Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Die Brexit-Mär der Schlepperbanden

Dreimal so viele Flüchtlinge wie im Vorjahr versuchen, mit Booten nach England zu fliehen – wegen einer gefährlichen Falschmeldung.
Stefan Brändle
Die Kreidefelsen von Dover: Wers hierhin schafft, kann in England Asyl beantragen. (Bild: Pixabay)

Die Kreidefelsen von Dover: Wers hierhin schafft, kann in England Asyl beantragen. (Bild: Pixabay)

Der Mann wollte nach England, doch sein Leben endete zwischen Offshore-Windrädern in Belgien. Dort fischte die Polizei seine Leiche aus dem kalten Wasser des Ärmelkanals, der Meerenge zwischen dem europäischen Festland und Grossbritannien.

Der 48-jährige Iraker hat vermutlich Ende August versucht, von einem Strand in Nordfrankreich aus die 34 Kilometer breite Wasserstrasse zu durchschwimmen. Weil er keine Schwimmweste hatte, hat er sich als Ersatz leere Plastikflaschen um die Brust gebunden. Seine Identifizierung war möglich, weil er zuvor vergeblich versucht hatte, in Deutschland Asyl zu erhalten.

Der tragische Tod wirft ein Schlaglicht auf die zunehmend verzweifelten Versuche von Flüchtlingen, nach England zu gelangen, bevor das Inselkönigreich die Europäische Union am 31. Oktober verlassen will. Seit Jahresbeginn sind laut Behördenangaben bereits 1450 Personen abgefangen oder aufgefischt worden, knapp dreimal so viele wie im Vorjahr.

Letzthin wurde zum Beispiel eine neunköpfige Gruppe von der französischen Gendarmerie gerettet, als sie um fünf Uhr früh zwei Kilometer vor dem Kap Griz-Nez abdriftete. Nach einer Motorpanne stand ihr Schlauchboot schon halb unter Wasser. Neben den Erwachsenen waren auch zwei Kinder mit an Bord. Schlepper setzen gerne Minderjährige auf die Flüchtlingsboote, weil dies die Asylchancen erhöhen soll.

Frankreich greift hart durch

Das Übersetzen mit Gummibooten, selbstgebauten Flossen mit Aussenbordmotoren oder Kajaks ist allerdings sehr riskant: Der Ärmelkanal ist die meistbefahrene Wasserstrasse der Welt. Das Kielwasser von Supertankern mischt sich mit starken Gezeitenwechseln und Strömungen.

Hohe Dunkelziffer an Toten

435 Personen haben die gefährliche Flucht über den Ärmelkanals dieses Jahr geschafft. Wie viele ums Leben kamen, ist nicht bekannt.

Wie viele der Übersetzungswilligen reüssieren und wie viele ums Leben kommen, bleibt unbeantwortet. Wer es bis zu den Kreidefelsen von Dover schafft oder in den britischen Gewässern von Polizei- und Zollschiffen aufgenommen wird, kann in London zumindest einen Asylantrag stellen. Aktuelle Zahlen sind nicht erhältlich.

Laut der bisher einzigen offiziellen Statistik der nordfranzösischen Meerespräfektur, enthüllt von der Zeitung «Nord Littoral», haben es im ersten Trimester dieses Jahres 435 Personen nach England geschafft. 257 Migranten sind dagegen von französischen Polizeischiffe vorher abgefangen oder gerettet worden.

Dass gerade jetzt immer mehr Flüchtlinge und Migranten Kopf und Kragen riskieren, um ins angeblich gelobte England zu gelangen, ist kein Zufall. Viele haben auf der Insel Verwandte oder beherrschen zumindest die Sprache. Der angebliche Hauptgrund aber ist der Brexit. Wie die Hilfsorganisation Cimade festgestellt hat, tischen die Schlepper ihren «Kunden» die Mär auf, nach dem 31. Oktober werde England die Grenzen noch dichter machen, als sie es heute schon sind. Der Fährhafen von Calais ist – nicht zuletzt dank britischer Mitfinanzierung – seit langem fast hermetisch abgeriegelt. Und das französische Portal des Eurostar-Bahnhofs erhielt im Juli einen zusätzlichen Stacheldrahtverhau.

Die französischen Behörden setzen zudem alles daran, dass kein Flüchtlingslager wie der 2016 geschleifte «Dschungel von Calais» mehr entsteht. Dafür haben sich entlang der nordfranzösischen Küste 200 kleinere Camps gebildet. Das grösste in Grande Synthe (Dünkirchen) wurde von der Polizei im September geräumt. Mehrere hundert Personen kamen in Notunterkünfte.

Geregelt ist damit nichts, wie eine Vertreterin des vor Ort tätigen britischen Hilfswerkes Care4Calais erklärte: «Die Lagerräumungen ändern nichts an den tieferliegenden Ursachen, die dazu führen, dass so viele Menschen ihr Leben im Ärmelkanal riskieren.»

Für 3000 Euro ins gelobte Land

Zu diesen Ursachen zählt auch ein neues Abkommen zwischen Afghanistan und der EU, das die französische Nationalversammlung Mitte September ratifiziert hat und das Rückführungen in das kriegsversehrte Land erleichtert. Die Asylsuchenden, die den Ärmelkanal mit Booten zu überqueren versuchen, stammen nur selten aus Afrika, sondern eher aus dem Mittleren Osten – Iran, Pakistan, Irak und eben Afghanistan. Sie werden von den Schlepperbanden anvisiert und müssen für eine Überfahrt rund 3000 Euro zahlen.

Der französische Innenminister Christophe Castaner hat in letzter Zeit die Aushebung von mehreren Dutzend Schlepperbanden verkündet. In Boulogne stehen zudem auch zwei Taxifahrer vor Gericht, die erwischt wurden, als sie beim Kap des Oies mehrere Iraner zu den bereitstehenden Booten bringen wollten. Im Mai war ein Schiffsverkäufer aus dem nahen Dêulémont verurteilt worden.

Die britische Polizei gab diese Woche die Verhaftung von 23 Menschenhändlern am Ärmelkanal bekannt. Auch sie versuchten, aus dem britischen EU-Ausstieg Kapital zu schlagen. Dabei ist die von ihnen geschürte Torschlusspanik kaum begründet: Grossbritannien war nie Mitglied des Schengenraums und muss seine Grenze für den Personenverkehr wegen des Brexit an sich gar nicht verstärken.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.