DEUTSCHLAND: Streit um Hindenburgs Ehrenbürgerschaft

Wollte er die Demokratie retten, oder ist er der Wegbereiter für Adolf ­Hitler? Berlin streitet über die Ehrenbürgerschaft von Reichspräsident Paul von ­Hindenburg.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Reichskanzler Adolf Hitler begrüsst am 25. Februar 1934 Reichs- präsident Paul von Hindenburg vor der Staatsoper in Berlin. (Bild: AP)

Reichskanzler Adolf Hitler begrüsst am 25. Februar 1934 Reichs- präsident Paul von Hindenburg vor der Staatsoper in Berlin. (Bild: AP)

Um Paul von Hindenburg ranken sich viele Mythen. Dank seinem militärischen Geschick konnten die Deutschen 1914 in Ostpreussen die vorrückende russische Armee zurückdrängen. In den 30er-Jahren war Hindenburg bemüht, den aufstrebenden Adolf Hitler zu bändigen und die Demokratie zu retten. Man kann es aber auch anders sehen: Der ehemalige Reichspräsident und Militarist hat durch die Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler im Januar 1933 dem blutrünstigen Diktator erst den Weg zu seinem schicksalhaften Aufstieg bereitet.

Ehrenbürger 58 – noch vor Hitler

Das historische Erbe des ehemaligen Reichspräsidenten der Weimarer Republik ist in diesen Tagen Gegenstand intensiver Debatten im Berliner Abgeordnetenhaus – und Grundlage eines bizarren Streits. Denn Hindenburg ist Ehrenbürger von Berlin, von den Nazis am 20. April 1933 – notabene dem Tag von Hitlers Geburtstag – für seine «Verdienste um die nationale Wiedergeburt der Stadt Berlin» zu diesem gemacht. Hindenburg ist Berliner Ehrenbürger Nummer 58. Die Nummer 59 besetzte einst Adolf Hitler. Der wurde freilich nach dem Zerfall des Dritten Reiches diskussionslos wieder gestrichen. Nur nicht Hindenburg. Im Gegensatz zu anderen Städten wie Dortmund, Köln, Halle, Leipzig oder München, die dem ehemaligen Reichspräsidenten die Ehrenwürde entzogen haben.

«Militarist und Massenschlächter»

Dieses Schicksal soll Hindenburg knapp 80 Jahre nach dessen Tod nun auch in Berlin ereilen. Die Linkspartei hat im Berliner Abgeordnetenhaus den Antrag gestellt, den ehemaligen Generalfeldmarschall des Ersten Weltkrieges aus der Ehren-Ahnengalerie der Stadt zu entfernen. Als «Militarist und Massenschlächter», sagte Linkspartei-Kulturexperte Wolfgang Brauer, sei Hindenburg für das Sterben von Millionen von Menschen mitverantwortlich. Unterstützung erhält die SED-Nachfolgepartei von den Piraten und den Grünen, die mit einem eigenen Antrag zur Streichung der Ehrenbürgerschaft bereits 2003 einmal gescheitert waren. Der «kaisertreuen Pickelhaube, die Hitler ins Amt gehievt hat», müsse man endlich diese Ehrung wegnehmen, polterte Pirat Oliver Höfinghoff.

Kein «böswilliger Brandstifter»

Allerdings hält die regierende Grosse Koalition aus SPD und CDU dagegen. Man müsse die Figur Hindenburg etwas differenzierter betrachten, mahnte die SPD. Hindenburg, so der SPD-Abgeordnete Alex Lubawinski, sei eine «vielschichtige Persönlichkeit» und ein «Demokrat». Auch die CDU verteidigte den ehemaligen Reichspräsidenten: «Ihn als böswilligen Brandstifter zu verjagen, hält meine Fraktion für unangemessen», so CDU-Kulturexperte Uwe Lehmann.

Eine eindeutige Einordnung der Figur Hindenburg ist nicht leicht. Unter Kaiser Wilhelm II. bastelte er erfolgreich an seinem eigenen Mythos, der trotz heftiger Makel teilweise bis heute überdauert. Im Ersten Weltkrieg befehligte er an der Seite von Erich Ludendorff das deutsche Heer, im November 1918 drängte Hindenburg Wilhelm II. zum Thronverzicht – und bereitete der Monarchie ihr Ende und der ersten Demokratie in Deutschland den Weg. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde nie an Hindenburg festgemacht, obschon er zusammen mit Ludendorff das Debakel und das tausendfache Sterben mitzuverantworten hatte. 1925 wagte Hindenburg eine spektakuläre Rückkehr auf die Bühne der Öffentlichkeit. Der nach wie vor populäre Militarist wurde im April 1925 als Nachfolger des verstorbenen Sozialdemokraten Friedrich Eberts zum Reichspräsidenten gewählt – bis heute ist Hindenburg das einzige deutsche Staatsoberhaupt, das je vom Volk direkt gewählt wurde.

Hindenburg bietet Hitler die Stirn

Heikel wurde Hindenburgs Rolle vor allem mit Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem gleichzeitigen Erstarken der Nationalsozialisten. Hindenburg ging davon aus, dass es sich bei den Nationalsozialisten von Adolf Hitler um eine junge, dynamische Volkspartei handelt, die man – wenn man sie integriert – disziplinieren könne, den Emporkömmling Hitler wollte Hindenburg in Schach halten. Viele halten Hindenburg zugute, dass er sich – im Alter von 85 Jahren – 1932 abermals zur Präsidentenwahl stellte. Mit dem Ziel, den Sieg Hitlers zu verhindern. Sämtliche demokratischen Parteien stellten sich hinter den greisen Reichspräsidenten, dennoch gelang ihm die Bestätigung im Amt erst im zweiten Durchgang. Hindenburg liess die Nazis an der Regierung teilhaben – und kürte Adolf Hitler fatalerweise am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. Hindenburgs Kalkül, für die nationale Einheit Adolf Hitler mit an Bord zu holen, ging bekanntlich nicht auf. Selbst später verhinderte Hindenburg das Ermächtigungsgesetz nicht und protestierte nicht gegen das menschenunwürdige Vorgehen der Nazis gegen die Juden. Am 2. August 1934 starb Hindenburg im Alter von 87 Jahren – Hitler hatte nun endgültig freie Bahn.

Streichung von Ehrenbürgern

Auch der Historiker Hermann Wentker, Leiter der Abteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte, tut sich schwer mit einer eindeutigen Zuordnung der Person Hindenburg. «Er war alles andere als ein Demokrat, er war ein überzeugter Monarchist», sagt Wentker. Allerdings «trat Hindenburg 1932 als Präsidentschaftskandidat gegen die Nazis und Hitler in den Ring, das muss man ihm zugutehalten». Hindenburg habe sich – wohl aus der guten Absicht heraus, die Nazis durch die Einbindung in die staatlichen Strukturen zu bändigen – überreden lassen, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. «Dieses verhängnisvolle Bündnis kann und muss man ihm anlasten», sagt Wentker. Er hält die aktuelle Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus für wenig sinnvoll. «Ich finde es immer etwas fragwürdig, Liste von Ehrenbürgern Jahrzehnte später zu bereinigen», sagt Wentker. Und weiter: «Klar, dass eine Figur wie Adolf Hitler von der Liste gestrichen wird, aber Figuren wie Hindenburg lassen sich nicht eindeutig in Gut oder Böse einordnen.» Hindenburg sei Teil der deutschen Geschichte. Es bringe nichts, sie aus dem Bewusstsein zu verdrängen, sagt Wentker. «Es gehört dazu, dass wir uns mit dieser Geschichte weiterhin auseinandersetzen.»

Wie die Geschichte um Hindenburgs Ehrenbürgerschaft ausgehen wird, ist noch unklar. Der Antrag der Linkspartei wurde nach reger und hitziger Debatte in den Kulturausschuss zur weiteren Beratung überwiesen.