Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

DEUTSCHLAND: Ex-Minister Schwarz-Schilling: «An Kohl kommt keiner vorbei»

Für Helmut Kohl soll es keinen Staatsakt in Deutschland geben. Offenbar wollte dies Kohl aus Groll gegenüber heutigen Politgrössen nicht. Merkel soll nun in Strassburg reden – entgegen früherer Planungen.
Christoph Reichmuth, Berlin
Porträt Helmut Kohls vor dessen Haus in Oggersheim. (Bild: Ronald Wittek/EPA (Ludwigshafen, 18. Juni 2017))

Porträt Helmut Kohls vor dessen Haus in Oggersheim. (Bild: Ronald Wittek/EPA (Ludwigshafen, 18. Juni 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

Für den verstorbenen «Einheitskanzler» Helmut Kohl wird es in Deutschland keinen Staatsakt geben. Stattdessen soll es auf Wunsch der Witwe Maike Kohl-Richter einen europäischen Trauerakt – vermutlich am 1. Juli – in Strassburg geben. Am gleichen Tag soll in Deutschland ein «staatliches Trauerzeremoniell» stattfinden. Nach einem Requiem im Dom zu Speyer ist eine militärische Zeremonie mit Ehrenformation vorgesehen. Kohl soll auf dem Friedhof in Speyer beigesetzt werden und damit nicht im Familiengrab in Ludwigshafen.

Bei dem Trauerakt im EU-Parlament soll es Ansprachen von Jean-Claude Juncker, Emmanuel Macron sowie von Bill Clinton und dem früheren spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzales geben. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist als Rednerin vorgesehen. Einem Bericht des «Spiegels» zufolge hatte Kohls Witwe zunächst den Wunsch geäussert, es sollten nur ausländische Gäste bei der Feier sprechen. Kohl-Richter sah unter anderem anstelle von Merkel den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban als Redner vor. Der Fidesz-Vorsitzende stattete dem gesundheitlich angeschlagenen Altkanzler noch im April 2016 einen persönlichen Besuch ab. Dass Kohl einen der schärfsten Kritiker der Bundeskanzlerin zu sich einlud, war symbolbeladen. Kohl kritisierte die Kanzlerin in seinem Buch «Aus Sorge um Europa» für ihre politischen Alleingänge in der Flüchtlingskrise scharf.

Es wäre einem Eklat gleichgekommen, wäre die Kanzlerin von der Rednerliste bei der Trauerfeier für Kohl gestrichen worden. Offenbar musste Kohl-Richter von Vertrauten zur Räson gebracht werden, Merkel darf in Strassburg nun doch sprechen. Kohl-Richter dementierte den «Spiegel»-Bericht gestern. Die Geschichte, hat sie sich tatsächlich so zugetragen, lässt tief blicken. Kohl genoss immer den Ruf, äusserst nachtragend zu sein. Dass Merkel nicht als Rednerin vorgesehen war, dürfte seine Witwe zumindest intuitiv im Sinne ihres verstorbenen Ehemannes entschieden haben.

Zum Bruch zwischen Merkel und Kohl kam es, als Merkel im Zuge der Spendenaffäre ihre Partei dazu aufforderte, sich von Kohl zu emanzipieren. Kohl, 25 Jahre Chef der CDU und 16 Jahre Kanzler Deutschlands, verlor seinen CDU-Ehrenvorsitz. Zwar kam es Jahre später zu einer Art Versöhnung zwischen der CDU und Kohl, doch Christian Schwarz-Schilling (CDU), von 1982 bis 1992 als Minister im Kabinett Kohl, sagte gegenüber unserer Zeitung: «Ich glaube, dass die Aussöhnung zwischen der CDU und Kohl die kritische Haltung Kohls gegenüber Merkel bis zuletzt nicht überdecken konnte.»

Offenbar ist Kohls verletzte Eitelkeit auch der Grund, weshalb in Deutschland kein Staatsakt geplant ist. Gegen einen deutschen Staatsakt habe laut einem Kohl-Vertrauten, den die «Bild» zitiert, «auch eine Rolle gespielt, wie die Nachfolge-Regierung mit ihm als Demokraten umgegangen ist». Damit wird deutlich, dass Kohl auch den Umgang der rot-grünen Nachfolgeregierung unter Gerhard Schröder (SPD) mit seinem politischen Erbe nie verziehen hat. Die Schröder-Regierung unterstellte Kohl, er habe in den letzten Wochen seiner Kanzlerschaft 1998 wichtige Dokumente vernichten lassen – belegen lässt sich dieser Vorwurf bis heute nicht. Pikant: Der damalige Kanzleramtschef hiess Frank-Walter Steinmeier. Steinmeier ist heute Bundespräsident und als solcher allein befugt, einen Staatsakt einzuberufen, an dem er freilich auch das Wort ergreifen würde. Offenbar wollte Kohl – oder möchte zumindest seine Witwe – einer Würdigung durch Steinmeier aus dem Weg gehen.

Konflikte über Kohl-Archiv programmiert

Eine Woche nach dem Tod des «Einheitskanzlers» besteht die Gefahr, dass das Erbe Kohls in Berichten über persönliche Animositäten und familiäre Schlammschlachten überschattet wird. Zuletzt sorgte für Schlagzeilen, dass einer von Kohls Söhnen mitsamt seinen Kindern nicht ins Haus in Oggersheim gelassen wurde und von der Polizei des Geländes verwiesen werden musste. Auch wird in den Medien das Bild der kühlen Witwe gezeichnet, die Kohl von seinem früheren Umfeld gänzlich abschottete und die Deutungshoheit über Kohl für sich beanspruche. Ausserdem kommen Fragen hoch, in welchen Archiven Kohls Unterlagen aus seiner Zeit als CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler künftig aufbewahrt werden sollen. Wichtige Dokumente lagern seit 2010 in Kohls Eigenheim. In der Schwebe ist, ob die Witwe die historischen Belege aushändigen wird, was ihre rechtliche Verpflichtung wäre. Konflikte scheinen vorprogrammiert.

Ex-Minister Schwarz-Schilling bedauert solche Diskussionen. Diese hätten aber nicht das Potenzial, das politische Erbe Kohls zu beschädigen, betont der 86-Jährige: «An der Grösse Kohls kann keiner vorbeigehen – weder Deutschland noch Europa.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.