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DEUTSCHLAND: Er hat sieben Jahre Stasi-Haft und drei Mordanschläge überlebt

Wolfgang Welsch hat sieben Jahre Stasi-Haft und drei Mordanschläge durch Ostagenten überlebt. Diese Woche sprach er mit Luzerner Schülern über Menschenrechte und Demokratie. Letztere müsse immer wieder erarbeitet werden, sagt er.
Dominik Weingartner
Wolfgang Welsch hat die dunkle Seite der DDR am eigenen Leib erfahren. (Bild: Pius Amrein (Meggen, 14. März 2018))

Wolfgang Welsch hat die dunkle Seite der DDR am eigenen Leib erfahren. (Bild: Pius Amrein (Meggen, 14. März 2018))

Interview: Dominik Weingartner

Das Leben von Wolfgang Welsch könnte aus der Feder eines Krimiautoren stammen. 1964 im Alter von 20 Jahren beim Fluchtversuch aus der DDR festgenommen, verbrachte der Berliner insgesamt sieben Jahre in Haft. Dort erlebte der heute 74-Jährige physische und psychische Folter, unter anderem musste er eine Scheinhinrichtung über sich ergehen ­lassen. 1971 wurde Welsch von der BRD freigekauft. Danach betätigte er sich als Fluchthelfer. Über 200 Menschen verhalf Welsch zu einem neuen Leben im Westen – und geriet dadurch erneut ins Visier der ostdeutschen Geheimdienste. Drei Mordanschläge überlebte er dank viel Glück. Diese Woche sprach Wolfgang Welsch vor Kantonsschülern im Kanton Luzern über Demokratie und Menschenrechte.

Wolfgang Welsch, was wollen Sie den Schülern vermitteln?

Ich möchte vermitteln, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sie muss erarbeitet werden. Man muss etwas tun, auch wenn man nur zur Wahl geht. Demokratie ist nicht in Beton gegossen, jeder sollte sich auf seine Weise einbringen.

Der Untergang der DDR ist fast 30 Jahr her, die Schüler heute waren damals lange nicht geboren. Macht es das schwieriger, die damaligen Zustände fassbar zu machen?

Diesen Eindruck habe ich nicht. Wenn man Themen wie Menschenrechte oder Freiheit aus dem Abstrakten herausholt, kann man Schüler heute immer noch erreichen. Das hat nichts damit zu tun, dass sie das persönlich nicht erlebt haben. Man kann das durch eine lebendige, fassbare und auf die Gegenwart bezo­gene Geschichte kompensieren.

Auf die Gegenwart bezogen: Sehen Sie die Demokratie in Gefahr?

Durchaus, man muss sich nur in Europa umschauen. Das wissen die Schüler auch, obwohl sie vielleicht nicht ständig Nachrichten hören.

Nach dem Kollaps des Ostblocks 1990 glaubten viele, die liberale Demokratie habe für immer gesiegt. Doch mittlerweile sind in Europa auch wieder autoritäre Regimes an der Macht, etwa in Ungarn oder Polen. Wie erklären Sie sich das?

Man kann die osteuropäischen nicht mit den westeuropäischen Ländern gleichsetzen. Westeuropa hat schon viel länger Erfahrung mit Demokratie, mit Liberalität, mit Freiheit der Wirtschaft. Das ­haben die ehemaligen Ostblockländer nicht. Da laufen noch andere geschichtliche Prozesse. In Polen etwa sind starke katholische und auch nationalkonservative Elemente vorhanden, die sich jetzt Ausdruck verschaffen. Auch in Ungarn sind Politiker am Werk, die meinen, das Ungarische besonders hervorheben zu müssen und auch auf diesen nationalen Kurs umzuschwenken. Da sehe ich eine gewisse Gefahr.

In Deutschland gibt es das Phänomen der Ostalgie, man sehnt sich zurück nach der guten alten DDR-Zeit. Können Sie das nachvollziehen?

Nein, das kann ich nicht. Aber ich glaube, ich kenne die Ursachen. In einer Diktatur muss man sich keine grossen Gedanken machen. Da wird alles geregelt, von der Wiege bis zur Bahre. Wenn man in einer freien Gesellschaft lebt, ist man gefordert, man muss selber etwas tun. Das kann anstrengend sein. Dazu kommt, dass die Zeit in der DDR für viele Leute die Zeit war, in der sie jung waren, sich verliebt haben und Kinder gekriegt haben. Das sind Ereignisse, in denen sich trotz Diktatur privates Glück manifestierte. Die Sonne schien auch in der DDR. Doch die Leute, die diese Zeit verherrlichen, haben vergessen, wie es wirklich war. Für einen Witz konnte man im Gefängnis landen. «Feind ist, wer anders denkt», hiess es bei der Stasi.

Leute, die der DDR nachtrauern, führen auch ökonomische Argumente ins Feld. So habe es etwa keine Arbeitslosigkeit gegeben.

Natürlich gab es in der DDR Arbeitslosigkeit, sie wurde einfach nicht so bezeichnet. Wer nicht arbeiten wollte, kam ins Gefängnis, ins Arbeitslager. Der Eindruck kommt daher, dass jeder von der Strasse weg kam, auch wenn es unproduktiv war, dadurch gab es keine Arbeitslosen. Aber natürlich gab es Arbeitslosigkeit und Armut. Es gab auch grosse Kriminalität. Der sozialistische Mensch war nicht weniger kriminell als der kapitalistische. Und es gab Zwang. Alles war Zwang. Man wurde zu seinem Glück gezwungen. Das blendet man heute aus und so entsteht Nostalgie. Es gibt besondere Auswüchse, etwa wenn der grosse DDR-Eiskunstlaufstar Katharina Witt heute im Fernsehen auftritt im Blauhemd der DDR-Jugendorganisation FDJ. Sie vergisst dann, was das für ein Symbol ist. Das Blauhemd steht für Zwang, für Zwangsbeglückung, für Zwangsjugend.

Sie wollten als junger Mann diesem Zwang entfliehen. Wie kamen Sie zu diesem Entschluss?

Ich bin in Ostberlin geboren und war zu einer Zeit Schüler, als es die Mauer noch nicht gab. Ich habe mit dem Fahrrad oft meine Verwandten in Westberlin besucht. Westberlin war für mich nichts Fremdes. Als die Mauer gebaut wurde, war mir klar: Ich lasse mich nicht einsperren, ich werde dieses Land verlassen. Nach dem Abitur versuchte ich sofort zu flüchten. Das misslang leider.

Sie wurden dann eingesperrt. In Haft haben Sie Unmenschliches erlebt, Isolation, Schläge – auch eine Scheinhinrichtung.

Ich konnte mir nie vorstellen, überhaupt ins Gefängnis zu kommen. Diese brutale Haft, Isolation, monatelang keine Besuche, das ist für einen 20-Jährigen psychische Folter. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Wir haben als Schüler die sogenannte antifaschistische Literatur gelesen. Dort wurde über die grausame Folter der Gestapo berichtet. Das Gleiche passierte mir auch.

Wie erklären Sie sich, dass Menschen in der Lage sind, anderen Menschen so etwas anzutun?

Der Hass war wesentlicher Bestandteil der Erziehung in der DDR. Das fing schon im Kindergarten an. Hass auf den Westen, Hass auf Andersdenkende, Hass auf den «Klassenfeind». Das Gefängnispersonal hat uns als Abfall angesehen. Wir hatten auch keine Namen mehr. Wenn man auf der rechten Pritsche war, hiess man nur noch «Rechts». Das war eine Entpersönlichung. Wir waren keine Menschen, wir waren Sachen. Und mit Sachen kann man beliebig umgehen, ganz ohne schlechtes Gewissen. So entstand die Leichtigkeit der Misshandlung und Folter.

1971 kaufte Sie die BRD frei. Was war Ihr erster Eindruck vom Westen?

Ich fuhr mit 41 anderen politischen Häftlingen in einem Bus über die Grenze. 200 Meter nach der Grenze hielt der Bus auf einem Parkplatz. Wir stiegen aus und viele fielen zu Boden und küssten die Erde. Das war keine Show, das war tief empfunden. Da empfand ich zum ersten Mal Freiheit, das war so berauschend – ich habe das später immer mit Liebe gleichgesetzt. Freiheit ist die Vorbedingung für alles, sie ist ein Menschenrecht.

Was bedeutet für Sie Freiheit?

Freiheit ist die Grundvoraussetzung für alles andere. Für Teilhabe, für Meinung, für das Leben in all seinen Facetten schlechthin. Freiheit halte ich für existenziell. Ohne Freiheit kann sich nie etwas entwickeln.

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