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DEUTSCHLAND: Ein Manöver ins Abseits

Frauke Petry pokerte vor dem Parteitag hoch – zu hoch, wie sich gestern zeigte. Die Parteivorsitzende muss eine herbe Niederlage einstecken. Sie wirkt als Parteichefin angezählt.
Christoph Reichmuth, Köln
Frauke Petry kann vor den Medien ihren Unmut nicht verbergen. (Bild: Wolfgang Rattay/Reuters (Köln, 22. April 2017))

Frauke Petry kann vor den Medien ihren Unmut nicht verbergen. (Bild: Wolfgang Rattay/Reuters (Köln, 22. April 2017))

Christoph Reichmuth, Köln

Frauke Petry sitzt ganz aussen an dem langen Rednerpult auf der Bühne. Neben ihr die anderen Mitglieder der Parteispitze, Jörg Meuthen, Alexander Gauland, Beatrix von Storch. Sie wirkt frustriert, fast demonstrativ gelangweilt tippt sie auf ihrem Handy herum, blickt zu Boden, verlässt dann plötzlich mitten in der Debatte kurz die Bühne. Die 41-Jährige ist vor Enttäuschung entweder den Tränen nahe – oder sie kocht vor Wut.

Ein paar Minuten zuvor haben ihr die 600 Delegierten im Hotel Maritim von Köln gerade bedeutet, dass ihnen nicht so wichtig ist, was Frauke Petry, immerhin Co-Vorsitzende der Partei, will. Ihr «realpolitischer Antrag», der im Vorfeld zu hitzigen Diskussionen geführt hatte und mit dem Petry ihre Partei auf einen bürgerlich-gemässigten, in naher Zukunft koalitionsfähigen Kurs rechts der Union zwingen wollte, wird auf Antrag eines Delegierten von der Liste der zu behandelnden Geschäfte gestrichen. Eine nervenaufreibende Debatte über die Strategie der Partei zu führen, darauf haben die Delegierten keine Lust. Und offenkundig auch keine Lust, die Parteivorsitzende Petry zu stärken.

Petry ist angezählt. Ihre Strategie, auf die Spitzenkandidatur ihrer Partei für die Bundestagswahlen zu verzichten, um dafür der Partei ihre Strategie aufzudrücken, ist fehlgeschlagen. Bernd Pühringer (69), Delegierter aus Baden-Württemberg, hält grosse Stücke auf Petry. Doch ihre Alleingänge kann er nicht nachvollziehen: «Sie manövriert sich damit selbst ins Abseits.»

Wie tief die Brüche in der Partei sind, zeigt sich am frühen Nachmittag. Petry, hochschwanger, gibt im Foyer des Hotels der Presse ein Statement ab, während der Rest des Vorstandes im Sitzungssaal zusammensitzt. Sie spricht von einer «folgenschweren Entscheidung». «Strategie und Programm» einer Partei gehörten zusammen, die fehlende Grundausrichtung sei für die Richtungsstreitigkeiten «und zahlreiche Zerwürfnisse» der letzten Monate verantwortlich und Ursache für die schwachen Umfrageergebnisse. Sie werde sich im Wahlkampf zurückhalten und in den kommenden Monaten die Entwicklung der Partei genau anschauen, sagt sie noch.

«Ich kann mit vielem nicht mehr leben»

Kaum ist Petry wieder in den Saal entschwunden, tritt Alexander Gauland, einer von Petrys Gegenspielern, scheinbar zufällig ins Foyer. Im Wissen freilich, dass sich dort noch Dutzende Journalisten aufhalten. Offensichtlicher hätte nicht zutage treten können, worum es hier wirklich geht: um ein Machtspiel zwischen Petry-Anhängern und Petry-Gegnern, der Richtungsstreit ist vorgeschoben. Gauland ist im Nu umringt von Kameras und Mikrofonen. Sein Pressesprecher reagiert entnervt. «Herr Gauland, ich würde das nicht kommentieren, bevor Sie nicht mit ihr gesprochen haben. Wirklich», bittet er den 76-Jährigen. Gauland übergeht ihn, gibt bereitwillig Auskunft. Im Ton ist er zwar versöhnlich («Frauke Petry ist vielleicht das wichtigste Gesicht in der Partei»), möglicherweise bugsiert er Petry aber bereits heute endgültig in die zweite Reihe, sollte ihn die Partei fürs Spitzenteam für die Bundestagswahlen bestimmen. «Gucken Sie mich nicht so streng an», meint er nach seinem Statement zum Sprecher, «damit können Sie doch leben.» Gauland will lustig sein, doch seinem Sprecher ist nicht zum Scherzen zu Mute. «Nein, ich kann mit vielem in den letzten Wochen nicht mehr leben», raunzt er zurück. Das hat gesessen.

«Die Schuld für die Spaltung trägt doch Petry selbst», sagt Thomas de Jesus Fernandes, AfD-Abgeordneter im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Sie habe unnötigerweise ein Parteiausschlussverfahren gegen den stramm rechts stehenden Björn Höcke angestrengt. Sie habe doch die Richtungskämpfe in der Partei angefacht, sagt Fer­nandes. Er steht vor dem Eingang zum «Maritim» und zieht etwas hastig an einer Zigarette.

Die Trillerpfeifen und die Musik der Gegendemonstranten sind von hier gut zu hören. Etwa 10 000 sind gekommen, um unweit des Hotels ein Zeichen der Toleranz dem AfD-Parteitag entgegenzusetzen. 4000 Polizisten stehen im Einsatz, ein Hubschrauber kreist schon den ganzen Tag über dem Hotel, Millionen von Euro verschlingen die ­Sicherheitskosten. Fernandes ignoriert den Lärm und schwärmt, wie fast alle hier, von Jörg Meu­then. Der andere Co-Vorsitzende neben Petry hat zuvor eine Rede gehalten, die viele von den Sitzen riss, manche skandierten danach seinen Namen, es klang wie bei einem Fussballspiel. Der 55-Jährige galt mal als Petry-Getreuer. Dass diese Zeiten längst vorbei sind, zeigt sich eindrücklich, als er die Strategie von Petry in einer umjubelten Rede zerpflückt.

Auch die Parteispitze spendet Meuthen kräftig Applaus. Nur Petry nicht. Sie lenkt sich ab, indem sie irgendwas in ihren Computer tippt. Sie zieht das mit dem Parteitag durch, auch wenn sie demontiert worden ist. «Ich bin und bleibe Parteivorsitzende», sagt sie einmal trotzig. Der heimliche Sieger des ersten Tages ist Jörg Meuthen. Dieser will die Partei im Wahlkampf nicht anführen, aus privaten Gründen. Fernandes bedauert das, wie die meisten hier: «So einen Spitzenkandidaten brauchen wir. Wir wollen keine Machtkämpfe.» Die Partei habe doch einen gemeinsamen Feind, sagt er und deutet mit dem Zeigefinger die Strasse rüber zu den linken Demonstranten. «Der steht da draussen.»

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