DEUTSCHLAND: Schavan klammert sich an Titel und Amt

Sie will für ihren Doktortitel kämpfen und Bildungsministerin bleiben. Doch für Annette Schavan, die einst über Minister zu Guttenberg lästerte, wird es eng.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Bildungsdirektorin Anette Schavan. (Bild: Keystone)

Bildungsdirektorin Anette Schavan. (Bild: Keystone)

Ausgerechnet die Bildungs- und Wissenschaftsministerin soll bei ihrer Doktorarbeit geschummelt haben. Am Dienstagabend hat die Universität Düsseldorf der 57-jährigen Annette Schavan (CDU) den Doktortitel aberkannt. Schavan, die sich bis morgen Freitag zu Gesprächen in Südafrika aufhält, will gegen den Entscheid juristisch vorgehen. «Die Entscheidung der Universität Düsseldorf werde ich nicht akzeptieren und dagegen Klage einreichen», sagte Schavan gestern in Johannesburg.

«Leistungen nicht selber erbracht»

Das Urteil des Fakultätsrates der Uni Düsseldorf fiel deutlich aus: Für 12 der 15 Mitglieder ist der Fall klar: Schavan hat in ihrer Dissertation aus dem Jahre 1980 «vorsätzliche Täuschung durch Plagiat» begangen. In Schavans vor 33 Jahren eingereichter Doktorarbeit zum Thema «Person und Gewissen» finde sich eine Häufung wörtlicher Übernahmen. Zudem habe die junge Doktorandin und heutige Ministerin Literaturtitel nicht in Fussnoten als solche gekennzeichnet. Der Fakultätsrat kommt zum vernichtenden Urteil, «dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte».

«Nicht mehr glaubwürdig»

Der Entzug des Doktortitels ist ein gefundenes Fressen für die Opposition. Denn Schavan gilt als enge Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Linke, SPD, Grüne und Piraten forderten unisono den Rücktritt der Bildungsministerin. «Sie ist als Wissenschaftsministerin nicht mehr glaubwürdig», sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Und Grünen-Fraktionschefin Renate Künast bemerkte: «Ich gehe davon aus, dass Frau Schavan sich und der Wissenschaft die Verlängerung dieser Affäre erspart und ihren Rücktritt erklärt.»

Doch von einem Rücktritt will Schavan nichts wissen, ihre Anwälte wollen den Spiess umdrehen und überprüfen, wie sauber die Universität Düsseldorf gearbeitet hat. Die Entscheidung zur Aberkennung des Doktortitels sei in einem «fehlerhaften Verfahren zu Stande gekommen» und sei «materiell rechtswidrig». Auch Wissenschaftler eilen der Ministerin zu Hilfe: Vor 30 Jahren habe man Dissertationen noch in einer anderen Art verfasst als heute üblich. Schavan selbst räumte Ungenauigkeiten ein, wies aber den Vorwurf der Täuschung zurück.

Kein klares Bekenntnis Merkels

Kein Zweifel: Angeschlagen ist die Bildungsministerin auf jeden Fall. Die Frage ist, ob es sich Bundeskanzlerin Merkel leisten kann, eine Ministerin durch den Bundestagswahlkampf zu schleppen, die – solange die Vorwürfe im Raum und nicht entkräftet sind – ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Von Seiten der Regierung kommen zwar unterstützende Worte, doch ein glasklares Bekenntnis zum Verbleib der Ministerin im Kabinett war gestern von Merkels Sprecher Steffen Seibert nicht zu vernehmen. Die Kanzlerin schätze die Leistung und habe «volles Vertrauen» in die Bildungsministerin, liess Seibert verlauten. Nichtsdestotrotz wird sich die Zukunft Schavans im Merkel-Kabinett wohl am Freitag entscheiden: Nach ihrer Rückkehr aus Südafrika werden sich Schavan und Merkel über das weitere Vorgehen unterhalten. Schavan soll sich dann auch der Öffentlichkeit gegenüber konkreter äussern.

Für zu Guttenberg geschämt

Die Plagiatsvorwürfe sind noch aus einem weiteren Grund äusserst peinlich für Schavan. Denn nun holt die Ministerin ihre Vergangenheit ein. 2011 hielt die Plagiatsaffäre um den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die Republik in Atem. Ausgerechnet Schavan war die Erste aus dem Kabinett Merkel, die sich noch vor Entzug des Doktortitels abschätzig über den Verteidigungsminister äusserte. Als Wissenschaftlerin, die vor 30 Jahren selber promoviert habe, schäme sie sich «nicht nur heimlich» für den Fehltritt des Ministers, sagte sie in einem Interview.

Offenbar hegt man in der politischen Zentrale zu Guttenbergs, der CSU, nun Rachegelüste. «Es wäre an der Zeit, dass die Dame sich unheimlich schämt», frotzelte gestern der bayerische CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch. Unangenehm ist für Schavan zudem ein Pressefoto aus dem Jahr 2011, das nun wieder auftaucht: Darauf zu sehen sind Kanzlerin Angela Merkel und Annette Schavan. Merkel zeigt ihrer Ministerin offenbar ein SMS mit der Botschaft, dass zu Guttenberg soeben den Bettel hingeworfen hat. Schavan lächelt auf dem Bild zufrieden. Ein Foto, das ihr nun zum Verhängnis werden könnte.