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DEUTSCHLAND: Streit um Antisemitismus-Film

Die Debatte um eine Dokumentation, die ARD und Arte am Mittwoch Abend zeigen, scheint das Land zu spalten. Sie ist auch ein Symptom für den Zustand der Geschichtsaufarbeitung in Deutschland.
Isabelle Daniel
Zerbrochenes Fenster nach einem Angriff auf das jüdische Gemeindezentrum Rostock im Januar 2009. (Bild: Thomas Häntzschel/Keystone)

Zerbrochenes Fenster nach einem Angriff auf das jüdische Gemeindezentrum Rostock im Januar 2009. (Bild: Thomas Häntzschel/Keystone)

Isabelle Daniel

Am Ende ist der WDR eingeknickt. Zuerst wies der deutsch-französische Sender Arte die ­Ausstrahlung einer Dokumentation über Antisemitismus wegen handwerklicher Mängel zurück. Am Freitag stellte dann die «Bild»-Zeitung angesichts des scheinbar enormen öffentlichen Interesses den Film für einen Tag online. TV-Kritiker, Wissenschaftler und Twitter-User schrieben sich mit Argumenten für und gegen eine Ausstrahlung die Finger wund. Schliesslich entschied die ARD: Die Doku «Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa» soll nun doch gezeigt werden. Heute um 22.15 Uhr wird der 90-minütige Film von Joachim Schroeder und Sophie Hafner in der ARD ausgestrahlt. Auch Arte gab gestern bekannt, dass der Film dort ebenfalls laufen wird.

«Es ist Zeit für eine Doku über Antisemitismus-Dokus», kommentierte der Satiriker Shahak Shapira das sprichwörtliche Theater um die Doku. Sein Scherz gehört zu den klügeren Beiträgen in einer von Polemik und viel Ignoranz geprägten Debatte, in der es im Wesentlichen zwei dominante Erzählweisen gibt.

Da ist einerseits der von «Bild»-Chef Julian Reichelt und dem Historiker Götz Aly suggerierte Verdacht, Arte habe die Dokumentation «zensiert». «Der Verdacht liegt bitter nah, dass diese Dokumentation nicht gezeigt wird, weil sie politisch nicht genehm ist, weil sie ein antisemitisches Bild in weiten Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist», meinte Reichelt. Auf der Gegenseite stehen Äusserungen wie die des «Spiegel»-Verlegers Jakob Augstein, der von einem «obsessiven Anti-Antisemitismus» sprach. Letzteres ist natürlich absurd. Das zeigen immer wiederkehrende revisionsgeschichtspolitische Debatten in Deutschland, die keineswegs nur von Vertretern des Rechtsaussen-Spektrums forciert werden, aber auch Provokationen von Augstein selbst, in denen er durch sprachliche Bilder die israelische Besatzung in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt hat.

Allein: Im Unrecht sind auch die vehementen Verteidiger der Antisemitismus-Dokumentation, die in Wirklichkeit eine plakative Erklärung für den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern liefern will. Journalistisch fällt die Dokumentation durch – insbesondere, wenn es um die ausgesprochen tendenziöse Auswahl der Gesprächspartner und eine mangelhafte Einordnung von deren Äusserungen geht.

Veteran wird als Experte herangezogen

Was die «Nakba», wie die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Umsiedlung der Palästinenser auf Arabisch heisst, war, erklärt zum Beispiel nicht etwa ein Historiker, sondern ein israelischer Veteran, der naturgemäss eine subjektive Sicht auf die Ereignisse hat. Dass er als Zeitzeuge zu Wort kommt, ist freilich richtig; die Autoren behandeln ihn jedoch wie einen Experten.

So wird auch mit dem bekannten Polemiker Tuvia Tenenbom verfahren. Seine Behauptung, wonach ein hochrangiges, namentlich ungenanntes Mitglied der besatzungskritischen israelischen NGO «B’Tselem» ihm gegenüber den Holocaust geleugnet habe, darf einfach im Raum stehen bleiben, ohne dass die Autoren hier für das Publikum nachvollziehbar nachrecherchiert hätten.

Das sind manipulative Methoden, mit denen sich die Autoren selbst schaden, weil sie beim Zuschauer Zweifel säen. Eine der Stärken der Doku, Stimmen von Palästinensern im Gazastreifen abzubilden, die von der islamistischen Hamas unterdrückt werden, werden methodisch von den Filmemachern dadurch torpediert, dass in ihrer Darstellung niemand – weder Palästinenser noch Israelis – unter dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu leiden scheint.

Jegliche Kritik an der Besatzung, auch wenn sie von innen kommt, wird dadurch ins Lächerliche gezogen. Dass neben umstrittenen NGO auch renommierte israelische Wissenschaftler wie Tom Segev die israelische Politik im Westjordanland kritisieren, wird im Film völlig ausgeblendet. Es hätte auch nicht zu seinem Narrativ gepasst: Erscheint doch jeder, der die israelische Besatzung angreift, als antisemitisch verblendet. Vereinfachend geht der Film auch mit seinem eigentlichen Thema um, dem «Hass auf Juden in Europa».

Wilder Streifzug durch Geschichte und Gegenwart

Um die Verschwörungstheorien zu erklären, die dem Antisemitismus zugrunde liegen, unternehmen die Filmemacher einen wilden Streifzug durch Geschichte und Gegenwart, der von einer Rede Mahmud Abbas’ im Europaparlament über die Verteidigungsrede des «Stürmer»-Herausgebers Julius Streicher in Nürnberg hin zu Palästina-Aktivisten der evangelischen Organisation Brot für die Welt bis in den Gazastreifen führt. All das hinterlässt in erster Linie Schwindelgefühle. Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte des Antisemitismus in Deutschland werden hingegen nicht erklärt.

Diese Schwächen sind bedauerlich, denn der Film nimmt sich eines wichtigen Themas an: jener Ausprägung der Judenfeindschaft in Deutschland, die Forscher als sekundären Antisemitismus bezeichnen und die der israelische Autor Zvi Rix treffend in dem Satz zusammenfasste: «Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.» Wie Schuldabwehr und eine notorische Israel-Kritik zusammenhängen, zeigt die Doku, indem sie die obsessive Fokussierung auf den israelisch-palästinensischen Konflikt in Deutschland kritisch durchleuchtet und verstörende Äusserungen etwa von Aktivisten der Israel-Boykott-Bewegung BDS wiedergibt, die Israels Politik mit dem Holocaust vergleichen oder gar auf alte antijüdische Stereotype wie der Brunnenvergiftung zurückgreifen.

Trotz der berechtigten Einwände von Arte ist es deshalb richtig, den Film zu zeigen. Dies auch auf die Gefahr hin, dass die manipulativen Methoden, derer sich der Film stellenweise bedient, beim Zuschauer Zweifel an der Gesamtdarstellung wecken – und somit auch an seinem journalistisch und analytisch starken Teil.

Hinweis: «Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa», Mittwoch, 21. Juni, Arte 23 Uhr; ARD 22.15 Uhr.

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