Deutschland hat sich verändert

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Miriam Meckel, Publizistin und Dozentin
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Irgendwann kam mir ein kleines Büchlein in den Sinn,als ich das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz zur deutschen Bundestagswahl verfolgt habe. Peter Handke hat es 1970 geschrieben.«Die Angst des Torwarts beim Elfmeter». Die Erzählung beschreibt den Niedergang von Ex-Torhüter Bloch, verängstigt durch eine Welt, die er nicht mehr recht versteht und die zur Bedrohung wird. Wo einem nichts mehr vertraut ist und die bekannten Zusammenhänge verloren gehen, da wächst die Verrohung.

So kann man dieses Duell auch interpretieren. Als Zeichen einer Zeit, in der sich etwas verändert hat in Deutschland. Kein Raum in diesen 95 Fernsehminuten für die Zukunft. Kein Raum für die Themen des Fortschritts. Kein Raum für einen offenen, vielleicht gar optimistischen Blick nach vorne. In einem Land, dem es wirtschaftlich so gut geht wie lange nicht.

Das Duell war kein Bewerbungsgespräch um die Führung dieses Landes. Es war ein zäher Kampf um die Ängste einer Gesellschaft, die mit sich selbst im Unreinen ist. Die darum kreist, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden. Die vorsichtig, bisweilen martialisch, auslotet, wie sie sich abgrenzen kann von dem anderen, von äusserer Überforderung und den Unwägbarkeiten einer Welt, in der sich nicht alles in simple physikalische Gesetze – Reiz und Reaktion – auflösen lässt. 95 Minuten bleierne Zeit.

In zahlreichen Momenten brach sich dieses Gefühl auch in der Sprache Bahn. So fragte einer der Moderatoren in der Diskussion um die Abschiebung von Flüchtlingen ohne Aufenthaltsstatus: «Wann sind diese Leute weg?» Als frage er nach dem Termin der Müllabfuhr. In der Folge liess sich der SPD-Kanzlerkandidat Schulz dazu hinreissen, von Menschen als «Altlasten» zu sprechen. Zuvor hatte sich die Bundeskanzlerin verpflichtet gefühlt, darauf hinzuweisen, dass es keine Lösung sein könne, «mit Wasserwerfern gegen Tausende von Menschen» vorzugehen.

Man muss zugestehen: Den Rechtspopulisten ist es gelungen, Deutschland zu verändern. Gefühle der Angst, Wut und Überforderung aus der Hochphase der Flüchtlingskrise sind in die Kapillargefässe einer Gesellschaft gekrochen, die wegen ihrer wirtschaftlichen Situation eigentlich allen Grund zur Zuversicht hätte. Die AfD hat begonnen, mit ihrem Terror der Wortinhumanität die Sprache in Deutschland umzuprogrammieren. An diesem Fernsehabend traute sich kaum jemand mehr, aus dem Denkschema einer angeblich überforderten Gesellschaft auszubrechen, um etwas frische Luft in Köpfe und Diskussion zu bringen. Denken formt nicht nur die Sprache. Sprache formt auch das Denken. Das scheint düster geworden. Angst und Ablehnung als neue Grundhaltung, die alles bestimmt: die Fragen und die Antworten.

Auch die Schweiz kennt dieses Phänomen. Lukas Bärfuss hat das in einem Essay provokant auf die Formel gebracht: «Die Schweiz ist des Wahnsinns.» Es braucht wahrscheinlich nicht einmal den Wahnsinn. Verzagtheit reicht schon. Wenn Rechtspopulisten und Mainstream-Medien in einer «Popularisierungssymbiose» leben, wie der Historiker Caspar Hirschi es nennt, nimmt das Vernunft und Zuversicht auf Dauer die Luft.

Für das Selbstbewusstsein und die Innovationskraft eines Landes ist das verheerend. Angst wirkt systemstabilisierend. Das weiss auch der Torwart in Handkes Erzählung. Jeder Schuss aufs Tor ist eine neue Bedrohung. Dabei ist es schlicht sein Job, den Ball zu fangen. Ohne Angst wäre das leichter.

Miriam Meckel, Publizistin und Dozentin