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Die «braune AfD-Hochburg»: Freital und die unvollendete Wende Deutschlands

Seit den ausländerfeindlichen Vorkommnissen 2015 gilt der sächsische Ort Freital als braune Hochburg. Unser Korrespondent hat die Stadt besucht, in der teilweise mit krasser Verharmlosung über damals erzählt wird. Doch es gibt auch liberale Stimmen, die sich AfD-Stadtrat Mayer entgegen stellen. Die Reportage aus Freital.
Christoph Reichmuth
Die Stadt Freital im Bundesland Sachsen. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Die Stadt Freital im Bundesland Sachsen. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Norbert Mayer antwortet eine gefühlte Ewigkeit nicht auf SMS, geht nicht ans Telefon ran. Mayer redet nicht so gerne mit den Medien, das hat man vorher schon vernommen. Doch jetzt, wo man doch extra nach Freital gereist ist, klappt es nicht mit dem Treffen?

Spät dann die erlösende Nachricht per WhatsApp. Kurz und bündig, ohne eine Einleitung: «Café Positano in Freital».

Die 40'000 Einwohner zählende Gemeinde Freital liegt nur etwa 10 Kilometer südwestlich der Landeshauptstadt Dresden. Die Stadt ist nicht wirklich pittoresk. Einige einstmals wohl stattliche und heute leerstehende und teilweise verlotterte Bauten aus den Zwanzigerjahren zeugen davon, dass der Industriestandort mal eine höhere Bedeutung hatte als heute.

Prunkvolle Fassaden, menschenleere Einkaufsstrassen, Plattenbauten und Nachkriegshäuser: Sie alle bilden das Erscheinungsbild von Freital. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Prunkvolle Fassaden, menschenleere Einkaufsstrassen, Plattenbauten und Nachkriegshäuser: Sie alle bilden das Erscheinungsbild von Freital. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Daneben moderne Überbauungen, Plattenbauten am Stadtrand, seelenlose Einkaufszentren und Baumärkte. Freital hat im Jahr 2015 eine Bekanntheit erlangt, die der Stadt unangenehm ist. Damals gab es wüste Proteste gegen ein Flüchtlingsheim, Rechtsextremisten aus dem Umland kamen in die Kleinstadt, um zusammen mit Freitalern und Gleichgesinnten gegen die Zuwanderer auf die Strasse zu gehen.

Es gründete sich die rechtsterroristische «Gruppe Freital», die Sprengstoffanschläge verübte – gegen Flüchtlinge, gegen linke Politiker. Nur mit Glück, so sagen es die Ermittler, gab es damals keine Toten. Die Mitglieder der Gruppe wurden wegen versuchten Mordes zu Strafen zwischen vier und zehn Jahren verurteilt.

«Verhältnisse wie damals»

Auf dem Parkplatz vor dem «Positano», eine Mischung aus Caféhaus und Drive-In, erscheint Norbert Mayer mit einem Kleinlaster, auf dem übergross sein Konterfei zu sehen ist. Mayer, viele Jahre bei der CDU, seit 2014 wegen Merkels Politik zur AfD, bittet ins Café hinein, erzählt dann lange über seine Zeit in der DDR. Dass er damals ins Visier der Stasi geraten war, dass er diesen Überwachungsstaat von damals noch immer verflucht.

Norbert Mayer im Café Positano. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Norbert Mayer im Café Positano. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

«Sozialismus», sagt der Kleinunternehmer, «heisst Bevormundung, Unterdrückung, Planwirtschaft. Und was haben wir heute?» Mayer erhebt die Stimme: «Bevormundung! Der Diesel ist jetzt böse, die Grünen malen den Weltuntergang an die Wand, wer die Zuwanderung kritisch sieht, wird denunziert und in eine Nazi-Ecke gedrängt. Verhältnisse wie damals!»

Mayer will am Sonntag mit solchen Sätzen und Parolen den Sprung in den sächsischen Landtag schaffen. Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht. In Freital wurde die AfD im Mai bei den Stadtratswahlen stärkste Kraft. 25 Prozent werden der AfD am Sonntag auch für Sachsen vorausgesagt, zeitweise sah es sogar danach aus, als könnten die Rechtskonservativen die regierende CDU von Ministerpräsident Michael Kretschmer an der Spitze überholen.

Doch der Amtsbonus scheint den Christdemokraten auf den letzten Metern doch noch zum Wahlsieg zu verhelfen. Die Resultate in Sachsen und in Brandenburg, wo ebenfalls an diesem Sonntag gewählt wird, sorgen auch in der Berliner Politik für einige Aufregung. Die Parteien der Grossen Koalition von Angela Merkel, die CDU und die SPD, dürften in beiden Ländern erheblich verlieren.

Ob die Parteistrategen hernach auch die Nerven verlieren und die Regierung in Berlin zum Platzen bringen, steht in den Sternen. Auszuschliessen ist das nicht. Würde die AfD sogar stärkste Kraft im Osten, das politische Erdbeben mit ungeahnten Ausmassen auf die Bundespolitik liesse sich kaum mehr verhindern.

Die Angst vor SED-Verhältnissen

Im gesamten Bundesland geht die AfD mit dem Slogan «Vollende die Wende» auf Stimmenfang. Sie greift im 30. Jahr des Mauerfalles eine Stimmung auf, die in vielen Teilen Sachsens bis heute in den Köpfen der Menschen tief verankert ist: Die Wiedervereinigung war eher eine Übernahme der DDR durch die BRD, die versprochenen Verbesserungen durch die Wende sind für manche nicht eingetreten.

Tatsächlich wurde die DDR-Wirtschaft vom Westen unerbittlich abgewickelt, Hunderttausende verloren Job und gesellschaftliche Anerkennung. Für viele ein bis heute unverarbeitetes Trauma. Auch im Jahr 2019 liegt die Wirtschaftskraft im Osten deutlich unter der der alten Länder. Ökonomie und Gesellschaft sind nach wie vor dominiert von Westdeutschen.

Norbert Mayer (AfD) vor seinem Wahlkampf-Mobil. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Norbert Mayer (AfD) vor seinem Wahlkampf-Mobil. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Laut der Universität Leipzig beträgt der Anteil an Ostdeutschen an Führungspositionen in den Ländern der ehemaligen DDR gerade einmal 23 Prozent, landesweit gar nur 1,7 Prozent. Gut gebildete Menschen haben dem Osten jahrelang den Rücken zugekehrt, etliche Gemeinden kämpfen bis heute mit dem Bevölkerungsschwund. Manche ehemalige DDR-Bürger fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. Auch, weil im Osten die Löhne im Vergleich zum Westen nach wie vor tiefer liegen, weil die Renten niedriger sind.

In Zeiten neuer Umbrüche wie gegenwärtig scheinen die durchaus erfolgreichen Komponenten der Wiedervereinigung in Vergessenheit zu geraten. Die Löhne mögen tiefer sein, steigen aber allmählich an. Die Abwanderung ist in vielen Orten gebremst, mit Milliarden des Staates wurden Strassen, Häuser und Marktplätze saniert. Die Arbeitslosenquote erreichte im letzten Jahr mit 6,9 Prozent in Ostdeutschland und 4,8 Prozent in Westdeutschland einen historischen Tiefstand. Auch in Freital verbessert sich die Lage.

Wahlplakat der AfD in Freital. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Wahlplakat der AfD in Freital. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Doch die Zukunftssorgen mancher Menschen bleiben. Die digitale Revolution droht abermals Jobs wegzuspülen. Die Zuwanderung hat in Gebieten mit wenig bis gar keinen Erfahrungen mit gesellschaftlicher Pluralität Ängste vor dem eigenen sozialen Abstieg und dem abermaligen Kontrollverlust wie in den 1990er-Jahren hervorgerufen – geschürt freilich durch das Narrativ der AfD, der Staat gäbe Milliarden für Migranten aus und kümmere sich nicht um die eigenen Leute. Ohnehin wünschen sich in Zeiten der Globalisierung viele zurück in eine Zeit, als die Welt noch übersichtlich war.

Die AfD greift diese Sorgen geschickt auf und warnt vor einer Wiederkehr von Verhältnissen der SED-Diktatur. Abermals, so die AfD, würden die Ostdeutschen durch westdeutsche Eliten bevormundet, die eigene politische Haltung dürfe nicht mehr offen geäussert werden, ansonsten man von den Eliten in die «Nazi-Ecke» gedrängt werde.

«Dumme Streiche»

Mit den Menschen in Freital ins Gespräch zu kommen, ist nicht leicht. «Politik? Davon verstehe ich nichts», sagt ein junger Familienvater. Am Ortseingang, an der Hauptstrasse, ärgern sich zwei Männer über die vielen Wahlplakate, die an einem Masten vor ihrem Haus hängen. Zuoberst am Mast hängt das Plakat von AfD-Mann Norbert Mayer, darüber der Slogan: «Freiheit statt grünem Sozialismus».

Ein Viertel der Sachsen fühlt sich offenkundig vernachlässigt

(Quelle: Wolfram Günther, Grünen-Spitzenkandidat)

Die beiden Freitaler, die ihren Namen nicht nennen wollen, nach einigem Zögern ins Erzählen geraten, stören sich am Image ihres Ortes als «das braune Freital». Die Vorkommnisse von 2015, die Übergriffe gegen Flüchtlinge, die Aktionen der rechtsterroristischen «Gruppe Freital» seien weit weniger drastisch gewesen als in den Medien dargestellt, sagen beide.

Die Flüchtlinge hätten Lärm gemacht im Heim, da hätten halt ein paar Freitaler dagegen protestiert. «Wurde total aufgebauscht», sagt der 45-Jährige. Und die Gruppe Freital? «Das war ein Schauprozess. Das waren doch nur dumme Streiche.» Der 71-jährige Rentner fügt kopfnickend hinzu: «Keine Rechtsterroristen. Dumme Wirrköpfe!»

Es sind krasse Verharmlosungen, wie man sie auch von Norbert Mayer schon zu hören bekommen hat. Die Ermittlungen haben deutlich ergeben, dass der Sprengstoff der «Gruppe Freital» eine tödliche Wirkung für Menschen hätte entfalten können. Dass die Menschen in der Flüchtlingsunterkunft unheimliche Ängste durchgestanden haben.

Wahlkampf-Anlass der Grünen im Freitaler Kulturhaus. (Bild: CH Media)

Wahlkampf-Anlass der Grünen im Freitaler Kulturhaus. (Bild: CH Media)

Am Abend haben die Grünen zu einem Wahlkampf-Anlass ins Freitaler Kulturhaus geladen. Mit Wolfram Günther, Spitzenkandidat für Sachsen, und vor allem mit dem Grünen Co-Bundeschef Robert Habeck gibt es prominente Gäste, der Saal ist mit etwa 120 Interessierten rappelvoll.

Die beiden Politiker stehen kurz nach 19 Uhr auf der Bühne, die Gäste dürfen sie mit Fragen löchern. Es geht um den Klimawandel, um Windräder, auch um den von den Grünen zeitnah geforderten Ausstieg aus der Braunkohle. An der Kohle hängen in der Lausitz heute noch 13'000 Arbeitsplätze. «Herz auf, Angst raus», so lautet der Wahlslogan der Grünen.

Die AfD-Wähler wollen doch nur eine Politik, die ihnen wieder sagt, wo es langgeht.

(Quelle: Heiko (67) aus Freital)

Angst raus – die Grünen nehmen die Stimmung in Sachsen auf, wo die AfD am Sonntag viele Protestwähler für sich gewinnen wird. Je später der Abend, desto mehr Fahrt nimmt die Debatte auf. Spitzenkandidat Günther geht auch auf das erwartet starke Abschneiden der AfD ein. Sollte die Partei wie prognostiziert 25 Prozent holen, sei nicht die Botschaft, dass die Rechtspopulisten in Sachsen so stark seien: «Die Botschaft lautet, dass 75 Prozent nicht AfD wählen.» Ein Zuhörer interveniert: «Ein Viertel der Sachsen fühlt sich offenkundig vernachlässigt. Sie können doch nicht so tun, als seien 25 Prozent der Sachsen Antidemokraten.»

Habeck mischt sich ein. «Die AfD ist als Partei abzulehnen – nicht die Leute, die sie wählen.» Nach mehr als zwei Stunden endet der Anlass, die Gäste gehen zufrieden nach Hause. «Wird die AfD stärkste Kraft, wäre das eine Katastrophe», sagt Ralf, ein 55-jähriger Mann aus der Gegend.

«Viele Leute die die AfD wählen, sind verbitterte Männer.» (Bild: CH Media)

«Viele Leute die die AfD wählen, sind verbitterte Männer.» (Bild: CH Media)

Die 65-jährige Sigrid aus Freital sieht im Erstarken der AfD Parallelen zu den Zwanzigerjahren. «Die Menschen dachten damals auch, die können wir aus Protest wählen, das wird schon nicht so schlimm.» Ehemann Heiko (67) fügt hinzu: «Die AfD-Wähler wollen doch nur eine Politik, die ihnen wieder sagt, wo es langgeht. Da hat es verbitterte Männer, die diese Partei wählen.»

«Die grüne Diktatur»

AfD-Stadtrat Norbert Mayer sieht sich nicht als Vertreter verbitterter Männer. Er ist im festen Glauben, dass viele in Freital so denken wie er: dass der Staat Geld ausgeben soll für die deutschen Familien und deutschen Rentner. Nicht für die Flüchtlinge.

Es ist spürbar, Norbert Mayer hat ein Problem mit Muslimen. Er bemüht Klischees über diese Menschen, von jungen Männern mit Vollbärten, die beim Anblick deutscher Frauen in Mini-Röcken kaum zurückgehalten werden können. Mayer sieht nach den Flüchtlingen bereits die nächste Gefahr auf sein Land zukommen. «Die grüne Diktatur ist am allerschlimmsten.»

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