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DEUTSCHLAND: «Es war ein Leben im Verborgenen»

In der Bundesrepublik wurden Zehn­tausende von Männern wegen ihrer Homosexualität verurteilt. Nun sollen sie endlich rehabilitiert werden.
Christoph Reichmuth, Berlin
Ältere homosexuelle Männer warten in Deutschland bis heute auf Wiedergutmachung. (Symbolbild Getty)

Ältere homosexuelle Männer warten in Deutschland bis heute auf Wiedergutmachung. (Symbolbild Getty)

Christoph Reichmuth, Berlin

Heinz Schmitz*, heute 73, kann sich an jenen Tag im Februar 1962 genau erinnern. Mit zittrigen Knien stand der damals 18-Jährige vor dem Richter, in fünf Punkten wurde er der sexuellen Unzucht mit Männern für schuldig befunden: «Der Angeklagte strich im Kino einem neben ihm sitzenden Mann wolllüstern über die Knie», hiess es in der Anklage etwa. Oder: «Gegenseitiges Onanieren mit einem Mann in seinem Zimmer.» Der Pflichtverteidiger, mit dem der Teenager zuvor kein Wort gewechselt hatte, versuchte die Strafe abzumildern, indem er auf die schwierige Beziehung Schmitz’ zu seiner Mutter hinwies und daraus herleitete, der junge Mann sei nur deshalb auf die falsche Bahn geraten und in die Homosexualität abgedriftet.

Coming-out mit 40

Die Richter kannten kein Pardon. Heinz Schmitz wurde zu sechs Monaten Jugendhaft und zwei Jahren Bewährung verurteilt. Drei Wochenenden musste er in Jugendhaft in Süddeutschland in Einzelhaft verbringen. Die Wärter sagten bei Haftantritt: «Dieses Schwein werden wir gesondert einsperren.» Heinz Schmitz: «Ich fühlte mich alleine gelassen, habe jahrelang nicht einmal mehr gewagt, einen Mann überhaupt anzusehen.»

Heinz Schmitz hat ein Leben lang unter den Restriktionen gelitten, mit denen Homosexuelle in der Bundes­republik bis in die 1980er-Jahre zu leiden hatten. Er heiratete mit 22 ein zwei Jahre jüngeres Nachbarsmädchen und wurde Vater zweier Töchter. Er sagt heute, dass er diese Frau damals aus Liebe geheiratet habe, aber seine Leidenschaft, sein wahres Ich konnte er jahrzehntelang nie ausleben. «Ich bin heute über 70 Jahre alt. Ich bin nicht glücklich, weil ich nie so leben durfte, wie ich gerne wollte. Es war ein Leben im Verborgenen», sagt Schmitz, der im Alter von Ende 30 seine Ehe auflöste und mit 40 Jahren seine Homosexualität einem vertrauten Kreis anvertraut hatte.

Mehr als 50 000 verurteilte Männer

Schmitz gilt noch immer als vorbestraft, in seiner Akte ist die vor 54 Jahren ausgesprochene Bewährungsstrafe nach wie vor vermerkt. Nun endlich will die Bundesrepublik Männer wie Heinz Schmitz kollektiv rehabilitieren und eine Entschädigung in einen Fonds einer Stiftung einbezahlen, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt. Mehr als 50 000 Männer wurden in der Bundesrepublik für ihre Homosexualität verurteilt, erst 1994 wurde der aus dem Jahre 1872 stammende und von den Nationalsozialisten verschärfte Paragraf 175 («sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts») aus dem Strafgesetzbuch gekegelt. Doch jene Männer, die damals zu Tätern gemacht wurden, werden bis heute kriminalisiert.

«Der Staat hat Schuld auf sich geladen, weil er so vielen Menschen das Leben erschwert hat», sagt SPD-Justizminister Heiko Maas. Der Paragraf 175 sei von Anfang an verfassungswidrig gewesen, die alten Urteile seien unrecht. «Sie verletzen jeden Verurteilten zutiefst in seiner Menschenwürde. Diese Schandtaten des Rechtsstaates werden wir niemals wieder ganz beseitigen können, aber wir wollen die Opfer rehabilitieren.» Die Zeit dränge, sagt Markus Ulrich, Sprecher des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes (LSD), gegenüber unserer Zeitung. «Es gibt immer weniger Betroffene.» Eine Entschuldigung alleine reiche nicht aus. «Wir wollen die rechtliche Rehabilitierung.»

Ob das Ansinnen wie geplant bis 2017 durchgebracht werden kann, ist fraglich – in konservativen Kreisen der Union drücken einige auf die Bremse. Nicht zuletzt zeigt sich, dass Schwule und Lesben in der Gesellschaft nach wie vor Vorurteilen ausgesetzt sind, obwohl die verkrusteten Strukturen der 1950er- und der 1960er-Jahre als längst aufgebrochen gelten. Eine in dieser Woche publizierte Studie der Universität Leipzig zeigt, dass Homosexualität nach wie vor als nicht normal angesehen wird. 40 Prozent stimmen der Aussage zu, es sei «ekelhaft», wenn sich Schwule oder Lesben in der Öffentlichkeit küssten, jeder Vierte findet Homosexualität generell «unmoralisch». Heinz Schmitz sagt: «Die Realität ist, dass es noch Generationen dauern wird, bis Homosexualität kein Thema mehr ist.»

Bruch mit der Familie

Dass die Rehabilitierung überhaupt zum Politikum werden konnte, ist auch mutigen Männern wie Heinz Schmitz zu verdanken. Er spricht mit Zeitungen, tritt in TV-Sendungen auf, er macht seine Geschichte öffentlich, um auf die damalige Ungerechtigkeit hinzuweisen. Diese offensive Art, mit dem Unrecht umzugehen, hat Beziehungen in die Brüche gehen lassen. Seine beiden Töchter gingen zu ihm auf Distanz, zu seiner Ex-Frau ist der Kontakt abgebrochen. Deshalb tritt Schmitz nicht mehr mit seinem richtigen Namen in der Öffentlichkeit auf.

Mit seiner inzwischen verstorbenen Mutter, die ihn 1961 beim Jugendamt denunziert hatte, also für die Verurteilung verantwortlich ist, hat sich der vaterlos aufgewachsene Heinz Schmitz vor ihrem Tod einigermassen versöhnt, wirklich verstehen konnte die Mutter ihren Sohn aber nie. Vor ihrem Tod hat Heinz Schmitz seine Mutter gefragt, warum sie das damals getan habe. «Ich habe Angst um dich gehabt», gab sie zur Antwort. Es war das einzige Mal, dass die beiden über dieses Thema gesprochen haben.

Heinz Schmitz geht es nicht um Geld zur Genugtuung, alleine ein offizielles Schreiben des Staates, eine Entschuldigung und die Aufhebung des Urteils, es würde ihm reichen. «Ich wäre glücklich und stolz darauf, dass ich da mitgewirkt habe.»

* Name geändert

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