Georgien
Die Alten lieben Stalin, für die Jungen ist er ein Mythos

In Gori, der georgischen Heimat von Josef Stalin, tun sich die Menschen schwer mit der Vergangenheit. Manche verehren den Tyrann noch heute. Für alles Übel wird gerne der Nachbar Russland verantwortlich gemacht.

Inna Hartwich, Gori
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Vor der Stalin-Statue in Gori lässt sich mancher Besucher gern fotografieren.

Vor der Stalin-Statue in Gori lässt sich mancher Besucher gern fotografieren.

Iinna Hartwich

Das Bizarrste an diesem Ort ist das Pantheon. Im schummrigen Licht geht es hinauf, der Blick fällt auf eine Totenmaske aus Metall. Larissa Gasaschwili eilt aus der Ruhmeshalle, als ob sie sagen wollte: «Ach, das gibt es eben auch noch, wie soll man es schon loswerden?» Vor einigen Jahren noch blieb Larissa Gasaschwili hier stehen, minutenlang, die Maske war angestrahlt, ein grosser Moment. Sie konnte stundenlang erzählen, über einen starken Mann, der das Land zu einem Siegerland gemacht hatte, über einen Jungen von hier, der Stadt, aus der sie selbst kommt – Gori im hügeligen Osten Georgiens. Es war ihre Pflicht. Wie es überhaupt Pflicht war, nur gut über den Josef Stalin zu sprechen. Wie es dann zur Pflicht wurde, ihn zu verdammen.

Seit 25 Jahren ist Larissa Gasaschwili hier, schreitet durch die sechs Säle des Museums von Gori, das wie kaum etwas anderes im Land zeigt, wie schwer sich die Georgier mit ihrer Vergangenheit tun. Wie kompliziert ihr Verhältnis zu dem Mann ist, der in dieser Stadt, nur 80 Kilometer von der Hauptstadt Tiflis entfernt, aufwuchs. Der später als Sowjetherrscher Millionen Menschenleben zerstört hat, mit erzwungenen Geständnissen, monströsen Schauprozessen, menschenverachtendem Straflagersystem in den unwirtlichsten Gegenden des riesigen Landes. Mit Josef Stalin, der hier in Gori zur Welt kam, und für den sie gleich daneben in den 1950ern ein monumentales Museum bauten; dem sie huldigten und den sie verehrten.

Stalins Gedichte gerühmt

Manche Georgier tun es bis heute. «Stalin ist ein Phänomen, eine überragende historische Figur», sagt Robert Maglakelidse. Der 63-Jährige war bis vor einem Jahr noch Direktor des Stalin-Museums. Er fragte nicht nach, als er den Stuhl räumen musste. «Was kommt, das kommt», sei schon immer sein Lebensmotto gewesen. Gern verteilt er Stalins Gedichte, rühmt die Poesie des Diktators.

«Welch Fähigkeiten schon in so jungen Jahren», sagt er dann, wie er auch Sätze sagt wie «Stalin war ein einfacher, bescheidener Mensch, der Gutes wollte, wäre da nicht das Politbüro». Maglakelidse ist ein ambivalenter Mann. Immer noch rühmt er seine «Stalinsche Disziplin», die er im Museum verordnete. Er war es aber auch, der dafür sorgte, dass Zeugnisse aus den 1930er-Jahren im Museum auftauchten, dass die Mitarbeiter von millionenfacher Liquidierung von Menschen sprachen. Das Haus an der Stalin-Allee – die Strasse heisst bis heute so – öffnete sich der Kritik nach so vielen Jahren des Anhimmelns.

«Die Älteren bringen Stalin immer noch Liebe entgegen, die Mittelalten sind unsicher, für die Jüngeren ist er ein Mythos», sagt David Dschischkariani. Der Historiker ist 26 Jahre alt und einer von gerade einmal vier Wissenschaftern in Georgien, die sich dem Thema Stalinismus widmen. Er will «reden, ergründen, begreifen». Mit anderen jungen Historikern hat Dschischkariani eine Nichtregierungsorganisation gegründet, die sich der Erforschung des sowjetischen Georgiens zur Aufgabe macht. Sie digitalisieren Archivzeugnisse, veröffentlichen Zeitzeugendokumente. Dafür bringt Dschischkariani schon einmal nach vier Monaten täglicher Visite einen ehemaligen NKWD-Mann zum Sprechen, redet auch mit einer 105-Jährigen, die das Jahr 1937, die Anfänge der Grossen Säuberungen, miterlebt hat. Die Erzählungen nimmt er auf, macht sie zugänglich für die Öffentlichkeit.

Fakten aus dem Kontext gerissen

Das offizielle Georgien pflegt einen eigenen Kurs der Vergangenheitsbewältigung. Das spiegelt sich vor allem im Okkupationsmuseum wider, das in einem grossen, verdunkelten Raum im Nationalmuseum in Tiflis untergebracht ist. Bilder und Aufzeichnungen erzählen über die kurze Blütezeit der georgischen Unabhängigkeitsbewegung 1918, den Widerstand gegen die Sowjetherrschaft, die Phasen des stalinistischen Terrors. Namensliste reiht sich an Namensliste, Zeugnisse von getöteten Männern, Frauen, Kindern.

Die Fakten stimmen, doch wirken sie total aus dem Kontext gerissen, als wäre das Übel von aussen über das Land hereingebrochen. Kein Wort von Georgiern als Täter. Es ist ein Geschichtsbild, das die Sowjetzeit verdammt und typisch ist für ehemalige Sowjetrepubliken, die ihre nationale Identität über den Opferstatus definieren und stalinistische Politik an der eigenen Volksgruppe thematisieren.

Geschichtsfälschung

Georgiens früherer Kultusminister sagte noch vor kurzem Sätze wie «Stalin war auf dem Papier Georgier, im Herzen aber Russe». Für alles Übel im Land wird unter den Anhängern des Präsidenten Michail Saakaschwili gern der grosse Nachbar verantwortlich gemacht. Der Historiker Dschischkariani schüttelt da manchmal mit dem Kopf. «Wir können eine Propaganda doch nicht durch eine andere ersetzen, sonst ist es genau so eine Geschichtsfälschung wie zu Stalins Zeiten.»

So befremdend das Stalin-Museum auch ist, so nötig sei es, dass es in Gori bleibe, sagt Dschischkariani. Die Ausstellung, die seit 1979 nicht mehr verändert wurde, zeigt die Kinderbilder von Stalin, als er noch Iosseb Dschugaschwili hiess, die pompösen Geschenke aus Deutschland, China oder Bulgarien. Gezeigt werden Stalins weisses Telefon und seinen Generalsmantel. Dschischkariani träumt davon, das Haus im typischen Stalinschen Zuckerbäckerstil möge eines Tages zur Bildungs- und Begegnungsstätte werden, zu einem weltweiten Forschungszentrum des Stalinismus gar. Ein Ort für Diskussionen, nicht mehr verklärend, sondern aufklärend.