Al Capone
Die amerikanische Steuerbehörde brachte auch Al Capone zur Strecke

Die amerikanische Steuerbehörde (IRS) beweist nicht nur gegenüber Schweizer Banken, wie mächtig sie ist, sie war auch die Behörde, der es gelang, den berüchtigten Gangster Al Capone aus dem Verkehr zu ziehen.

Christoph Bopp
Drucken
Teilen

Ein Ding unter Männern. Wenn die Geschichte stimmt – und sie scheint immerhin sehr gut erfunden –, dann war es genau dies. Ein im Grunde lächerlicher Show-Act zweier Alpha-Tiere, wer der Stärkere sei. Der frisch gewählte Präsident Herbert Hoover – so geht die Geschichte – soll beim Betreten einer Hotellobby in Miami den ihm gebührenden Applaus der Leute genossen haben, obwohl er noch nicht im Amt war. Das Interesse am neuen Präsidenten soll aber schlagartig auf fast null gesunken sein, als Al Capone die Hotelhalle betrat.

«Habt ihr diesen Capone schon?»

Hoover bestritt später, es sei um etwas Persönliches gegangen. Aber die Anekdote geht noch weiter. Am 4. März 1929 trat der ansonsten glücklose Hoover sein Präsidentenamt an. Jeden Morgen pflegte er seine Berater zum Frühsport zu versammeln, wobei man sich einen Medizinball zuwarf. «Klatsch, klatsch» machte der Ball und der Präsident fragte: «Habt ihr diesen Capone schon?» Bevor es unter die Dusche ging, versäumte es der Präsident nicht, in der Manier Cato des Älteren, der «übrigens» Karthago zerstört haben wollte, seine Entourage zu ermahnen: «Denken Sie daran, ich will diesen Capone im Gefängnis sehen.»

«Ceterum censeo» – dem alten Cato werden wir nochmals begegnen. Solche Geschichten gehen nicht ohne Pomp und Pathos ab. Beginnen tun sie aber in aller Regel bescheiden. Alphonsus Capone (so wurde er getauft) wurde 1899 als Sohn eines neapolitanischen Einwanderers in New York geboren. Bereits auf der kriminellen Bahn, wurde der 20-jährige Gangster nach Chicago geschickt. Und dort machte der junge Al rasch Karriere.

1919 trat nämlich auch der Volstead Act in Kraft, der festlegte, welche Getränke als alkoholische zu gelten hätten und demzufolge verboten waren. Über die Prohibition und das Chicago der 20er-Jahre mag es soziologische Studien geben, die alles Mögliche erklären mögen. Aber wie es damals in Chicago zuging, kann man sich nur noch schwer vorstellen. Der allgemeine Wille, die geistigen Getränke wirklich zu verachten, war gering ausgeprägt. Das Brennen und Handeln mit Schnaps (und auch Bier) war ein einträgliches Geschäft.

Erhebliche Gewinne trugen auch Stätten ein, in denen dem Glücksspiel und dem Wetten gefrönt werden konnte. Dann gabs auch die Lokale, wo man es mit der Moral nicht so genau nahm. Und Capone herrschte über alles mit der ihm eigenen Mischung von Brutalität und Jovialität.

Gegen Konkurrenz innerhalb des «Outfits» ging Capone mit voller Rücksichtslosigkeit vor. Gegen aussen spielte er den jovialen Wohltäter, der die Not von Witwen und Waisen linderte und mit seinem Geld äusserst grosszügig umging. Sich selbst gönnte er durchaus auch etwas.

Extravaganter Lebensstil

Im Steuer-Prozess enthüllte die Anklage genüsslich Anzahl und Preis der Anzüge, Krawatten, Hemden und seidenen Unterhosen, die er pro Jahr geordert hatte. Seinen extravaganten Lebensstil verheimlichte Capone keineswegs. Und dennoch taten sich die Behörden schwer, den Gangster hinter Gitter zu bringen.

In Strafsachen schien ein solches Projekt fast aussichtslos. Das FBI jedenfalls wollte sich nicht darauf einlassen. Und die örtliche Polizei und Justiz hatte Capone im Griff. Wo grosszügige Bestechungssummen nicht reichten, bewirkte die Angst den Rest. Obwohl – entgegen späterer Meinung – die Ordnungshüter nicht allzu viel befürchten mussten. Auch der «unbestechliche» Eliot Ness, der das Schnapsgeschäft durchaus wirkungsvoll störte, musste persönlich keine Angst haben. Bundesbeamte umzubringen, lohnte sich nicht. Da kamen immer andere nach. Auch mit der Justiz sollte sich die Mafia erst später offen anlegen. Amerikas «StaatsfeindNr.1» erregte zwar Abscheu, blieb aber in weiten Kreisen nicht ganz ohne Sympathie. Was den Amerikanern imponierte, war seine «Tüchtigkeit». Er hatte es geschafft. Und mit den Medien konnte er es auch gut.

Also blieb, um dem Willen des Präsidenten Genüge zu tun, nur die Steuerbehörde. Capone war, anders als andere hohe Mitglieder seines Zirkels, die wegen Steuervergehen verurteilt wurden, sehr vorsichtig. Er hatte kein Bankkonto und er indossierte keine Checks. «Mein ganzes Geld trage ich in der Tasche», pflegte er auch gegenüber dem IRS zu sagen.

Zufall kam zu Hilfe

Die musste ihm nachweisen, dass er über Einkommen verfügte, was gar nicht so einfach war. Schliesslich kam den fleissigen Steuerfahndern der Zufall zu Hilfe. Capones Anwalt hatte die Gefahr kommen sehen und versucht, mit dem IRS ins Geschäft zu kommen. Das war damals ebenso willkommen wie heute. Er tat es allerdings, so beurteilt man heute, dilettantisch und dachte gar nicht daran, dass man daraus einen exemplarischen Straffall machen wollte.

Ohne Special Agent Frank Wilson wäre vielleicht trotzdem alles im Sande verlaufen. Er stiess, als er spät in der Nacht seinen Safe zuschnappen liess, den Schlüssel nicht mehr fand und einen Platz für seine Akten suchte, in einem alten Schrank auf ein bei einer früheren Razzia beschlagnahmtes Kassabuch einer Caponeschen Spielhölle. Nun war es nur noch nötig, Capone glaubwürdig als Eigentümer und Begünstigten darzustellen. Das gelang mithilfe der Aussage des Buchhalters Lew Shumway und einigem Zwang.

Capones Anwälte machten alles andere als einen guten Job. Sie hatten mit einem Vergleich gerechnet und nichts unternommen, um die Anklage zu widerlegen. «Ceterum censeo», so der Anwalt Mike Ahern, gehe es hier nur darum, einem prominenten Bürger eins auszuwischen. Capone wurde zu zehn Jahren Bundesgefängnis plus einem Jahr Bezirksgefängnis verurteilt. 1939 wurde er entlassen, 1947 starb er als Gangster im Ruhestand an Syphilis.