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DEUTSCHLAND: Sprung in eine kalte Welt

Vor 30 Jahren hat Torsten Peter sein Leben riskiert. Er ist über die Berliner Mauer gesprungen. Freiheit gab es für ihn in Westberlin nicht. Sein Glück fand er erst in Asien.
Christoph Reichmuth, Berlin
Der Todesstreifen an der Berliner Lindenstrasse: Vor 30 Jahren sprang Torsten Peter hier, unweit der Plattenbauten, wo die Mauer eine plötzliche 90-Grad-Kurve macht, in ein neues Leben. Heute erinnert nur noch ein schmaler Streifen gepflasterter Steine und die noch immer stehenden grauen Betonblöcke an die einstige Grenze zwischen Ost und West. (Bilder: Robert Conrad (3. März 1990) / Rudi-Renoir Appoldt (30. April 2018))

Der Todesstreifen an der Berliner Lindenstrasse: Vor 30 Jahren sprang Torsten Peter hier, unweit der Plattenbauten, wo die Mauer eine plötzliche 90-Grad-Kurve macht, in ein neues Leben. Heute erinnert nur noch ein schmaler Streifen gepflasterter Steine und die noch immer stehenden grauen Betonblöcke an die einstige Grenze zwischen Ost und West. (Bilder: Robert Conrad (3. März 1990) / Rudi-Renoir Appoldt (30. April 2018))

Christoph Reichmuth, Berlin


Es ist der Abend des 4. Mai 1988, ein frühlingshafter, milder Tag neigt sich dem Ende zu. Die Ereignisse im Leben von Torsten Peter, damals 24 Jahre jung, werden sich innerhalb von wenigen Minuten überschlagen. Der selbstbewusste, sportliche junge Mann kennt nur eine Möglichkeit, als er gegen 20 Uhr zusammen mit seinen Bekannten Andreas, 25, und Jörg, 26, in einem alten Lada zur Leipziger Strasse direkt an der Grenzmauer zu Westberlin fährt.

Als Fensterputzer im blauen Arbeitsgewand und mit einer präparierten Leiter getarnt wollen die drei jungen Männer über die Berliner Mauer in den Westen flüchten. Die Grenzsoldaten haben den Schiessbefehl, um «illegale Grenzübertritte» zu unterbinden. Gedanken, dass es schiefgehen könnte, blendet Peter aus. Heute, 30 Jahre später, führt uns Torsten Peter zurück an jene Stelle bei der Lindenstrasse, wo es damals zu diesen dramatischen Ereignissen gekommen war. Peter erzählt seine Geschichte zum ersten Mal einer Zeitung. Die Erinnerungen gehen ihm spürbar nahe, er erinnert er sich an längst vergessen geglaubte Details, Gefühle von damals kommen hoch. «Ich hatte keine Angst. Nur mit einem klaren Kopf und der festen Überzeugung konnte die Flucht gelingen», sagt Peter.

Auf die Karte Sport gesetzt

Heute ist Torsten Peter 54 Jahre alt. Sportlich ist er noch immer, dass er 1991 Vize-Europameister im Bodybuilding geworden ist, kann man sich gut vorstellen. Sein Arbeitsplatz befindet sich heute exakt auf dem ehemaligen Mauerstreifen. Er arbeitet im Haus der Bundespressekonferenz als Sicherheitsmitarbeiter am Empfang, er ist so etwas wie die gute Seele im Pressehaus. Blickt Torsten Peter aus seinem Büro, schaut er direkt auf ein Stück der Berliner Mauer, die Ost und West während 28 Jahren durchtrennt hat.

Peters Geschichte ist eine Geschichte von Mut, Respekt, von der Suche nach Freiheit und auch der Enttäuschung. Das Gleichförmige in der DDR war ihm schon immer suspekt. Der Vater macht aus seinem Hass gegen den Arbeiter- und Bauernstaat keinen Hehl. Die Verwandten in Westberlin dürfen die Peters nicht besuchen, abends guckt die Familie ZDF und ARD, die «Aktuelle Kamera» im DDR-Fernsehen, das begreift Peter schon als Kind, «war pure Propaganda». Er sieht im Teenageralter nur eine Möglichkeit, der Tristesse der DDR zu entkommen: Peter setzt voll und ganz auf Leichtathletik. Er träumt von internationalen Wettkämpfen, vom Austausch mit Sportlern aus der ganzen Welt. Mit 12 wird er auf der Sportschule aufgenommen, weil er sich im Fach Staatskunde nicht bewährt, fliegt Peter mit 13 von der privilegierten Schule. Er lässt sich nicht unterkriegen, setzt auf Kraftsport, trainiert fast jeden Tag. Sein Geld verdient er im Hotel Stadt-Berlin beim Alexanderplatz als Portier, das heutige Park-Inn.

Beim Sportclub lernt Torsten Peter Andreas kennen. Peter fasst Vertrauen, weiht ihn in seine Fluchtpläne ein. Andreas bringt seinen Kumpel Jörg ins Spiel. Peter ist anfänglich dagegen, die Flucht zu dritt ist ihm zu riskant, doch er lässt sich überreden. Peter ist der Denker und Planer, er hat alles in seinen Gedanken durchgespielt, den Mauerverlauf genau studiert und die Anordnung der Wachtürme im Kopf. Die Stelle bei der Lindenstrasse scheint für die Flucht besonders geeignet. Die drei vereinbaren: Bei der Flucht ist jeder auf sich alleine gestellt.

Die Mauer macht an dieser Stelle eine 90-Grad-Kurve, ein Wachturm ist teilweise von einem Gebäude verdeckt, das auf der Rückseite keine Fenster hat. Das Risiko, von Anwohnern beobachtet zu werden, ist gering. Die Flucht in der Dämmerung ist weniger auffällig als in kompletter Dunkelheit. Der nervös hin und her wandernde grelle Lichtkegel des Grenzschutzes im Mauerstreifen würde die drei zu einem sicheren Ziel in der Dunkelheit machen. Zudem glaubt Peter, dass die Wachen wegen des ungeraden Verlaufs der Grenze nicht auf ihn schiessen werden. Wenn die Schützen danebenzielen, fliegen die Gewehrkugeln rüber in den Westen. Ein gewaltiges Risiko in politisch angespannten Zeiten.

«Halt oder wir schiessen!»

Kurz vor 21 Uhr wird die Leiter an die erste Mauer gelehnt, Peter steigt hinüber, seine Kollegen hinterher. Im Todesstreifen schlägt der Alarm an, die Sirenen heulen auf. Peter robbt durch den Wassergraben, unter dem Stacheldraht hindurch, zieht die Leiter hinter sich her. Er erklimmt die zweite Mauer, «halt oder wir schiessen!», hört er es rufen. Peter macht einfach weiter, er ist schon oben auf der Mauer, springt. Drei Meter, vielleicht mehr, in die Tiefe. Die Hüfte geprellt, der Fuss verstaucht. Ein Gefühl von Glück durchflutet ihn, die Schmerzen spürt er im Schock nicht.

Bis heute weiss er nicht, ob jemand geschossen hat, ein Nachbar berichtet später von mindestens einem Schuss. Peter wartet noch einen Moment, bemerkt dann, dass es Andreas und Jörg nicht geschafft haben, schleppt sich der Strasse entlang, ruft von einer Telefonzelle seine ahnungslose Mutter an, meldet sich danach auf dem Polizeiposten. Die erste Nacht in Freiheit verbringt er im Spital, kommt danach in ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge, wo er einige Wochen lebt. Die Stasi notiert später in die Einvernahmeprotokolle, dass «zwei DDR-Bürger gegen 21 Uhr» festgenommen wurden, «als sie versuchten, mit Hilfe einer Leiter die Mauer zu überwinden». In sperrigem Beamtendeutsch heisst es weiter, dass der «DDR-Bürger PETER, Torsten, die Staatsgrenze zur DDR widerrechtlich passiert» hatte. Peter sei laut Paragraf 213(1) mit «Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren» zu bestrafen. Andreas und Jörg wandern in Haft, werden von der BRD aber wenig später freigekauft.

«Ich fühlte mich alleine gelassen»

Torsten Peter hat die Geschichte seiner Flucht kaum jemandem erzählt, in den Chroniken über die Berliner Mauer findet sich nur wenig darüber. Damals, 1988, interessierten sich die «Bild» und andere Blätter für den Kraftsportler aus der DDR, ein Kamerateam besucht Peter im Spital, er ist für einen Moment ein Held des Kalten Krieges. Zwischen dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, und dem Mauerfall am 9. November 1989 verlieren in Berlin mindestens 139 Menschen bei Fluchtversuchen ihr Leben, das jüngste Opfer ist 15 Monate jung, das älteste 80 Jahre alt. Im Februar 1989 stirbt ein 20-Jähriger, er ist das letzte Opfer, das von Grenzern erschossen wird. Immerhin, mehr als 5000 DDR-Bürgern gelingt die Flucht in den Westen. Weil die Grenzsicherungen sukzessive verschärft werden, gibt es ab den 1970er-Jahren kaum mehr waghalsige Sprünge über die Mauer, Torsten Peter ist einer der wenigen, die es geschafft haben.

Peter ist bald ernüchtert, das Leben im Westen ist nicht das Leben in Freiheit, wie er es sich vorgestellt hat. Der Umgang der Menschen miteinander, diese Ellbogen-Mentalität, dieser Konsumwahn. Peter geht ins Kino, schaut sich die Einkaufszentren an, er könnte alles haben, aber das Materielle interessiert ihn nicht. «Ich fühlte mich alleine gelassen», sagt er. Wenn es etwas Gutes gab an der DDR, dann den Zusammenhalt unter den Menschen. Seine Träume von Freiheit werden sich verwirklichen, aber nicht in Deutschland. Peter wandert 1993 nach Bali aus. Er heiratet, wird Vater von zwei Kindern, arbeitet zusammen mit seiner Frau als Antikmöbelhändler. Nach einem Terroranschlag im Jahr 2002 brechen die Geschäfte ein, die Ehe scheitert. Peter lernt später seine zweite Frau kennen, nach 16 Jahren in Indonesien kehrt er nach Deutschland zurück. Mit seiner zweiten Frau hat Peter zwei weitere Kinder, sie sind heute zwei und zehn Jahre alt. Er vermisst in Berlin bis heute die zwischenmenschliche Wärme Asiens, Deutschland ist für ihn ein kaltes Land, jeder kämpft für sich. Es mangle an gegenseitigem Respekt. «Respekt für mein Leben», erzählt der 54-Jährige, «habe ich nur im Ausland erfahren.» Hätte er genügend Geld, würde er zurückkehren nach Indonesien und sich ein Stück Freiheit aufbauen, sinniert Peter.

Vielleicht gibt es eine letzte Mauer, die Torsten Peter überwinden muss, um wirklich frei zu sein. Zu seinen beiden Kindern in Indonesien, 18 und 22 Jahre jung, hat er keinen Kontakt mehr. Er würde gerne einfach in ein Flugzeug steigen und seine Kinder treffen. Diesen Mut wird ein Mann wie Torsten Peter aufbringen, ohne Zweifel. Irgendwann, wenn die Zeit dafür reif ist.

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