DEUTSCHLAND: War Helmut Schmidt ein Nazi?

Er gehört zu den angesehensten deutschen Politikern. Doch ein neues Buch trübt das Bild von Altkanzler Helmut Schmidt. Der bald 96-Jährige sei laut Originalberichten aus der NS-Zeit ein «einwandfreier Nationalsozialist» gewesen.

Christoph Reichmuth, Berlin Christoph Reichmuth, Berlin
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Helmut Schmidt im Jahr 1940 mit Anfang 20 als Luftwaffenoffizier der deutschen Wehrmacht. (Bild: Keystone)

Helmut Schmidt im Jahr 1940 mit Anfang 20 als Luftwaffenoffizier der deutschen Wehrmacht. (Bild: Keystone)

Am 23. Dezember feiert Helmut Schmidt seinen 96. Geburtstag (aktuelles Bild links). Von 1974 bis 1982 war er Bundeskanzler von Deutschland. Nur noch selten tritt der Mann öffentlich auf, doch die raren Momente, in denen er – freilich Zigaretten rauchend – das Weltgeschehen öffentlich kommentiert, sind in der deutschen Öffentlichkeit viel beachtet. Der SPD- Altkanzler, der das Land durch den «Deutschen Herbst» führte, ist Deutschlands wohl beliebtester Politiker im Ruhestand. Sein Wort hat nach wie vor Gewicht.

«Von Nazi-Ideologie kontaminiert»

Nun aber bringt die Autorin Sabine Pamperrien mit «Helmut Schmidt und der Scheisskrieg»* ein Buch auf den Markt, das am Image des «Elder Statesman» mächtig kratzen wird. Die Autorin hat – notabene mit Genehmigung Schmidts – bislang unbekannte Wehrmachtsakten des Altkanzlers aus dem Freiburger Militärarchiv ausgewertet, der «Spiegel» hat darüber nun berichtet. Beim Aktenstudium ist die Journalistin auf Vermerke über Schmidt gestossen, die Fragen aufwerfen.

Vorgesetzte des jungen Luftwaffenoffiziers Schmidt attestierten diesem in den Kriegsjahren eine «einwandfreie» oder auch «tadelfreie nationalsozialistische Haltung» und lobten Schmidts ideologische Standfestigkeit: «Steht auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung und versteht es, dieses Gedankengut weiterzugeben», heisst es etwa in einer Notiz vom Februar 1942. Autorin Pamperrien kommt zum Schluss, dass Schmidts Denken «zeitweise von Nazi-Ideologie kontaminiert» gewesen sei.

Mal so, mal anders

Schmidt, dessen Grossvater Jude war und der im Sinne der NS-Ideologie als «Mischling zweiten Grades» galt, räumte Ende der 1970er-Jahre zwar ein, er sei in den ersten Jahren der Hitler-Diktatur «unter den Einfluss der braunen Machthaber geraten». 1992 allerdings wollte er davon nichts mehr wissen. Schmidt behauptete, schon vor Kriegsbeginn ein «Gegner der Nazis» gewesen zu sein.

Notizen aus seiner Kriegsgefangenschaft nach Kriegsende 1945 räumen mit diesem Mythos allerdings auf. Sie sind zugleich Zeichen für Schmidts innere Zerrissenheit. Schmidt nennt in seinen Notizen einmal die Ereignisse der «Reichskristallnacht 1938» als Wendepunkt in seiner Haltung gegenüber dem Regime. Allerdings sei damals «Hitler persönlich» von diesem Widerstand noch «ausgenommen» gewesen. Später notierte er 1942 als das Jahr der «Abkehr von Idee und Praxis des NS».

Zur Belohnung zum Schauprozess?

Die in dem Buch aufgeworfenen Vorwürfe sind nicht völlig neu – immer wieder sah sich Schmidt der Anschuldigung ausgesetzt, er sei eben mehr als nur ein Mitläufer gewesen. Schon der ehemalige CSU-Chef Franz Josef Strauss unterstellte Schmidt eine allzu grosse Nähe zum NS-Regime, weil Schmidt 1944 von seinen Vorgesetzten – quasi als Belohnung für seine guten Dienste, wie es Strauss interpretierte – zu den Prozessen gegen die Hitler-Attentäter abkommandiert worden war. Auch Schmidts ehemalige Deutschlehrerin, die später zum Kreis der Widerstandsbewegung «Weisse Rose» zählte, beschuldigte Schmidt, damals «auf der Gegenseite» gestanden zu haben.

1981 kam es zu schweren diplomatischen Spannungen zwischen Israel und Deutschland, als der damalige israelische Premier Menachem Begin die Frage aufwarf, ob der im Krieg auch an der Ostfront eingesetzte Luftwaffenoffizier Schmidt möglicherweise Mittäter beim Holocaust gewesen sein könnte: «Ich weiss nicht, was er mit den Juden an der Ostfront getan hat.»

«Keine moralische Instanz»

In Deutschland werden die neuen Enthüllungen kontrovers aufgenommen. Die Aktenvermerke über Schmidts angebliche Verbundenheit mit der Nazi-Ideologie würden nichts über die wahre Gesinnung aussagen, meinen Experten. Der Historiker Michael Wolffsohn sagt gegenüber dem Magazin «Focus»: «Aktiver Nazi war Schmidt nicht, wohl aber alles andere als ein Unwissender oder gar Widerständler.» Er habe beim Regime mitgemacht, sei aber mit Sicherheit «kein Mörder oder Schreibtischtäter» gewesen. Schmidt habe wohl «mehr gewusst und gesehen», als er «bislang uns allen und vielleicht auch sich selbst einreden wollte», so der Historiker: «Der starke Mann, als den er sich gerne selbst darstellt, war er nicht. Erst recht keine moralische Instanz.»

Der Journalist Alexander Kulpok, Mitte der 70er-Jahre Redenschreiber für Schmidts Vorgänger Willy Brandt (SPD), kennt Schmidt von seiner damaligen Arbeit im politischen Bonner Betrieb. Und aus direkten Erzählungen Willy Brandts – zwei Altkanzler, die sich übrigens nie so recht leiden konnten. Kulpok will sich nicht direkt zu den Anschuldigungen äussern, betont aber, dass diese nicht neu und vermutlich auch nicht völlig aus der Luft gegriffen seien. Zu der gängigen Meinung, Schmidt sei kein Anhänger der Nazis gewesen, meint Kulpok lediglich: «Israels Ministerpräsident Menachem Begin hatte da eine ganz andere Auffassung. Und die Israelis sind in der Regel gut informiert.» Allerdings sei es in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit keine Seltenheit gewesen, dass Personen mit vorbelasteten Biografien sowohl in der Politik als auch im Journalismus später Karriere gemacht hätten. «Schmidts Vergangenheit ist unter diesem Gesichtspunkt eigentlich nichts Besonderes.»

Der Altkanzler selbst hat zu den Vorwürfen bislang geschwiegen. Er hat sich inzwischen Kopien seiner Akten aus dem Freiburger Militärarchiv zuschicken lassen. Vielleicht wird sich der Hamburger 2015 auch dazu zu Wort melden – in seinem nächsten Buch mit dem Titel «Was ich noch sagen wollte».

Hinweis

* Sabine Pamperrien: «Helmut Schmidt und der Scheisskrieg», Piper Verlag, München.

Der frühere deutsche Kanzler Helmut Schmidt in einer TV-Talkshow. (Bild: Keystone (Archiv))

Der frühere deutsche Kanzler Helmut Schmidt in einer TV-Talkshow. (Bild: Keystone (Archiv))