Russland
Die Abenteuer des Wladimir Putin: Tauchgang weckt böse Erinnerungen

Der Präsident setzt sich einmal mehr in Szene. In einem Mini-U-Boot geht er vor der Krim auf Tauchstation – und erinnert damit an das «Kursk»-Drama.

Dagmar Heuberger
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Die Abenteuer des Wladimir Putin
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... auf der Jagd
... in der Tundra
... als Schwimmer
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... als Kampfpilot
... als Judoka

Die Abenteuer des Wladimir Putin

KEYSTONE

Er hat es wieder getan. Wie so oft zur Sommerzeit, hat es Wladimir Putin geschafft, sich medienwirksam zu inszenieren. Diesmal stieg der russische Präsident vor der – von Russland annektierten – Halbinsel Krim in ein Mini-U-Boot und tauchte 83 Meter in die Tiefe. Dort besichtigte er das Wrack eines Handelsschiffs aus byzantinischer Zeit. Noch von Bord des U-Boots aus telefonierte Putin mit seinem Regierungschef Dimitri Medwedew und erklärte ihm, das Wrack illustriere, «wie tief unsere historischen Wurzeln sind».

Für den Präsidenten, der später sagte, die 83 Meter seien eine «ziemlich beachtliche Tiefe», war es keineswegs der erste Tauchgang. Und auch nicht der tiefste. 2009 war Putin – ebenfalls in einem Mini-U-Boot – auf den Grund des sibirischen Baikalsees vorgedrungen. Mit 1400 Metern handelt es sich um den tiefsten See der Welt. Besonders peinlich endete es 2009, als Putin im Neoprenanzug ins Schwarze Meer tauchte und angeblich zwei antike Vasen fand. Sein Sprecher musste später zugeben, dass die Amphoren extra dort platziert worden waren.

Putin liebt es, sich als Held und starker Mann in Szene setzen zu lassen. Sei es auf der Tigerjagd in Sibirien, im Kampfjet, mit seinem schwarzen Judo-Gürtel, mit nacktem Oberkörper beim Fischen oder – ebenfalls gerne «oben ohne» – hoch zu Ross. Doch diesmal könnte die Inszenierung, ähnlich wie beim Vasen-Flop, schiefgehen.

Die Katastrophe in der Barentssee

Der Tauchgang des Kreml-Chefs weckt nämlich ungute Erinnerungen. Denn ausgerechnet in diesen Tagen jährt sich der Untergang der «Kursk». Vor 15 Jahren, am 12. August 2000, sank während eines Manövers in der Barentssee die «Kursk». Zwei Explosionen rissen das damals modernste Atom-U-Boot der russischen Flotte in die Tiefe; alle 118 Besatzungsmitglieder starben. Es war die grösste Katastrophe in der Geschichte der russischen Marine seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und ein Tiefpunkt von Putins erster Präsidentschaft.

Zumindest bei den Familien der damals verstorbenen Männer dürfte Putins jüngste U-Boot-Inszenierung schlecht ankommen. Anders als für den Kreml ist für sie die Tragödie um die «Kursk» noch nicht abgehakt. Tatsächlich bleiben die wahren Ursachen und Hintergründe des Untergangs im Dunkeln. Der Anwalt Boris Kusnetsow, der die Hinterbliebenen von 55 Seeleuten vertritt, bezeichnet den Untergang und dessen Aufklärung sogar als «Putins erste Lüge». Der Vorwurf ist nicht ganz unbegründet, gibt es doch rund um das «Kursk»-Drama eine ganze Reihe von Ungereimtheiten. Zwei Tage dauerte es, bis Moskau überhaupt über das Unglück informierte. Die Angehörigen wurden angelogen, die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen. Zu den Ursachen gab es zahlreiche Erklärungsversuche und Verschwörungstheorien: Die «Kursk» sei mit einem anderen U-Boot oder einem anderen Schiff kollidiert; es sei von einem U-Boot der Nato versenkt worden.

Noch immer nicht aufgeklärt

Laut dem offiziellen Untersuchungsbericht, von dem allerdings nur die Schlussfolgerungen veröffentlicht wurden, explodierte an Bord der Kursk ein defekter Torpedo. Es gibt aber auch einen Bericht, wonach die «Kursk» durch «friendly fire» versenkt wurde. Demnach soll ein russischer Kreuzer, der sich in der Nähe befand, eine Rakete abgefeuert haben, die versehentlich das Atom-U-Boot traf. Und schliesslich dauerte es mehrere Tage, bis es den Rettungskräften gelang, zu den eingeschlossenen Seeleuten vorzudringen. Die vom Ausland angebotene Hilfe akzeptierte Russland erst, als es schon zu spät war.

Die Wunden der «Kursk»-Katastrophe sind noch nicht verheilt. Und Putin hat sie mit seinem U-Boot-Tauchgang wieder aufgerissen.