Nordkorea

Die Brücke ins unheimliche Land: Trotz schärfster Sanktionen gibt es Handel

Seitdem die chinesische Regierung vor einem Monat im Weltsicherheitsrat den verschärften Sanktionen gegen Nordkorea zugestimmt hat, sind die Behörden in der Grenzregion rigoros dabei, die Vorgaben auch tatsächlich umzusetzen. Und trotzdem gibt es Handel an der Grenze.

Felix Lee, Dandong
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Ein Tourist späht an der Freundschaftsbrücke im chinesischen Dandong Richtung Nordkorea.Reuters

Ein Tourist späht an der Freundschaftsbrücke im chinesischen Dandong Richtung Nordkorea.Reuters

REUTERS

Die Fischerboote liegen fest vertäut am Kai. Das Deck ist mit einer schwarzen Plane abgedeckt. Sie soll den Anschein erwecken: Hier steht alles still. Doch der noch dampfende Motor weist darauf hin, dass die Schiffe vor kurzem noch in Betrieb waren. Unter der Plane lugen zudem Kisten hervor. Es riecht nach Fisch. Plötzlich rast ein älterer Mann mit einem Stock in der Hand auf die Gruppe zu. «Was macht ihr hier?», brüllt er und versucht, einem von ihnen die Kamera aus der Hand zu reissen. «Rück sofort die Bilder raus», schreit er aufgebracht und weist seine Mitarbeiter an, den Besuchern den Weg zu versperren. So weit kommt es nicht. Nach kurzem Handgemenge gelingt es der Gruppe, das Hafengelände zu verlassen.

«Sie sind offenbar sehr nervös», sagt Jiang hinterher. Der 42-Jährige ist von Berufs wegen eigentlich Geschäftsmann. So sieht er an diesem Vormittag nicht aus. Er trägt eine Baseballmütze. Und mit seinem etwas zu gross sitzendem Heavy-Metal-T-Shirt macht er den Eindruck, als hätte er im Kundengeschäft schon länger keinen Vertrag mehr abgeschlossen. «Die Geschäfte laufen schlecht», gibt er zu. Deswegen betätige er sich nun als Touristenführer.

Plötzlich echte Sanktionen

Der Gruppe wollte er den Fischereihafen zeigen am Mündungsgebiet des Yalu, dem Grenzfluss zu Nordkorea. Dass die Behörden nun sehr viel strenger kontrollierten, bekämen derzeit alle in der Region zu spüren, erzählt er. Vor ein paar Tagen hätten ihn Freunde besucht. Sie wollten sich mit ihm betrinken. «Warum? Weil sie unglücklich sind über die weggebrochenen Geschäfte.»

Seitdem die chinesische Regierung vor einem Monat im Weltsicherheitsrat den verschärften Sanktionen gegen Nordkorea zugestimmt hat, sind die Behörden in der Grenzregion rigoros dabei, die Vorgaben auch tatsächlich umzusetzen. Das ist keineswegs selbstverständlich. Offiziell hatte Peking auch vorher schon die UN-Sanktionen gegen den einstigen Bruderstaat mitgetragen.

Doch zumindest in Dandong, der grössten chinesischen Stadt entlang der Grenze zu Nordkorea, hatte sich kaum einer an die Vorgaben gehalten. Weder die Händler, die bereitwillig nordkoreanischen Funktionären Luxusartikel verkauften, noch die Zollbeamten oder das Grenzmilitär, die allzu oft ein Auge zudrückten und womöglich dafür Geld erhielten. So erzählt man es sich zumindest. Bis zuletzt bestritt Nordkorea 91 Prozent seines Aussenhandels mit China. Doch als am Morgen des 3. Septembers in Dandong die Erde bebte und sich wenig später herausstellte, dass Nordkorea erneut eine Nuklearbombe getestet hat – und zwar mit einer nie da gewesenen Sprengkraft –, scheint auch Pekings Geduld mit dem einstigen Verbündeten am Ende.

Donald Trumps Besuch in Peking

China und die USA schliessen Milliarden-Deal

Nach Kritik am hohen Handelsdefizit mit China sucht US-Präsident Donald Trump nun den Schulterschluss mit Peking. Beim ersten Besuch von Trump in China wurden Wirtschaftsabkommen im Umfang von mehr als 250 Milliarden US-Dollar geschlossen. «Wir waren uns einig, nicht das gescheiterte Vorgehen der Vergangenheit zu wiederholen», sagte Trump. Er kritisierte dabei erneut Chinas Überschuss im Handel mit den USA, machte dafür aber zur sichtlichen Freude von Xi Jinping nicht Peking, sondern seinen Vorgänger Barack Obama verantwortlich.

In Handelsfragen zeigte sich Trump versöhnlich, nachdem zuvor in Anwesenheit beider Präsidenten 15 Wirtschaftsvereinbarungen unterzeichnet worden waren. Zu den Vereinbarungen gehörten feste Verträge, aber auch nur Absichts- oder Rahmenerklärungen. Im Konflikt über Nordkoreas Atomwaffen- und Raketenprogramm rief Trump seinen Gastgeber Xi Jinping zu verstärkten Anstrengungen auf. «China kann das Problem sehr einfach und schnell lösen.» Die USA und China könnten gemeinsam Probleme mit «grossen Gefahren» lösen. «Wir sind in der Lage, die Weltprobleme über viele, viele kommende Jahre zu lösen.» Xi Jinping sagte, beide Länder hätten ihr «festes Bekenntnis» zur atomaren Abrüstung auf der Koreanischen Halbinsel und der Umsetzung der UNO-Resolutionen gegen Pjöngjang bekräftigt. (SDA)

Die Sanktionen – sie gelten. Das zumindest besagt der Aushang, der am Eingang des Fischmarktes von Dandong an einer Wand hängt. Verboten ist die Einfuhr von Eisen, Kohle und Meeresfrüchten. Zudem darf auch keine Kleidung mehr aus Nordkorea importiert werden. Sämtliche nordkoreanische Gastarbeiter sind angewiesen, bis spätestens Ende des Jahres in ihr Land zurückzukehren. Jiang vermutet, dass einige Fischer trotzdem weiter Meerestiere von und nach Nordkorea transportieren. «Und wahrscheinlich noch ganz andere Dinge.» Yalu – der Grenzfluss zwischen China und Nordkorea. Auf beiden Seiten des Flusses erstrecken sich Zäune mit Stacheldraht. Nur im Stadtgebiet von Dandong nicht. Mitten von der Innenstadt von Dandong aus erstreckt sich eine Stahlkonstruktion über den Fluss – die Freundschaftsbrücke. Sie trifft auf der anderen Flussseite auf Sinuiju, Nordkoreas drittgrösste Stadt.

1937 von den japanischen Kolonialherren erbaut, ist die Brücke heute die Lebensader zwischen Nordkorea und der Aussenwelt. Über zwei Drittel des gesamten nordkoreanischen Aussenhandels werden über sie abgewickelt. Dabei ist sie nicht einmal besonders breit. Nur ein Schienentrassee und eine Strasse für Busse und Lastwagen führen über die Brücke – jeweils einspurig. Morgens um 9 Uhr wird der Grenzpfosten in Richtung Nordkorea geöffnet. Ab nachmittags geht es in die andere Richtung zurück. Fussgänger sind auf der Brücke nicht erlaubt.

Im Schritttempo rollen die zumeist abgenutzten Lastwagen die insgesamt 941 Meter. Die Zeiten, als schier endlose Karawanen über die Brücke fuhren, sind vorbei. «Nach Nordkorea werden nur noch die notwendigsten Lebensmittel geliefert», sagt Jiang. China habe die Kontrollen verschärft. Selbst kleine Laster würden nun durchleuchtet. Umso mehr blüht auf der chinesischen Seite der Tourismus. Direkt neben der Freundschaftsbrücke steht eine zweite, etwas niedrigere Stahlkonstruktion, die alte Yalu-Brücke. Heute heisst sie «Duan Qiao», zerbrochene Brücke. Das letzte Drittel in Richtung Nordkorea fehlt. Amerikanische Bomber hatten sie im Koreakrieg zerstört. Nur die massiven Pfeiler ragen aus dem Wasser.

Heute dient die Brücke als Mahnmal – und als Plattform für chinesische Touristen, um einen Blick der anderen Seite zu erhaschen. Am Brückenende stehen Ferngläser bereit. Zu erkennen sind auf nordkoreanischer Seite menschenleere Strassen und graue Fassaden, von denen der Putz herunterfällt. «Für uns Chinesen ist Nordkorea wie das eigene Land vor 40 Jahren», sagt Jiang. «Das fasziniert uns.»

Groteske Szenen

Auf der Dandong-Seite hingegen blinkt und lärmt es wie in Disneyland. Nur dass anstelle von Micky Maus Statuen im Sowjet-Stil die Flaniermeile säumen. Dutzende chinesische Reisegruppen schlendern vorbei an Souvenirständen, die Spielzeugpanzer und Patronenhülsen anbieten. Einige Verkäufer versuchen, den Touristen eine Bootsfahrt aufzuschwatzen, immerhin die Hauptattraktion von Dandong.

Mit der Sonnenbrille und der schwarzen Weste wirkt der Bootsfahrer eher wie ein Agent aus einem James-Bond-Film. Zu diesem Image trägt auch sein Schnellboot bei. Mit 50 Kilometern pro Stunde rast es über den Fluss. 250 Yuan, umgerechnet rund 35 Franken, kostet die gerade einmal viertelstündige Fahrt pro Person. «Der Fluss gehört beiden Seiten», sagt der Bootsführer. Bis auf wenige Meter wagt er sich mit dem Boot ans nordkoreanische Ufer heran. Nur aussteigen dürfe man nicht.

Groteske Szenen spielen sich auf dem Yalu ab. Die chinesischen Touristen auf den Booten halten ihre Kameras auf die nordkoreanischen Hafenarbeiter und Grenzsoldaten. Sie müssen sich wie Tiere in einem Zoo fühlen. Einzelne verdecken ihre Gesichter. Die meisten ignorieren den Trubel.

Das Schnellboot rast einige Kilometer den Fluss hinauf und steuert hinter den Büschen eine Stelle am Ufer an. Ein nordkoreanischer Kutter mit einem Fischer nähert sich. Er hält eine Stange Zigaretten in die Luft, zudem eine Flasche Schnaps und in Plastikfolie verschweisste getrocknete Fische – Dinge, die auf chinesischer Seite in jedem Supermarkt erhältlich sind. Die chinesischen Touristen greifen dennoch gierig zu. «Keine Sorge, Ihr könnt auch gerne zuschlagen», sagt Jiang. «Schaps und Zigaretten fallen nicht unter die Sanktionen.»