DEUTSCHLAND: Lehrplan sorgt für Kulturkampf

Homosexualität soll im Unterricht thematisiert werden. Gegen die Pläne Baden-Württembergs formiert sich massiver Widerstand. Es wird vor «sexueller Umerziehung» gewarnt.

Christoph Reichmuth, Berlin
Drucken
Teilen
Gleichgeschlechtliche Liebe soll an Baden-Württemberger Schulen kein Tabuthema sein. (Bild: AP/Michael Reichel)

Gleichgeschlechtliche Liebe soll an Baden-Württemberger Schulen kein Tabuthema sein. (Bild: AP/Michael Reichel)

Eigentlich war das Dokument mit der harmlosen Überschrift «Leitprinzipien» für den Bildungsplan 2015 gar noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, es handelte sich viel eher um ein Arbeitspapier. Doch die Lehrpläne der rot-grünen Landesregierung in Stuttgart sind eben doch nach aussen gedrungen. Das war Ende des vorigen Jahres. Seither tobt in Baden-Württemberg ein Bildungsstreit, der sich quasi zu einem Kulturkampf entwickelt hat.

Die Volksschule soll die «Akzeptanz sexueller Vielfalt» vermitteln, steht da irgendwo fast nebensächlich in dem neuen Lehrplan. Im Kern geht es darum, im Schulunterricht auch alternative Lebensformen zur Mann-Frau-Beziehung zu thematisieren. Heisst: Die Schülerinnen und Schüler sollen darüber aufgeklärt werden, dass es eben auch Homosexualität oder Bisexualität gibt. Und dass daran nichts Anstössiges zu finden ist.

115 000 unterzeichnen Petition

Man könnte glauben, dass in einer Zeit, in der das Coming-out des Ex-Fussballspielers Thomas Hitzlsperger weitherum als mutig gelobt wird, eine solche Passage kaum für Aufruhr sorgen würde. Doch in Baden-Württemberg gibt es eben nicht nur das liberale Stuttgart, im 10-Millionen-Bundesland werden in den ländlichen Kleingemeinden noch strikt konservative Werte hochgehalten. Der 41-jährige Realschullehrer Gabriel Stängle, Mitglied einer bibeltreuen Gemeinschaft, macht seit November 2013 mit seiner Online-Petition «Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens» gegen die Lehrpläne Stimmung. Themen wie Homosexualität, so Stängle, gehörten nicht in den Unterricht.

In Baden-Württemberg denken viele Menschen wie der Realschullehrer aus dem Schwarzwald, über 115 000 Menschen, vorwiegend aus den ländlichen Gegenden, haben seine Online-Petition bereits unterzeichnet. Stängle und die Mitunterzeichner befürchten eine «sexuelle Umerziehung» in der Schule. Der Lehrer kritisiert in abstrusen und nicht differenzierten Ausschweifungen, dass es das Bildungsministerium versäumt habe, vor negativen Folgen durch nicht heterosexuelle Lebensformen zu warnen. Er verweist auf eine «höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern» sowie «das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern». Dass viele homosexuelle Jugendliche eben gerade unter dem Umstand zu leiden haben, dass ihre sexuelle Neigung in weiten Kreisen noch immer als abartig angesehen wird und sie sich deshalb nicht zu outen wagen, stellt Stängle in Abrede. Er will seine Petition demnächst im Landtag einreichen.

«Längst überfällig»

Der zuständige SPD-Bildungsminister Andreas Stoch hält die Petition für falsch und diskriminierend. «Wir wollen die Kinder zu Offenheit und Toleranz erziehen.» Heute werde der Ausdruck «schwul» auf den Pausenhöfen und in der jugendlichen Umgangssprache dazu verwendet, ein Verhalten als weich oder uncool zu kritisieren. Gegenüber dem Magazin «Der Spiegel» lobt der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch den neuen Bildungsplan als «längst überfälligen Schritt, Kinder und Jugendliche über die kulturelle Normalität in unserem Land aufzuklären». Themen wie Homo- oder Bisexualität müssten «dringend entpathologisiert werden, damit Kinder sich angstfrei sexuell entwickeln» könnten.

Kultusminister Stoch hat die evangelische Landeskirchen und zwei katholische Diözesen inzwischen etwas milde stimmen können, sodass der Unterricht über Homosexualität mit kirchlichem Segen stattfinden könnte. Noch vorige Woche hatten sich die Kirchen in einer gemeinsamen Stellungnahme gegen jede Form «der Indoktrination» im Unterricht ausgesprochen. Doch Ungemach droht der Landesregierung rund um Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) auch von Seiten der Opposition. Aus Kreisen der CDU heisst es, die Lehrpläne orientierten sich zu wenig an christlich-abendländischen Kulturwerten.

Regierung gegen Diskriminierung

Ressentiments gegenüber Homo- oder Bisexuellen sind in der Gesellschaft noch immer verbreitet. Die neue Regierung aus Union und SPD will das Problem in den kommenden vier Jahren angehen. Im Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass man gegen die Diskriminierung Homosexueller vorgehen wolle. «Rechtliche Regelungen, die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften schlechter­stellen, werden wir beseitigen», heisst es in dem Vertrag.

Immerhin hat Kultusminister Stoch inzwischen Unterstützung aus dem Internet bekommen. Befürworter des neuen Lehrplanes sammeln seit wenigen Tagen in einer eigenen Online-Petition Unterschriften für das Anliegen der Regierung. Nach drei Tagen waren schon über 15 000 Signaturen beisammen.