DEUTSCHLAND: Ministerpräsident: «Tröglitz ist überall»

Nach dem Brandanschlag auf ein geplantes Asylheim werden Erinnerungen an die fremdenfeindlichen Übergriffe der 90er-Jahre wach. Diese Tendenz ist für ­Experten beunruhigend.

Drucken
Teilen
Unbekannte warfen einen Brandsatz auf das geplante Asylbewerberheim in der Kleinstadt Tröglitz in Sachsen-Anhalt. (Bild: Epa)

Unbekannte warfen einen Brandsatz auf das geplante Asylbewerberheim in der Kleinstadt Tröglitz in Sachsen-Anhalt. (Bild: Epa)

Christoph Reichmuth, Berlin

Die Empörung in Deutschland ist nach dem Brandanschlag auf ein geplantes Asylbewerberheim in der Kleinstadt Tröglitz in Sachsen-Anhalt gross (Ausgabe vom Sonntag). «Die Zahl der Übergriffe steigt im gesamten Bundesgebiet deutlich an. Tröglitz ist überall», warnte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in der Zeitung «Die Welt».

Zwei weitere Angriffe

Der Vorfall von Tröglitz reiht sich ein in eine Serie von Protesten und vereinzelten Übergriffen gegen Flüchtlingsheime in Deutschland. In den letzten Wochen wurden zwei weitere fast bezugsbereite Asylunterkünfte attackiert. Immer wieder kommt es zu Protesten gegen die Aufnahme von Asylbewerbern. Die steigende Zahl von Attacken auf Asylunterkünfte schlägt sich deutlich in Zahlen nieder: 2012 zählte die Bundesregierung landesweit noch 24 Übergriffe, 2014 waren es bereits 150.

Gross ist die Abneigung gegenüber Fremden nach wie vor in den ostdeutschen Bundesländern. Laut einer Studie der Universität Leipzig stimmen in Sachsen-Anhalt über 40 Prozent der Menschen fremdenfeindlichen Aus­sagen zu. In anderen ostdeutschen Bundesländern zudem auch in Bayern – liegt die Zustimmungsrate hierzu zwischen 25 und 33 Prozent, in Westdeutschland teilen zirka 20 Prozent der Menschen fremdenfeindliche Tendenzen. Die sogenannte «Kontakthypo­these» der Leipziger Studienautoren trifft dabei stets zu. In Bundesländern mit besonders geringem Ausländeranteil von ungefähr 2 Prozent – etwa Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen – ist die Zustimmung zu fremdenfeindlichen Aussagen besonders hoch. Vereinfacht gesagt, gilt hier laut dem emeritierten Professor für medizinische Soziologie und Mitherausgeber der Leipziger Studie, Elmar Brähler, der Grundsatz: Was unbekannt ist, davor fürchten sich die Menschen.

Massiv steigende Asylzahlen

Dass fremdenfeindliche Übergriffe zunehmen, liegt laut dem 69-jährigen Brähler unter anderem an der stark wachsenden Zahl von Flüchtlingen in Deutschland. Im letzten Jahr registrierte das Land mehr als 202 000 Asyl­anträge, die hohe Zahl ist vergleichbar mit der Situation zu Beginn der 90er-Jahre, als viele Menschen nach dem Zerfall der Sowjetunion aus den osteuropäischen Staaten in den Westen flüchteten. «Die hohe Zuwanderungszahl verleitet zum Reflex, den Fremden die Schuld an der eigenen wirtschaftlichen Misere zu geben», sagt Brähler gegenüber unserer Zeitung. Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit bezeichnet der Experte als «beunruhigend».

Der Soziologe macht aber auch die vor allem in Dresden stark gewordene Bewegung «Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» (Pegida) respektive den Umgang der Politik mit dieser für die wachsende Zahl an offener Fremdenfeindlichkeit verantwortlich. «Im Umfeld der Pegida wurde versucht, fremden- und islamfeindliche Einstellungen salonfähig zu machen.» Brähler kritisiert, dass Exponenten etablierter Parteien dazu mahnten, die Ängste der Pegida-Anhänger ernst zu nehmen. «Damit fühlen sich Pegida-Anhänger in ihrer ausgrenzenden Haltung bestätigt und äussern ihren Unmut gegenüber Ausländern enthemmter. Ich warne davor, die Pegida hoffähig zu machen. Damit werden auch fremdenfeindliche Ressentiments hoffähig gemacht.»

Neue «alternative Öffentlichkeit»

Laut dem Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt ist eine wachsende Politikverdrossenheit im Land für Übergriffe gegen Asylbewerberheime mitverantwortlich. «Die Zahl der Asylanträge steigt gewaltig, und gleichzeitig haben viele Menschen das Gefühl, die Politik schaue tatenlos zu und reagiere nicht darauf. Das animiert eini­ge Wirrköpfe und verbrecherisch gesinnte Leute dazu, das Unrecht in ihre eigenen Hände zu nehmen.» In Deutschland habe sich nicht zuletzt gefördert durch die Möglichkeiten des Internets – quasi eine «alternative Öffentlichkeit» herangebildet. Davon angesprochen fühlten sich Menschen mit einem Hang dazu, verschwörerischen Theorien aufzusitzen. «Sie glauben, Politik und Medien steckten unter einer Decke und würden ihre Anliegen nicht ernst nehmen.» Patzelt geht davon aus, dass der starke Zustrom an Asylbewerbern bei einigen Menschen den Eindruck verstärke, «ausgenutzt zu werden».

In Tröglitz wird noch immer nach den Tätern oder dem Täter gesucht. Der Ort war schon im März in die Schlagzeilen geraten, nachdem der parteilose Ortsbürgermeister Markus Nierth wegen des wachsenden Protestes gegen die Unterbringung der Flüchtlinge in seinem Ort den Rücktritt erklärt hatte (wir berichteten). Sowohl Nierth als auch Götz Ulrich, Landrat des Landkreises, werden wegen ihres Einsatzes für die Flüchtlinge anonym bedroht.

10 statt 40 Flüchtlinge

Im Mai hätten in der 2700 Einwohner zählenden Ortschaft 40 Asylbewerber in das geplante Heim einziehen sollen. Ministerpräsident Reiner Haseloff hält an der Unterbringung der Flüchtlinge fest: «Wir weichen keinen Schritt zurück», so der CDU-Politiker. In einer ersten Phase sollen nun wenigstens 10 Flüchtlinge in Privatunterkünften untergebracht werden, weitere sollen nach Renovation des zerstörten Flüchtlingsheimes nach Tröglitz kommen.