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DEUTSCHLAND: Er sah sich als «Herrenmenschen»

Er hetzte gegen Juden, strebte nach der Herrschaft der arischen Rasse und verehrte die SS. Nazi-Aussteiger Matthias Adrian erzählt, wie er in den braunen Sumpf geriet – und sagt, weshalb man die NPD verbieten muss.
Christoph Reichmuth, Berlin
Matthias Adrian in seiner Dreizimmerwohnung. Er fürchtet sich vor Verfolgung und lässt sich nur von der Seite fotografieren. (Bild Rudi-Renoir Appoldt)

Matthias Adrian in seiner Dreizimmerwohnung. Er fürchtet sich vor Verfolgung und lässt sich nur von der Seite fotografieren. (Bild Rudi-Renoir Appoldt)

Es gibt dieses Foto von Matthias Adrian, das mal in der «Bild am Sonntag» erschienen ist. Darauf ist ein junger Mann zu sehen, das Haar gescheitelt, kleiner Schnauz, Braunhemd, schwarze Hose, hohe Stiefel. Damals war Adrian führendes Mitglied der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD. In seinem Aufnahmeantrag an die Partei gab er an, er wolle sich mit «Rassenhygiene und Eugenik» beschäftigen.

5 Dönerbuden, kein Bratwurststand

«Ich wollte völkisch auftreten, sah mich als einen Vertreter der germanischen Herrenrasse», erinnert sich der heute 37-Jährige. Zu jener Zeit waren die Wände seines Zimmers tapeziert mit Postern von Adolf Hitler, in seinem Bücherregal lag «Mein Kampf», er sammelte Schriften über die Waffen-SS, sein Idol war Heinrich Himmler. Adrian hasste Ausländer und Juden. Seine Gedankenwelt war klein: «Warum hat es in dieser Strasse fünf verdammte Dönerbuden, aber keinen einzigen deutschen Bratwurststand?» Heute sagt Adrian: «Die NPD muss verboten werden.»

Berlin, Mitte Dezember 2013. Matthias Adrian sitzt in seinem dunklen Wohnzimmer einer Dreizimmerwohnung im Berliner Bezirk Pankow. Erst um 23 Uhr muss er zur Arbeit, die ganze Nacht hindurch. Er ist Türsteher bei einem hippen Berliner Club. Adrian spricht schnell, gestikuliert wild, beugt sich nach vorne, wenn er von seiner braunen Vergangenheit erzählt. Seine Haare sind seitlich auf Millimeterlänge geschoren, er trägt ein weisses Hemd, darüber eine dunkle ärmellose Weste. Ein bisschen mulmig wird einem da schon, das erinnert doch allzu sehr an die Zeit von damals, 20er-, 30er-Jahre. An der einen Wand sind Waffen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg aufgehängt. Adrian lächelt. «Ich bin verrückt nach Rockabilly.»

Die Judenhetze

Wieder diskutiert Deutschland darüber, die rechtsradikale NPD zu verbieten. Vor zwei Wochen haben die Bundesländer beim Verfassungsgericht in Karlsruhe einen Verbotsantrag eingereicht. Auf mehr als 250 Seiten will die Länderkammer die ideologische «Wesensverwandtschaft» der NPD mit der NSDAP belegen. «Das Weltbild der NPD ist mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar», sagt Adrian. Die NPD strebe eine Volksherrschaft an, die von der Volksgemeinschaft getragen werde. «Für die NPD kann aber nur Volksgenosse sein, wer deutschen oder artverwandten Blutes ist. Ausländer und Juden sind davon ausgeschlossen.» Udo Pastörs, stellvertretender Bundesvorsitzender, machte aus dem volksverhetzenden Weltbild nicht einmal einen Hehl. 2009 schrie er gestenreich von einem Podium, das «Finanzgebäude dieser Judenrepublik!» werde in den nächsten zwei Jahren zusammenbrechen. Vor ein paar Jahren hätte sich Adrian von seinem Sitz erhoben und gejubelt. Endlich mal einer, der es auf den Punkt bringt.

Heute meint Adrian: Ein Verbot entzieht der NPD die finanzielle Grundlage, ihre Infrastruktur wird zerschlagen. Denn der Staat subventioniert die Partei heute mit, so will es das Gesetz.

Abenteuer Ostfront

Adrian muss es wissen. Er steckte tief drin im rechtsextremen Milieu. Aufgewachsen ist Adrian in der konservativ-katholischen Mittelschicht der hessischen Provinz als ältester von drei Söhnen. Der Vater hat einen gut laufenden Mechanikerbetrieb, ist patriotischer CDU-Wähler. Matthias ist noch ein Kind, als er die Faszination für das Dritte Reich entwickelt. Bei Familienfeiern sitzen Opa und Onkel und die Jagdfreunde des Vaters am Abend noch zusammen, da erzählen sich die ehemaligen Wehrmachtsoldaten Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg. Panzerschlachten, Soldatenromantik, Zusammenhalt. «Die haben über den Krieg geredet, als hätten sie eine Fussball-Weltmeisterschaft mit Panzern gespielt, die sie gerne gewonnen hätten.» Die «gute alte Zeit», in der nicht alles so schlimm war, wie es später immer hiess. Und der «Adolf» habe doch auch Gutes getan, Arbeitsplätze geschaffen, und Kriminalität gab es damals nicht. «Nie war die Rede von Verbrechen.» Abenteuer Ostfront. Matthias findet Krieg irgendwie cool.

«Glaub nicht, was du hörst»

Die Lehrer in der Schule erzählen anderes. Auschwitz, SS, Pogromnacht, Gaskammer. «Glaub nicht alles, was du hörst», sagen Vaters Jagdfreunde. Einer von ihnen drückt dem Jugendlichen, er ist gerade 12, eine Ausgabe der rechtsextremen «National Zeitung» in die Hand. Den Holocaust hat es nicht gegeben, liest er darin, und die Amerikaner versuchen das deutsche Volk seit Kriegsende umzuerziehen.

Mit 13 knüpft er erste Kontakte zur neonazistischen Wiking-Jugend. Pfadfinder-Romantik, schleichende Indok­trinierung. Mit 17 kennt er sämtliche rechte Kameradschaften in der Region, er schliesst sich der Jugendorganisation der NPD in Südhessen an. Matthias besucht Kameradschaftsabende, der Ablauf ist stets derselbe: eine Dreiviertelstunde Schulung, über die «Rolle der Frau im Nationalsozialismus» zum Beispiel. Danach Nazi-Lieder singen. Am 20. April, Hitlers Geburtstag, werden Hakenkreuzflaggen gehisst. Alles im Verborgenen. «Die Partei wollte nach aussen hin moderat erscheinen.»

Keine Kartoffeln von Afrikanern

Adrian ist wie elektrisiert von der Ideologie der SS, er glaubt den Verschwörungen über das «Weltjudentum», das die «germanische Rasse» zu vernichten versuche. Adrian sieht sich nie als Schläger, die Glatzköpfe, die johlenden und saufenden Nazis mit den Springerstiefeln, denen fühlt er sich überlegen. Die Glatzen brauchen wir, um unseren Sieg zu erringen, danach können wir sie entsorgen, denkt er. «Herrenmenschen pöbeln nicht.» Er schlägt nicht zu, aber er hätte niemals eine Kartoffel an einem Gemüsestand gekauft, an dem ein Afrikaner arbeitet. Adrian schaut auch nicht fern, weil das gesamte Programm von Juden gesteuert ist, wie er glaubt. Adrians Kategorien sind simpel und gefährlich. Es gibt Herrenmenschen und biologisch begründete Untermenschen. Er ist felsenfest davon überzeugt: Der Sieg der «Nationalen» führt über «Umvolkung und Massenvernichtung». «Ein notwendiges Übel auf dem Weg zum Ziel.»

Zweifel kommen hoch

Adrian glaubt, die Dinge in die Hand nehmen zu müssen. «Ich suchte nach neuen Ansatzpunkten, um unserer Idee schneller zum Durchbruch zu verhelfen.» Er knüpft Kontakte zu «echten» Nazis wie dem Holocaust-Leugner Jürgen Rieger und beschafft sich die Schrift des NS-Ideologen Alfred Rosenberg, «Der Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts».

Plötzlich kommen in Adrian Zweifel hoch. Die Theorie über Atlantis als Ursprung einer nordischen Rasse klingt so hanebüchen, dass sie nicht aufgehen kann. Der damals 23-Jährige sucht weitere Quellen durch, surft im Internet. Er stösst auf immer mehr Widersprüche, über die «feigen Juden», wie es doch immer hiess. Nun liest Adrian, dass die Juden für Deutschland tapfer für das Kaiserreich gekämpft hatten. Er forscht über den Holocaust, erfährt über die Verbrechen an der Zivilbevölkerung. «Wenn wir schon radikale Ideen umsetzen wollen», sagt er sich, «dann müssen sie aber auch zu hundert Prozent richtig sein.» Der gelernte Bäcker zieht sich mehr und mehr zurück aus der Szene, von den Kameraden, die anrufen und fragen, wo er bliebe, denen sagt er, er sei krank, es sei ihm schlecht, irgendetwas. Adrian weiss jetzt nicht mehr, woran er glauben soll. «Ich hatte meine Basis verloren. Ich kannte nichts anderes als meine Ideologie, mein gesamtes Umfeld glaubte daran.» In Internet-Foren tauscht er sich mit Nazi-Aussteigern aus. Adrian erkennt: Es ist alles falsch, was ich für gut befand.

Seine Nazi-Freunde toben. Adrian bekommt Morddrohungen, in Foren wird seine Adresse und Telefonnummer angegeben. Einer ruft mal an: «Die Kugel für deinen Schädel ist schon gegossen.» Adrian zieht nach Berlin. Hier ist er sicherer.

«Eine geistige Befreiung»

Das war im Jahr 2000. Zehn Jahre lang hat sich Adrian für die Nazi-Aussteiger-Plattform Exit engagiert. «Ich habe eine geistige Befreiung durchlebt.» Die Arbeit ist noch nicht getan. Derzeit ist die NPD in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern noch im Landtag. Bei der Bundestagswahl im September kam die NPD zwar nur auf einen Stimmenanteil von 1,3 Prozent. Aber: «Die NPD ist gefährlich. Denn sie ist die Speerspitze eines sehr gewaltbereiten, nationalen Widerstands.»

Er könnte vielleicht stolz sein auf sich, dass er den Ausstieg alleine schaffte. «Wenn man sich mit dem Auto verfährt und wendet, ist man auch nicht stolz auf sich.» Adrian schämt sich für seine Vergangenheit. Das ist das ganze Gespräch hindurch spürbar. «Mit der Person, die ich einmal war, hätte ich heute höchstens Mitleid.»

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