DEUTSCHLAND: Merkels unbequemer Gegner

Martin Schulz (61) verkörpert ziemlich das Gegenteil von Kanzlerin Merkel. Die CDU zeigt sich vom SPD-Kandidaten unbeeindruckt. Für Merkel ist der Ex-EU-Politiker dennoch unangenehm.

Christoph Reichmuth/Berlin
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Martin Scholz, Kanzlerkandidat der SPD. (Bild: Keystone)

Martin Scholz, Kanzlerkandidat der SPD. (Bild: Keystone)

Minutenlang applaudierten sie, als Martin Schulz gestern die SPD-Fraktion besuchte. «Wenn wir Sozis den Menschen zeigen, dass wir an sie denken, dann gewinnen wir die Wahl», rief Schulz seinen Parteigenossen zu.

Die Ernennung des ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten zum Kanzlerkandidaten der SPD (Ausgabe von gestern) sorgte in den Reihen der Genossen für Aufbruchstimmung. «Es gibt eine grosse Euphorie», sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Eine gehörige Portion Zuversicht kann den Sozialdemokraten nicht schaden. Auf 20 Prozent ist die einst stolze Volkspartei in Umfragen zusammengeschrumpft. Schulz soll verhindern, dass die SPD in ein nächstes Desaster hineinschlittert. Innenpolitisch völlig unerfahren, hat er bereits angedeutet, mit welcher Politik er vergraulte Wähler zurück ins Boot holen will. Die Themen Sicherheit, Gerechtigkeit, Europa, die Gefahr von Rechtspopulisten werden in den Fokus gerückt. Schulz muss sich einarbeiten in Themen, die er bisher aus der Ferne verfolgt hat: Rentenpolitik, Steuerfragen, Altersarmut. Der Wahlkampf verspricht durch die Nomination des Rheinländers ein wenig spannender zu werden.

Beinharter Verteidiger

Schulz verkörpert ziemlich genau das Gegenteil von Kanzlerin Angela Merkel. Während die promovierte Physikerin zu DDR-Zeiten eine akademische Laufbahn einschlug und sich nach der Wende in der Bundespolitik an der Seite Helmut Kohls an die Spitze arbeitete, blickt Schulz auf eine schwierige Jugend zurück, in der er zweimal in der Schule sitzen blieb und letztlich eine Ausbildung zum Buchhändler absolvierte. Den Traum vom Fussballprofi musste der beinharte Verteidiger wegen einer schweren Knieverletzung begraben, wegen Arbeitslosigkeit und Alkoholsucht stand Schulz mit Mitte 20 vor dem Nichts. Er rappelte sich auf, machte einen Entzug und schaffte es aus eigener Kraft vom Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Würselen bis zum Präsidenten des EU-Parlaments.

«Ein filigraner Techniker war er nicht. Aber er war die Lokomotive, die uns alle mitgerissen hat», erinnerte sich ein ehemaliger Mitspieler in einem «Spiegel»-Porträt 2013. Diese Lokomotive soll Schulz nun für seine Partei sein, seinen unbequemen Spielstil soll auch Merkel zu spüren bekommen. Rechtspopulisten und EU-Gegner sehen in dem überzeugten Europäer einen Vertreter der verhassten EU, genauso wie in Merkel und ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble. Doch möglicherweise kann die Präsidentschaft des Republikaners Donald Trump einem Verfechter der europäischen Idee Auftrieb verleihen.

Der redegewandte Rheinländer ist quasi der Anti-Elitäre, der in seiner langen internationalen Karriere zwar die Telefonnummern hochrangiger Staatschefs gesammelt hat und mit allen Einflussreichen auf Du ist, den Feierabend aber lieber bei einer Currywurst und Pommes verbringt als in einem Fünfsternehaus. Er spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Mit seiner direkten Art zu reden hat er es geschafft, dass ihm die Leute auch bei vermeintlich trockenen Themen zuhören. «Er ist der Einzige, der mit Europa den Saal rocken kann», sagte mal ein EU-Beamter anerkennend über Martin Schulz.

Wie die SPD an die Macht kommen will, ist unklar. Ein linkes Bündnis aus SPD, Grünen und der Linkspartei? Schwierig mit dem Pragmatiker Schulz, der eine andere Europa- und Russland-Politik verfolgt als die Linke. Etwa eine «Ampel» mit Grünen und der FDP? Schulz interessieren solche Gedankenspiele nicht. Überzeugt ist er von der Notwendigkeit eines Regierungswechsels, das Wie lässt er offen: «Dieses Land braucht in diesen schwierigen Zeiten eine neue Führung.»

Christoph Reichmuth/Berlin