Nacht des 5. Juli 2015 wird die Gruppe auf der Autobahn bei Dresden aus dem Transporter geworfen, die Schleuser suchen das Weite. Shaker ist erschöpft, aber glücklich. Er wird von der Polizei aufgegriffen, wenige Tage später der Flüchtlingsunterkunft in Spandau zugewiesen. Er leiht sich bei einem Mitbewohner ein Handy und kann endlich seiner Familie mitteilen, dass er es geschafft hat, dass er lebt und sie bald nachholen will.

Seine Zukunft liegt in Deutschland

«Für Jesiden ist Deutschland das zweite Vaterland. Frau Merkel beschützt uns», erzählt Shaker Kedida. Er möchte bleiben in Deutschland, unbedingt. Wenn man fragt, ob er sein kleines Dorf, sein bescheidenes Stück Land und das Leben mit seinen Nachbarn im Nordirak vermisst, senkt sich sein Blick. Dann sagt er, es bringe nichts, das Dorf zu vermissen. Seine Zukunft, sagt Shaker, liegt in Deutschland.

«Hier sind alle gleich»

«Ich möchte nicht mehr in einem Land leben, wo zwischen Schiiten, Sunniten, Jesiden und Christen unterschieden wird. Hier in Deutschland sind alle gleich.» Er würde kein schlechtes Wort über das Land seiner Träume verlieren, die Menschen seien alle wunderbar, Probleme würden die Ausländer machen, sagt er. Er klingt nun wie ein Politiker der Alternativen für Deutschland, und er fügt an: «Die Tunesier, Marokkaner und Algerier sollen zu Hause bleiben, die haben keinen Bürgerkrieg. Und wer sich nicht an die Regeln hält, muss wieder gehen.» Er hat mitbekommen, dass Deutschland die Schraube anzieht, dass Kriminelle rascher ausser Landes gewiesen werden sollen, der Familiennachzug für Flüchtlinge, die nicht politisch verfolgt werden, eingeschränkt wird. Die Attacken von Köln und der Stimmungsumschwung, er hat es registriert.

Einladene Geste der Kanzlerin

Shaker geht an diesem 10. September eilig die Treppe runter in den Innenhof. Hunderte von Flüchtlingen sind hier versammelt, und dort steht sie, die Kanzlerin. Shaker staunt, wie klein gewachsen die mächtigste Frau der Welt ist, er drängt sich zu ihr heran, auch er will ein Selfie machen wie einige andere. Shaker wird von Sicherheitsleuten zurückgedrängt, Merkel sieht das und bedeutet ihm mit einer einladenden Geste, zu ihr zu kommen. Da steht er nun plötzlich neben Merkel, «ich bin aus Irak», stottert er verlegen, Merkel scheint ihn nicht verstanden zu haben und sagt «bitteschön». Shaker hebt sein Handy, seine Hände zittern, das ist ihm jetzt peinlich. Der Zauber dauert wenige Sekunden, Shaker ist glücklich. Er hat keine Ahnung, dass dieses Bild um die Welt gehen wird, als Symbol für Merkels Willkommenskultur. Tage später erhält er auf Facebook Nachrichten von Menschen, die er gar nicht kennt. In der U-Bahn sieht er sein Foto über den Bildschirm des Newskanals der Verkehrsbetriebe flimmern, Wildfremde sprechen ihn an und wollen ein Selfie machen. Shaker ist der Rummel etwas unangenehm, zugleich ist er aber auch sehr, sehr stolz.

Schelte für Merkel, Likes für ihn

Shaker stellt das Selfie-Foto mit Merkel noch am 10. September auf seine Facebook-Seite. Innerhalb weniger Stunden hat er 1600 Likes, so viele wie noch nie. Merkel wird weniger Likes für ihre Aktion bekommen. Sie muss sich rechtfertigen für dieses Foto mit Shaker Kedida. Flüchtlinge auf der ganzen Welt würden das Bild als Symbol für Deutschlands offene Grenzen interpretieren. Tatsächlich, an diesem Septembertag weiss noch niemand, wie enorm sich der Flüchtlingszustrom nach Deutschland vor allem im Oktober und November entwickeln wird, an manchen Tagen kommen 10 000 Menschen über die österreichische Grenze. Wie viel und ob überhaupt dieses Foto dazu beigetragen hat, das ist schwer abzuschätzen.

Shaker kann die Kritik an der Kanzlerin nicht nachvollziehen. Vermutlich hat er nicht wirklich verstanden, wie stark die Regierungschefin und Deutschland unter Druck geraten sind, dass Deutschland nicht alle aufnehmen kann, die auf der Flucht sind. Shaker Kedida lächelt und sagt: «Natürlich animiert das Foto andere Menschen, auch nach Deutschland zu kommen.»