DEUTSCHLAND: Fall Münster: Motive der Tat bleiben schleierhaft

Münster steht nach dem mutmasslichen Amoklauf vom Samstag unter Schock. Warum der 48-Jährige seinen VW-Bus in die Menschenmenge steuerte, ist weiterhin unklar. In seiner Wohnung wurden Polenböller und eine alte Kalaschnikow gefunden.

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Polizisten stehen vor dem Haus, in dem sich die Wohnung des Amokfahrers befindet. (Bild: Friso Gentsch / DPA / Keystone (Münster, 8. April 2018))

Polizisten stehen vor dem Haus, in dem sich die Wohnung des Amokfahrers befindet. (Bild: Friso Gentsch / DPA / Keystone (Münster, 8. April 2018))

Christoph Reichmuth, Berlin

Bei der mutmasslichen Amok-Fahrt eines 48-jährigen Mannes aus Deutschland am Samstagnachmittag in der nordrhein-westfälischen Studentenstadt Münster verloren zwei Deutsche – eine 51-jährige Frau und ein 65 Jahre alter Mann – ihr Leben. Unter den über 20 Verletzten sollen Berichten zufolge vier Schwerstverletzte sein. Noch in der Nacht auf Sonntag hatte es im Uniklinikum mehrere Notoperationen gegeben. Über den Zustand der Verletzten lagen bis am Sonntag keine weiteren Angaben vor. Ein Augenzeuge schilderte den Vorfall gegenüber mehreren Medien in dramatischen Worten: «Ich habe einen lauten, dumpfen Schlag gehört und mit einem Mal schrien die Leute auf: ‚Oh mein Gott!‘». Eine 27-jährige Studentin erinnert sich an panisch weglaufende Menschen. «Weg, weg, da ist einer in Menschen gerast, das ist Terror!», hätten diese gerufen.

Beim Täter soll es sich um einen 48 Jahre alten Industriedesigner handeln, der mehrere Meldeadressen hatte. Seine Wohnung in der Münsteraner Innenstadt, lediglich zwei Kilometer vom Tatort entfernt, wurde noch am späten Samstagabend von der Polizei durchsucht. Die Beamten fanden eine ausrangierte und nicht mehr funktionstüchtige Kalaschnikow, zudem sogenannte Polen-Böller. Solche in Deutschland verbotenen Feuerwerkskörper, die es vor allem an der deutsch-polnischen oder tschechisch-deutschen Grenze zu kaufen gibt, vorwiegend in China und Italien produziert werden und über eine enorme Sprengkraft verfügen, fanden die Beamten auch in dem VW-Bus, mit dem Jens R. am Samstag kurz vor 15.30 Uhr mit hohem Tempo in eine vor einer Kneipe sitzende Menschenmenge fuhr. Auffallend waren mehrere Drähte an dem VW-Camper, die von aussen ins Fahrzeuginnere führten. Die Sprengstoffexperten gaben später allerdings Entwarnung.

Kontakte ins rechtsextreme Milieu?

Die Motive der Tat bleiben weiterhin schleierhaft. «Bislang liegen keine Hinweise auf einen möglichen Hintergrund der Tat vor. Die Ermittlungen werden mit Hochdruck und in alle Richtungen geführt», erklärte der Einsatzleiter, Polizeidirektor Martin Fischer. Medien berichten, der zurückgezogen lebende Jens R. habe Ende März via Facebook seinen Abschied gegenüber Bekannten angekündigt. Offenbar sei der Mann in der jüngeren Vergangenheit psychisch auffällig gewesen, vor Kurzem habe er sogar einen Suizidversuch unternommen. Die «Bild» berichtet, der Mann sei der Polizei wegen Sachbeschädigung und Bedrohung in seinem persönlichen Umfeld aufgefallen. Zudem soll er – unbestätigten Berichten zufolge – Kontakte ins rechtsextreme Milieu unterhalten haben.

Fraglich ist, ob es sich bei der tragischen Tat um einen erweiterten Suizid oder um ein möglicherweise rechtspolitisch motiviertes Attentat – im Stile des Norwegers Andres Breivik – handelte. Mit 55'000 Studierenden gehört die rund 300'000 Einwohner zählende Stadt in Westfalen zu den zehn grössten Universitätsstädten Deutschlands. Hinweise über eine islamistisch motivierte Tat lagen keine vor. «Es spricht nichts dafür, dass es irgendeinen islamistischen Hintergrund gibt», erklärte der Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul. Der Terrorismusexperte der ARD, Michael Stempfle, bestätigt diese Einschätzung. Der Tathergang spreche kaum für einen islamistischen Hintergrund. Der Fahrer habe nach der Tat weder das Fahrzeug verlassen, noch habe er sich zur Wehr gesetzt, sondern sich selbst im Fahrzeuginnern mit einer Waffe gerichtet. «Das unterscheidet ihn von islamistischen Attentätern», so Stempfle. Die Polizei ist sich sicher, dass der aus dem westfälischen Sauerland stammende Mann alleine handelte. Zunächst gab es Gerüchte über zwei weitere Verdächtige, die nach der Tat den sibergrauen VW-Bus verlassen haben sollen.

Trump: «Verurteilen die Tat»

Zu Ehren der Opfer findet am Sonntagabend im Münsteraner Paulus-Dom ein Gedenkgottesdienst statt. Bereits am Nachmittag reiste Innenminister Horst Seehofer (CSU) nach Münster, um sich über den Stand der Ermittlungen zu informieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich in einer Stellungnahme «zutiefst erschüttert» über den Vorfall. «Es wird jetzt alles Denkbare zur Aufklärung der Tat und zur Unterstützung der Opfer und ihrer Angehörigen getan», sagte sie weiter. Auch US-Präsident Donald Trump kondolierte Deutschland. «Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Familien der Todesopfer und wir wünschen allen Verletzten eine vollständige Genesung. Auch wenn es für die Tat noch kein Motiv gibt, verurteilen wir sie und sichern die volle Unterstützung der US-Regierung zu, die Deutschland benötigt», teilte das Weisse Haus nach dem Anschlag mit.

Einsatzfahrzeuge der Polizei stehen in der Innenstadt von Münster. In der deutschen Stadt sind am Samstag mehrere Menschen gestorben, als ein Auto in eine Menschenmenge fuhr. Das teilte die Polizei über Twitter mit. (Bild: Keystone/DPA)

Einsatzfahrzeuge der Polizei stehen in der Innenstadt von Münster. In der deutschen Stadt sind am Samstag mehrere Menschen gestorben, als ein Auto in eine Menschenmenge fuhr. Das teilte die Polizei über Twitter mit. (Bild: Keystone/DPA)

Die Polizei sichert den Tatort im Zentrum von Münster ab, wo der Wagen in eine Menschengruppe hinein fuhr. (Bild: Keystone)

Die Polizei sichert den Tatort im Zentrum von Münster ab, wo der Wagen in eine Menschengruppe hinein fuhr. (Bild: Keystone)