Hunderte Infizierte in deutschen Schlachthöfen: Warum Fleischfabriken die neuen Coronahotspots sind

Hunderte von Billig-Arbeitern haben sich in deutschen Fleischfabriken mit Covid-19 infiziert. Die Ansteckungen werden begünstigt durch die prekären Arbeitsbedingungen in den Fabriken.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Die Firma Westfleisch in Coesfeld: Wegen übermässig vielen Coronainfektionen bleiben die Fabriktore vorerst zu.

Die Firma Westfleisch in Coesfeld: Wegen übermässig vielen Coronainfektionen bleiben die Fabriktore vorerst zu.

Michael Probst / AP

Die Firma Westfleisch gehört zu den grössten Fleischverarbeitern Deutschlands. Millionen Tiere werden hier zu Filet, Würsten oder Hackfleisch verarbeitet, die Arbeiter stehen dicht an dicht wie an Fliessbändern. Doch nun musste einer der Fleischverarbeiter in Coesfeld im westlichen Teil von Nordrhein-Westfalen die Fabriktore schliessen - bis mindestens am kommenden Montag.

Grund: Fast ein Fünftel der 1200 Beschäftigten in der Fleischfabrik hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Nun wurden sämtliche Mitarbeiter umfassend auf Corona getestet, die Erkrankten wurden in Quarantäne geschickt.

Nicht nur in der Fleischfabrik in Coesfeld gab es massive Corona-Infektionen. Ähnliche Ansteckungsraten sind von Fleischfabriken in einem benachbarten Werk zu vernehmen, Hunderte haben sich in Schlachthöfen in Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein mit dem Virus angesteckt.

Billig-Fleisch zu Schleuderpreisen

Die hohe Zahl von Covid-19-Fällen in deutschen Schlachtbetrieben wirft den Fokus auf eine Branche, die von der Öffentlichkeit kaum beachtet unter prekären Verhältnissen am Fliessband Billig-Fleisch herstellt, welches der Konsument dann zu Schleuderpreisen beim Discounter für seinen Grill-Abend kaufen kann. Die Branche setzt in grosser Zahl auf Billig-Arbeiter aus Rumänien, Bulgarien oder Polen.

Die meist jungen Männer verrichten zu Löhnen von 1200 bis 1500 Euro einen Knochenjob, für den Einheimische nur schwer zu finden sind. Für die Bulgaren oder Rumänen übersteigen die deutschen Niedriglöhne oft den möglichen Verdienst in ihrer eigenen Heimat um das Dreifache. Sie arbeiten einige Jahre hier, um sich später in ihrer Heimat etwas aufbauen zu können.

Dass sich ausgerechnet in der Fleischindustrie die Fabriken zu Corona-Hotspots entwickelt haben, erstaunt wenig. Die Mitarbeiter stehen bei ihrer Arbeit meist eng nebeneinander, Abstandsregeln sind in den Fabriken kaum einzuhalten. Doch vor allem die Lebensumstände dürften dafür verantwortlich sein, dass sich die Beschäftigten in hoher Zahl infiziert haben: Sie leben meist zu sechst in engen Sammelunterkünften, Hygienestandards sind dort kaum einzuhalten.

Der Weg von und zur Arbeit erfolgt in Kleinbussen, die von Sammelunterkunft zu Sammelunterkunft fahren, bis der Transporter voll ist. Die meisten der ausländischen Arbeiter sind mit Werkverträgen von Subunternehmen ausgestattet. Die Branchen-Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten) schätzt, dass in der Fleischwirtschaft rund 30000 Menschen über Werkverträge beschäftigt sind. Sie sind also nicht direkt beim Fleischverarbeiter unter Vertrag, sondern beim Subunternehmen, der in vielen Fällen auch für die Unterbringung der Mitarbeiter sorgt.

Verhältnisse in Sammelunterkünfte kaum überprüfbar

Die Subunternehmen müssen sich als vertragliche Mindeststandards halten, doch die Verhältnisse in den Sammelunterkünften ist kaum nachzuprüfen, zudem gibt es kaum Stichkontrollen in den Fabriken selbst. Zudem gehen Gewerkschaften davon aus, dass die ausländischen Arbeitskräfte sich kaum über Zustände in Fabriken und Unterkünften beschwerten, weil sie auf den Verdienst in der Fabrik angewiesen sind.

«Die Praxis der Werkvertragsarbeit ist ein System der Ausbeutung, das gegen die Menschenwürde verstösst», kritisiert Christian Bäumler von der CDU in Baden-Württemberg gegenüber dem «Handelsblatt». Der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Miersch fordert ein Umdenken in der Branche: «Das Geschäftsmodell, bei dem sich Unternehmen mittels Subunternehmen aus er Affäre ziehen und Mitarbeiter unter fragwürdigen Bedingungen zusammenpferchen, gehört abgeschafft.»

Von der Entwicklung der Infektionszahlen in der Fabrik in Coesfeld hängt auch ab, ob die Bewohner des Landkreises wieder aus der Quarantäne kommen. Im gesamten Land wurden die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie in den letzten Wochen gelockert. Doch weil nach Ausbruch der Pandemie beim Fleischverarbeiter die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100'000 Bewohner überschritten wurde, mussten die Lockerungen im Kreis Coesfeld ausgesetzt werden.

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