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DEUTSCHLAND/NAMIBIA: Opfer sehen «Verzögerungstaktik»

Die Aufarbeitung des Völkermords von Namibia gestaltet sich äusserst schwierig. Nicht nur in Berlin und New York, sondern auch in der ehemaligen deutschen Kolonie selbst.
Markus Schönherr, Kapstadt
Gottesdienst mit Vertretern der Ovaherero und Nama, bei dem Schädel von Opfern des deutschen Kolonialismus in Namibia ausgestellt wurden. (Bild:)

Gottesdienst mit Vertretern der Ovaherero und Nama, bei dem Schädel von Opfern des deutschen Kolonialismus in Namibia ausgestellt wurden. (Bild:)

Markus Schönherr, Kapstadt

Weshalb versucht Deutschland, das Unausweichliche hinauszuzögern? Diese Frage stellen sich die Opfer der Kolonialverbrechen in Namibia, welche die Bundesrepublik vor ein Gericht in den USA gebracht hatten. Ihnen zufolge sind Entschädigungszahlungen an die Herero und Nama nur eine Frage der Zeit.

«Deutschland hat allen Grund, nervös zu sein. Seine Vertreter können weglaufen, aber sie können sich nirgendwo verstecken», sagte Vekuii Rukoro, der Vorsitzende einer Herero-Interessensgruppe, bei einer Pressekonferenz in Namibias Hauptstadt Windhoek. Der traditionelle Stammesführer wirft der ehemaligen Kolonialmacht «Verzögerungstaktik» vor, nachdem die Verhandlung über potenzielle Reparationen erneut verschoben wurde. Grund: Deutschland weigere sich, die Gerichtsvorladung anzunehmen, berichtet die Tageszeitung «Namibian Sun».

80 Prozent der Herero wurden getötet

Bereits im März hatte eine Vorverhandlung im Völkermordprozess stattgefunden. Deutschland versäumte jedoch, einen Vertreter zu schicken, weil die Vorladung nur an seine Botschaften in Washington und New York geliefert wurde. Dem Bericht nach wolle die Regierung in Berlin jedoch nur vor Gericht erscheinen, wenn sie einen entsprechenden Bescheid über das Auswärtige Amt erhalte. Die Anhörung wurde auf den 13. Oktober verlegt. Zu Jahresbeginn hatte eine Gruppe von Ovaherero und Nama in den USA eine Sammelklage gegen Deutschland eingebracht, um Entschädigungszahlungen für den «vergessenen Völkermord» zu erwirken. Bis 1915 war die «kaiserliche Schutztruppe» für einige der unmenschlichsten Kolonialverbrechen verantwortlich. Rund 80 Prozent der Herero wurden dabei getötet. General Lothar von Trotha hatte in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika einen «Vernichtungsbefehl» für Herero und Nama gegeben: Bis zu 70 000 Volksangehörige wurden erschossen, erhängt, ihre Wasserlöcher vergiftet, oder sie starben in Konzentrationslagern.

Offizielle Entschuldigung fehlt weiterhin

Seit 2015 führen Namibia und Deutschland bilaterale Gespräche über die Aufarbeitung des Genozids. «Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord», gestand der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Schäfer, letztes Jahr erstmalig. Eine Entschuldigung aus Berlin fehlt jedoch weiter. Direkten Kontakt mit den Opfern lehnten die Zuständigen in Berlin bislang ab.

Nicht zuletzt deshalb kritisieren einige Gruppen den Prozess. Die Gespräche fänden «weit entfernt von den Augen und Ohren des namibischen Volks» statt, so Herero-Vorsteher Rukoro. «Als Opfer haben wir keine Ahnung, was man in unserem Namen vorträgt und was Deutschland darauf antwortet.» Mit dem Prozess kämpfen die Volksgruppen einerseits um Entschädigungen, andererseits um das Recht, an der Aufarbeitung teilzuhaben. Laut Opfervertretern begehe Deutschland durch die bürokratische Prozessverzögerung einen Fehler. Denn dadurch würden Opfervereine nur noch mehr vereint und radikalisiert. Rukoros Gruppe und die Repräsentanten der Nama wollen die Vorladung per Boten direkt an das Aussenministerium in Berlin übergeben. Dies verschaffe den Klägern die rechtliche Grundlage, notfalls auch ohne Deutschlands Anwesenheit in New York ein Urteil zu erwirken.

In Namibia geht die Aufarbeitung unterdessen nur langsam voran. Etwa 30 000 deutsche Namibier leben in dem Wüstenstaat an der Atlantikküste. Ihre Sprache gilt nach wie vor als Wirtschaftssprache. Viele Konzerne und Farmen befinden sich in den Händen deutscher Nachfahren. So setzen radikale Jugendgruppen Deutsch zunehmend mit Unterdrückung gleich. Während einige Namibier die Sammelklage gegen Deutschland begrüssten, sind andere skeptisch. Ein Kommentator vermerkt in der Zeitung «The Namibian»: «Bei Sammelklagen geht es vorwiegend um Geld. Antragsteller und Anwälte machen gemeinsame Sache, weil sie in Milliarden schwimmen wollen.»

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