DEUTSCHLAND: Nierth und das verwundete Dorf

Mit der Flüchtlingskrise haben rechte Übergriffe gegen Politiker zugenommen. Markus Nierth war einst Ortsbürgermeister. Als er ins Visier der NPD geriet, trat er zurück. Die Wunden sind bis heute nicht verheilt.

Christoph Reichmuth/Tröglitz
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Markus Nierth, Trögliz, 2. November 2016 (Bild: RUDI-RENOIR APPOLDT)

Markus Nierth, Trögliz, 2. November 2016 (Bild: RUDI-RENOIR APPOLDT)

Christoph Reichmuth/Tröglitz

 

Vor zwei Jahren hat alles angefangen. Es ist kurz vor Weihnachten, der 20. Dezember 2014. Markus Nierth, damals Ortsbürgermeister von Tröglitz, einer 3000-Seelen-Gemeinde südlich von Leipzig, ruft im «Informations- und Heimatblatt» seine Mitbürger dazu auf, die Flüchtlinge warm in Empfang zu nehmen. «Geben Sie ‹den Fremden› eine Chance, schon um unseretwillen, denn sonst verliert Tröglitz womöglich», schreibt Nierth in dem Gemeindeblatt. Wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass in Tröglitz 60 Flüchtlinge, vorwiegend aus Afghanistan, in Wohnungen untergebracht werden sollen. Im Ort kursieren die wildesten Gerüchte. Nierth ist beliebt im Dorf, vielleicht, denkt er sich, kann er mit besänftigenden Worten dazu beitragen, die Wogen zu glätten.

Zwei Jahre später ist alle anders. Markus Nierth wohnt noch immer in Tröglitz, aber in dem Ort fühlt er sich nicht mehr zu Hause wie früher. Wenn der Theologe einkaufen muss, dann fährt er mit seinem Auto ins 34 Kilometer entfernte Naumburg, den Penny-Markt unten an der Leipziger Strasse, keine fünf Minuten von seinem Haus entfernt, den meidet er wenn immer möglich. Seine Frau Susanne war seit Monaten nicht mehr unten im Dorf. Viele Dorfbewohner machen heute noch einen Bogen um Markus und Susanne Nierth. Manchmal zeigt ihnen ein Dorfbewohner den Stinkefinger, andere wechseln die Strassenseite, wenn die Nierths doch einmal zu Fuss in Tröglitz unterwegs sind. Die Menschen hier glauben, Markus Nierth habe ihren Ort in den Schmutz gezogen. Markus Nierth sagt: «Der Ort hat seine Unschuld verloren und ich einen Teil meiner Heimat.»

NPD-Demo bis vor die eigene Haustür

Markus Nierth geriet ins Visier der Flüchtlingsgegner, weil er sich dafür eingesetzt hatte, dass der Ort Schutzsuchende aufnimmt. Im Januar 2015 fanden die ersten Protestmärsche in Tröglitz statt, sie wurden als «Lichterspaziergänge» getarnt. Hinter den Demonstrationen stand die rechtsextreme NPD, sie karrte auch Rechtsextremisten aus umliegenden Ortschaften für die Demonstrationszüge nach Tröglitz. Woche für Woche, immer sonntags, gingen nun Rechtsextreme und normale Tröglitzer Bürger aus dem Mittelstand Hand in Hand gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft auf die Strasse. Aus Angst vor den Fremden. Aus Angst vor Vermüllung, Kriminalität, Vergewaltigung, vor sinkenden Immobilienpreise. Aus Hass gegen «Asylschmarotzer».

Nierth und seine Frau riefen zu Solidarität mit den Flüchtlingen auf. Sie ernteten Hassmails, Drohbriefe, Morddrohungen. Der Protest wurde immer schärfer, immer lauter. Nierth fürchtete um die Sicherheit seiner Kinder, aber er bot den Rechtsextremen weiterhin die Stirn. Dennoch trat Nierth als Ortsbürgermeister zurück, Anfang März 2015. Nicht, weil ihn die Rechtsextremen in die Knie gezwungen hatten, sondern weil er sich von den Behörden im Stich gelassen fühlte. Am 8. März 2015 sollte der von der NPD organisierte Demonstrationszug bis vor sein Haus in Tröglitz führen. Die Absicht der Asylgegner war klar, Nierth sollte eingeschüchtert werden. Nierth forderte die Behörden auf, die Demonstrationsroute abzuändern. Vergeblich.

Nierths Rücktritt sorgte national und international für Schlagzeilen. Die Bundesregierung sah sich zu einer Stellungnahme genötigt, Reporter aus aller Welt berichteten über den Ort der Schande und den couragierten Bürgermeister. Nierth fand sich plötzlich in Talkrunden wieder und las über sich in Zeitungen, er erzählte bei Markus Lanz von seinen Erlebnissen. Einen Monat nach Nierths Rücktritt, in der Nacht von Karfreitag auf Ostersonntag, wird in Tröglitz die geplante Asylunterkunft in Brand gesteckt, zwei Bewohner können sich gerade noch retten. «Dabei war dieses von Menschen gelegte Höllenfeuer die Steigerung des Bösen, die logische Fortführung der ‹friedlichen Lichterspaziergänge› und der geistigen Brandstiftung durch die Reden gegen ein Asylbewerberheim», schreibt Nierth in seinem Buch.

Angriffe auf Politiker und Helfer

Bis heute ist nicht klar, wer das Feuer gelegt hat, die Ermittlungen wurden diesen Sommer eingestellt. Das geplante Asylheim weist bis heute Brandschäden auf, Tröglitz hat nicht 60 Flüchtlinge aufgenommen, lediglich drei Familien aus Afghanistan und Indien leben heute in dem Dorf, Nierth hat für die afghanischen Familien eine Patenschaft übernommen. Nierth war der erste Lokalpolitiker, der sich der rechten Hetze öffentlich entgegengestellt hatte und dessen Fall für Schlagzeilen gesorgt hatte. Er ist aber bei weitem nicht der einzige Lokalpolitiker, der sich Gewalt, Drohung und Hass gegenübersieht. Das Bundeskriminalamt (BKA) zählte allein in diesem Jahr bislang 450 Angriffe auf Politiker und freiwillige Flüchtlingshelfer. Die grosse Mehrheit der Übergriffe wurde von Rechten verübt. Es müsse «in Einzelfällen auch mit Tötungsdelikten gerechnet werden», warnt das BKA in einer Analyse. In diesem Jahr ist es in Deutschland zu fast 800 Angriffen gegen Asylunterkünfte gekommen, für 740 Delikte sind laut BKA «rechtsmotivierte Täter» verantwortlich. 2015, als Hunderttausende von Menschen im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland eingereist waren, registrierte das BKA sogar 1029 Straftaten gegen Einrichtungen für Flüchtlinge.

Markus Nierth skizziert in einem Buch anhand von sieben Thesen, wie der Polarisierung in der Gesellschaft entgegengetreten werden kann. Er ruft zu einem neuen «Miteinander» in der Gesellschaft auf, macht sich für eine bessere politische Bildung stark, und er warnt vor der grösser werdenden Kluft zwischen Arm und Reich. Nicht alle, die gegen Flüchtlingsunterkünfte protestierten oder sich der Pegida-Bewegung anschliessen, seien dumpfe Fremdenhasser, manche sähen durch den Zuzug von Flüchtlingen ihre Existenz bedroht und würden daher in den Ausländern Feindbilder erkennen. Durch eine «wie auch immer geartete Umverteilung des Reichtums» könne die «explosive soziale Konkurrenz zwischen den unteren Einkommensgruppen und den Flüchtlingen abgebaut werden», ist Nierth überzeugt. Der 47-Jährige ist überzeugt, dass Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments gegenüber Fremden im Osten Deutschlands weiter verbreitet sind als im Westen des Landes. Gut gebildete junge Menschen würden heute kleinen Ortschaften wie Tröglitz den Rücken zuwenden, zurückblieben viele Menschen, die in den Jahren der DDR-Diktatur niemals gelernt hätten, politisch zu streiten, zu debattieren. Nierth: «Eine politische Bildung hat bei vielen nicht stattgefunden. Es fehlt bei vielen die Möglichkeit zur Reflexion von politischen und gesellschaftlichen Prozessen.»

Früher waren Markus Nierth und seine Familie im Dorf beliebt. Heute begegnen ihnen die Menschen mit Argwohn. «Du hast uns das reine Tröglitz weggenommen», hat ihm mal einer gesagt. Ohne ihn, Markus Nierth, wäre es nicht zum Brandanschlag gekommen, die Stimmung habe er angeheizt, weil er den Streit in den Medien ausgetragen habe. Fortziehen aus Tröglitz, wo er seit den 1990er-Jahren lebt, will Nierth dennoch nicht, auch wenn die emotionale Verletzung noch spürbar ist. Er kann nicht vergessen, dass Menschen gegen Flüchtlinge und also auch gegen ihn und seine Familie demonstriert hatten, dass ehemalige Nachbarn, von denen er früher glaubte, sie seien ihm wohlgesinnt, gegen ihn gehetzt hatten.

Nierth wünscht sich, es wäre wieder alles so wie früher, doch das Früher gibt es nicht mehr. Sein Verhältnis zu Tröglitz ist kaputtgegangen. «Ich liebe die Menschen noch immer», sagt Nierth, der Theologe, einmal in dem Gespräch. Dann schwärmt er von dem Menschenschlag im Osten, da, wo die Menschen das Herz noch auf der Zunge tragen, wie er meint. Um im nächsten Satz seine Empörung über die jüngsten Wahlresultate von Tröglitz zu äussern. 40 Prozent wählten rechts, also AfD und einige sogar NPD. Ein schlechtes Signal, sagt Nierth. Der Hass, der in einigen schlummere, der sei nicht sichtbar, die Ereignisse von damals, der Brand des Asylbewerberheimes, sein Rücktritt, darüber spricht man heute in Tröglitz höchstens im Verborgenen. «Die Geschichte wird nicht aufgearbeitet. Das ist brandgefährlich», mahnt Nierth. Zeit heilt Wunden. In Tröglitz braucht es viel davon.