Ureinwohner
Die Baka gehörten zu den ersten Menschen – jetzt droht ihnen ein Dasein als Touristenattraktion

Die Baka, ein Stamm, der in Kamerun ansässig ist, gehören gemäss Forschern zu den ältesten Gruppen der Menschen. In Kamerun droht ihnen nun ein Dasein als Touristenattraktion.

Benjamin Rosch, Kribi
Merken
Drucken
Teilen
Die Baka zwischen sechs Spuren Autobahn. Patrik Felber

Die Baka zwischen sechs Spuren Autobahn. Patrik Felber

Patrik Felber

Im kamerunischen Sprachgebrauch existieren verschiedene Namen für die Korruption. Sie klingen verspielt: Le Tchoko, taxi, la bière. Für einen Schein von zwanzig Dollar nimmt eine Gendarmette bei uns im Suzuki vorne Platz. Mit ihr dürfen wir auf die wohl grösste Baustelle Kameruns. Auf einer Länge von etwas mehr als 38 Kilometern fräsen Bauarbeiter eine Schneise durch den Dschungel. Sie roden die Bäume, tragen die Erde ab und teeren den Boden. Sechs Spuren Autobahn.

Die gelben Schilder am Rand zieren fernöstliche Schriftzeichen. Es sind die Chinesen, welche hier die Bauherrschaft haben. Sie sind es auch, die den Löwenanteil des riesigen Tiefsee-Hafens in Kribi finanzieren. Hunderte Millionen. Die Autobahn soll diesen mit der Hauptstadt Yaoundé verbinden. Das Mega-Projekt wird den aktuellen Hafen in Douala konkurrieren, dem pulsierenden Herz der Korruption.

In der Mitte der noch jungfräulichen Autobahn wandert eine Gruppe kleiner Menschen. Sie tragen Macheten, Speere und ein bisschen Stoff. «Pygmies» nennt sie der Fahrer abwertend, Pygmäen. Der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet «Fäustling». Die Menschen sind etwa so gross wie ein Zwölfjähriger. Ihr Stamm heisst Baka und ist neben Kamerun auch in der Republik Kongo, Gabun und der Zentralafrikanischen Republik vertreten. Sie kommen von der Jagd, Beute haben sie jedoch kaum dabei. Den Heimweg nehmen sie jetzt noch über die Autobahn, denn ihr Dorf ist nur zwei Steinwürfe von der Strasse entfernt.

Whisky aus Plastikbeuteln

Die Baka, schätzen Forscher, gehören zu den ältesten Gruppen der Menschen. Ihr Leben ist einfach. Ihre Häuser bauen sie aus Palmblättern, einen grossen Teil ihrer Werkzeuge aus Materialien, die der Urwald hergibt. Sie sind Jäger und Sammler und fristen ausserhalb der Ränder der Zivilisation im Dschungel ein Nischendasein. Insgesamt soll es bis zu 30 000 Angehörige der Baka geben. Sie leben lose verbunden in sehr kleinen Dörfern. «Immer wenn jemand aus ihrer Gruppe stirbt, ziehen sie weiter», erzählt der Fahrer. Sie orientieren sich an bestimmten Bäumen. Eine Dorfgemeinschaft unweit von Kribi hat aufgegeben: Ein paar Baka bleiben dort, verkaufen sich als Touristenattraktion. Vornehmlich Chinesen auf der Suche nach Zeitvertreib kommen hierhin. Die Bewohner sitzen auf dem Boden, umgeben von Plastikbeuteln, aus denen sie Whisky trinken. Sie sind andauernd betrunken.

China übernimmt

Die Chinesen ihrerseits üben sich in Verschlossenheit. Auf Satellitenbildern von Google etwa ist der Hafen von schwarzen Pixeln verdeckt. Vier Wachen stehen bei einer Barriere am Eingang zur Baustelle. «Sie schauen uns nicht einmal an, wenn wir mit ihnen zu tun haben», erzählt die Gendarmette auf der Rückfahrt. Eine Interaktion sei kaum möglich. Tatsächlich stampfen die Asiaten ganze Camps für ihre Arbeiter aus dem Boden. Die Baracken sind besser gebaut als jede Schule im Distrikt. Obwohl sie sich dort den bald neuen Gepflogenheiten anpassen wollen: Auf manchen kamerunischen Lehrplänen steht neben den Landessprachen Französisch und Englisch neu Mandarin, erzählt der Fahrer.

Begonnen hat die Wende mit dem Wechsel ins neue Jahrtausend. In der Hoffnung auf den langersehnten Aufschwung entspannte sich eine ungleiche wirtschaftliche Beziehung, von der in Afrika meist nur die Eliten profitieren. Die Chinesen in Kribi bringen ihren Bedarf selbst mit, die lokale Wirtschaft sieht kaum Geld. Auf dem Markt der kleinen Hafenstadt ist China hingegen omnipräsent. Auf den kleinen Tischen stapelt sich die Billigware aus Fernost. Mit deren Preisen kann die lokale Produktion nicht Schritt halten. Auf den Töffs, dem wichtigsten Fortbewegungsmittel hier, steht «Senke». Ein chinesischer Motorradhersteller. Die beiden Bevölkerungsgruppen verstehen sich nicht. «Es ist eine Invasion», sagen die Kameruner. Das «J’accuse» des afrikanischen Notenbankchefs Lamido Sanusi in der «Financial Times» sorgte kurzzeitig für Aufregung, mittelfristig für eine PR-Kampagne aus Peking und langfristig für gar nichts. Er hatte die wachsende Präsenz Chinas als «zweite Kolonialisierung» betitelt.

Für eine Handvoll Zigaretten

Im Konflikt zwischen den Expansionswünschen der Chinesen und dem Überleben der Baka sind die Positionen jedoch auch bei weiten Teilen der kamerunischen Bevölkerung klar: Zu gross ist die Hoffnung, Kamerun möge doch noch profitieren. Und selbst wenn, dann gäbe es ja noch le Tchoko, jenes System, das jene mit Geld bevorzugt. Die Baka hingegen besitzen nichts, auch keine Verträge für ihr Land. «Der Dschungel ist gross, sie können ja woanders hingehen», meint der Fahrer. Die Vertreibung ist kein neues Phänomen: Als andere Stämme Felder bauten, als die Regierung Platz für eine Öl-Pipeline in den Tschad benötigte, als internationale Firmen Kautschuk- und Ölpalm-Plantagen errichteten. Für Letztere erstellten die kamerunischen Behörden einen Nationalpark als Ausgleich. Die Ureinwohner dürfen dort nicht hinein.

Vielleicht blüht den vier unsicheren Gestalten auf der Autobahn bald auch das Schicksal als Touristenattraktion. Sie lassen sich fotografieren, als sei es nicht das erste Mal. Für ein paar Zigaretten aus der Tasche des Fotografen. Für das angebotene Geld haben sie noch kein Verständnis.