USA
Dichtung und Wahrheit: So war der junge Barack Obama wirklich

Ein neues Obama-Buch beschreibt im Detail die ersten 27 Lebensjahre des späteren Präsidenten. David Maraniss widerlegt dabei viele Legenden.

Renzo Ruf, Washington
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Barack Obama mit seinem Schatz Michelle anno 1992

Barack Obama mit seinem Schatz Michelle anno 1992

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Die Gegner des Präsidenten haben es schon immer geahnt: Die Lebensgeschichte von Barack Obama, dem ersten schwarzen Staatschef der USA, ist ein Konstrukt – und Obama hat die Suche nach seinem Platz in der vielschichtigen US-Gesellschaft in seiner Autobiografie «Ein amerikanischer Traum» geschönt wiedergegeben. Dies geht aus einer neuen Biografie hervor, die aus der Feder des Star-Journalisten David Maraniss stammt und seit heute unter dem Titel «Barack Obama: The Story» in Amerika erhältlich ist.

Ein Fremder in Amerika

Maraniss ist allerdings beileibe kein Obama-Kritiker. Der Redaktor der «Washington Post», bekannt für seine Politik- und Sportbücher, erzählt in seinem 641 Seiten zählenden Wälzer vielmehr die komplizierte Familiengeschichte Obamas und die ersten 27 Jahre im Leben des künftigen Präsidenten nach. Vieles davon ist bekannt, von seinem unzuverlässigen kenianischen Vater über seine abenteuerlustige (weisse) Mutter aus Kansas bis hin zu seinem Stiefvater aus Indonesien. Maraniss räumt nun auch der Geschichte der (weissen) Grosseltern Obamas viel Platz ein, in deren Haus auf Hawaii der junge «Barry» aufwuchs und die obligatorische Schulzeit verbrachte.

Aus Dutzenden von Anekdoten und Gesprächen mit Weggefährten Obamas ergibt sich das Bild eines Knaben und später eines Mannes, der nie so richtig dazugehörte – weil er (in Indonesien) Sprachprobleme hatte, weil er (auf Hawaii) ein Fremder vom Festland war, oder weil er (in Chicago) keine afroamerikanischen Freunde hatte. Eine erstaunlich geringe Rolle spielte dabei aber Rassismus. Gerade in der multikulturellen Gesellschaft der Pazifikinselgruppe Hawaii war die dunkle Hautfarbe oder der exotische Namen des künftigen Präsidenten nebensächlich. Denn Obama habe sich damals unter Schülern befunden, deren Familien «Oba, Ochoa, Ogata, Ohama, Oishi, Okada, Oshiro, Osuna oder Ota» hiessen, wie Maraniss schreibt.

Unsichtbare Mauern für Schwarze?

Interessant ist dies, weil Obama seine Jugendjahre als eine Ansammlung von Zurückweisungen beschrieb, weil er als Schwarzer ständig gegen unsichtbare Mauern geprallt sei. Ein Beispiel bloss: In seinem Buch schreibt Obama über Ray, einen engen Schulfreund aus Hawaii. Der junge Schwarze wird den Lesern als Antipode zum sonnigen Gemüt Obama vorgestellt, weil er sich lautstark gegen die Unterdrückung durch die weisse und asiatische Mehrheit wehrt. Mit seinen Tiraden öffnet Ray Obama die Augen, obwohl der junge «Barry» nicht immer einverstanden mit den Schlussfolgerungen seines Freundes ist. Maraniss erzählt nun, dass es sich bei Ray um einen schwarzen Asiaten gehandelt habe, dessen Mutter indianisches Blut besass und dessen Vater aus Japan stammte. Keith Kakugawa, so hiess «Ray» wirklich, sei ein ganz normaler Teenager gewesen – nicht der Feuer speiende Revoluzzer in Obamas Buch.

Das Buch wartet mit zahlreichen weiteren knackigen Geschichten auf, die vom Cannabis-Konsum über seine Beziehungsprobleme und sein Einzelgängertum in New York reichen. Daraus ergibt sich das Bild eines ehrgeizigen und selbstbewussten Amerikaners, der nach überstandener Sturm- und-Drang-Phase rasch herausfand, dass er seine exotische Familiengeschichte zu seinen Gunsten einsetzen kann. Und der auch dreieinhalb Jahre nach Amtsantritt vielen Landsleuten immer noch Rätsel aufgibt.