Deutschland zofft sich wegen Reisebeschränkungen: Jetzt soll Merkel für Ordnung sorgen

In Deutschland haben etliche Bundesländer pünktlich zu Beginn der Herbstferien Reisebeschränkungen für Inländer verhängt. Es hagelt Kritik. Nun schaltet sich die Kanzlerin ein.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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In Westerland auf Sylt darf nicht mehr jeder übernachten.

In Westerland auf Sylt darf nicht mehr jeder übernachten.

Bild: Bodo Marks/DPA (Westerland, 11. Oktober 2020)

Sascha Schniotalla wusste bis zuletzt nicht, ob er nun mit seiner Familie die Herbstferien bei seinen Schwiegereltern in Schleswig-Holstein verbringen darf oder wegen Corona eben nicht. Der 44-jährige Unternehmer wohnt in Berlin und damit, wegen steigender Infektionszahlen, in einem Risikogebiet.

Wenige Tage vor seiner geplanten Abreise letztes Wochenende einigte sich das Gros der Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer auf so genannte «Beherbergungsverbote» für Touristen aus deutschen Risikogebieten. Wer aus einem Coronahotspot wie Berlin, Frankfurt oder München stammt, darf seitdem ohne negativen Coronatest beispielsweise keine Ferien an der Ostsee oder in Schleswig-Holstein verbringen.

So ist es natürlich schwierig, seine Herbstferien zu planen

Schniotallas Ferien in dem nördlichen Bundesland standen kurz vor der Abreise plötzlich auf der Kippe. «Es war echt mühsam, da sich die Regeln fast jeden Tag geändert hatten», sagt er. «So ist es natürlich schwierig, seine Herbstferien zu planen.»

Seit einer Woche gelten die Beherbergungsverbote in den meisten Bundesländern, demnächst könnten dieses allerdings wieder gekippt werden. Denn der Widerstand gegen die Massnahme wird grösser. Verschiedene Ministerpräsidenten, Ärzte und Virologen äussern Kritik an den Reiseauflagen, die pünktlich zum Beginn der Herbstferien erlassen worden sind.

Tourismusbranche warnt vor grossen Einbussen

Reisen innerhalb des Landes seien keine Pandemie-Treiber, heisst es von Virologen-Seite. Das Virus verbreite sich vor allem infolge von Zusammenkünften vieler Menschen in engen, geschlossenen Räumen, etwa bei Familienfeiern. Vertreter von Tourismus- und Gastgewerbebetrieben warnten vor abermals erheblichen Einbussen für Tourismusbetriebe, da viele Reisende ihre innerhalb Deutschlands geplanten Ferien stornierten.

Selbst der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiss, äusserte sich skeptisch zum Beherbergungsverbot. Dieses müsse noch einmal auf den Prüfstand: «Gerade Hotels haben in einem grossen Kraftakt die Hygienemassnahmen umgesetzt und für mehr Sicherheit gesorgt.» Auch Ralf Stegner, Fraktionschef der SPD in Schleswig-Holstein, kritisierte die Regeln: «Nicht das Reisen innerhalb Deutschlands ist das Problem, sondern das Verletzen von Abstands- und Hygieneregeln und der Maskenpflicht.»

Möglicherweise finden die 16 Bundesländer an diesem Mittwoch zu einer einheitlichen Linie bei den Coronamassnahmen. Erstmals seit März reisen die Regierungschefs wieder zu einer gemeinsamen Besprechung über die Coronapolitik mit Kanzlerin Merkel nach Berlin. Das Beherbergungsverbot dürfte dabei genauso Thema sein wie eine verschärfte Maskenpflicht.

«Mehr Masken, weniger Alkohol, weniger Feiern»

Eine solche brachte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ins Spiel, als er am Dienstag angesichts steigender Coronazahlen landesweit einheitliche Regeln forderte. Das Motto müsse «mehr Masken, weniger Alkohol, weniger Feiern», lauten. Die Maske sei «ein Instrument der Freiheit», so Söder weiter. Deutschland müsse nun gemeinsam eine Linie in der Coronapolitik fahren, ansonsten bestehe «die Gefahr, die Kontrolle zu verlieren», meinte der CSU-Politiker.

Sascha Schniotalla ist seit Samstag bei seinen Schwiegereltern in Schleswig-Holstein. Kurz vor der Abreise letzte Woche liess er sich und seine Familie auf Corona testen. Übers Wochenende hielt sich die Familie separiert von den Schwiegereltern freiwillig in Quarantäne, am Montag erreichte sie das negative Testergebnis. Zu einem Zeitpunkt notabene, als die Testung gar nicht mehr nötig gewesen wäre. In der Zwischenzeit hat das norddeutsche Bundesland die Regeln für Familienbesuche gelockert.

Das Wirrwarr um die Coronamassnahmen sieht Schniotalla kritisch: «Es wäre schon nicht schlecht, wenn es einheitliche Regeln gäbe, an denen man sich orientieren kann.»

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