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«Die Chinesen übernehmen unser Land»

In Vietnam wächst die Opposition gegen die Expansionspolitik und den wachsenden wirtschaftlichen Einfluss Chinas. Bei den jüngsten Protesten geht es aber um mehr, sagen Beobachter: Das vietnamesische Volk will mehr Demokratie.
Urs Wälterlin, Hanoi
Ein grosser Teil der Touristen in Vietnam stammt aus China. Bild: Linh Pham/Getty (Nha Trang, 11. September 2017)

Ein grosser Teil der Touristen in Vietnam stammt aus China.
Bild: Linh Pham/Getty (Nha Trang, 11. September 2017)

Die Gruppe von Chinesen, die im Mai in der vietnamesischen Stadt Cam Ranh gelandet waren, hatte sich den Beginn ihres Vietnam-Urlaubs wohl anders vorgestellt. Kaum hatten die Touristen am Flughafen die Passkontrolle hinter sich, zogen sie ihre Jacken aus. Darunter trugen die Besucher ein weisses T-Shirt mit dem Umriss der Landesgrenzen Chinas. Auf der Karte, in Rot, war die sogenannte «Neun-Striche-Linie» eingezeichnet – die Umrisse jener Zone, die Peking im Südchinesischen Meer für sich beansprucht. Anrainerstaaten wie Vietnam und die Philippinen wehren sich seit Jahren gegen die Expansionsgelüste Chinas. Durch das Gebiet verläuft eine der wichtigsten Frachtrouten der Welt mit einem jährlichen Handelsvolumen von rund 5 Billionen Dollar. Das 3,6 Millionen Quadratkilometer grosse Südchinesische Meer hat zudem eine entscheidende strategische Bedeutung – nicht zuletzt für die USA und ihre Verbündeten.

Zufall oder ein bewusster Versuch des «Imperialismus per T-Shirt» durch China, wie ein Kritiker meinte? Die vietnamesischen Grenzbeamten zeigten jedenfalls wenig Verständnis für die Provokation. Erst nach der Beschlagnahmung der Shirts wurden die Chinesen ins Land gelassen. So wie 4 Millionen weitere Landsleute, die pro Jahr nach Vietnam in die Ferien reisen. Etwa 30 Prozent aller ausländischen Touristen stammen aus dem Nachbarland – ein Wirtschaftsfaktor, auf den Hanoi nicht verzichten möchte.

Wichtiger Handelspartner

China und Vietnam teilen sich eine 1281 Kilometer lange Grenze. Die beiden Nachbarn sind sich aber keineswegs in kommunistischer Bruderschaft verbunden. Zwar ist vor allem im Norden von Vietnam, in der gebirgigen Region Sapa, die unmittelbare Nähe Chinas besonders stark spürbar – in den Gesichtern der Menschen der einst aus China eingewanderten Minderheitenvölker. Gerade in dieser Region ist die gemeinsame Vergangenheit auch von Konflikt gezeichnet: China hatte Vietnam einst kolonialisiert. Und es ist erst 40 Jahre her, seit sich die beiden Länder einen erbitterten Grenzkrieg geliefert hatten.

Wirtschaftlich haben sich die beiden Nachbarn aber versöhnt. Der bilaterale Handel zwischen Hanoi und Peking jagt von Rekord zu Rekord. In diesem Jahr soll der Gesamtwert des Waren- und Dienstleistungsverkehrs auf 100 Milliarden Dollar ansteigen, schätzen Experten. Im letzten Jahr waren es bereits 22 Milliarden mehr als 2016. Vietnam profitiert am stärksten von der Entwicklung. Im letzten Jahr stieg der Wert der Exporte von Vietnam ins Nachbarland um 61,5 Prozent auf 35,46 Milliarden Dollar. Der Handel mit China macht inzwischen 22 Prozent des Wertes aller Ein- und Ausfuhren aus, so offizielle Zahlen. Smartphones sind das wichtigste Exportprodukt. Auch Tonnen von Krabben und anderen Meeresfrüchten werden jeden Tag zum Nachbarn verschifft. Und Ferkel: Tausende von Babyschweinen reisen jede Woche auf Lastwagen über die Grenze.

Trotz der positiven Handelsentwicklung bleiben die Vietnamesen den Chinesen gegenüber latent skeptisch. Seit China begonnen hat, auf einigen der Inseln im Südchinesischen Meer militärische Infrastruktur zu errichten, wird in Vietnam die Frustration über den mächtigen Nachbarn zunehmend auch im Alltag spürbar.

Der Taxifahrer Duong ist «empört» über das Verhalten Pekings im Südchinesischen Meer, wie er meint. Doch Chinesen seien auch seine Kunden, «ich mag Koreaner aber lieber», sagt er. Der 49-Jährige wartet am Strand von Da Nang auf Fahrgäste. Da Nang ist einer der touristisch wichtigsten Orte an der vietnamesischen Küste. Tausende Touristen aus Korea, Thailand und China räkeln sich neben den Einheimischen im Sand des Strandes. Massive Hotelneubauten dominieren die Promenade. Viele der neueren Gebäude sind allerdings fast leer. Nur die leuchtend roten chinesischen Schriftzeichen flackern in der Nacht, sie sind Symbole der Hoffnung auf den «China-Boom». Dieser habe für Vietnam nämlich erst begonnen, glaubt der Geldwechsler und Gelegenheits­immobilienmakler Hung, Goldkette am Hals und Zigarette auf der Lippe. Die Mittelschicht im Nachbarland wachse jedes Jahr um Millionen, erzählt er. Millionen Menschen, die es sich zum ersten Mal leisten können, in die Ferien zu fahren. «Zu uns an den Strand von Da Nang», lacht Hung.

«Die Regierung verkauft unseren Boden zum Schleuderpreis»

Die Hotelangestellte Kim-Ly ist deutlich weniger enthusiastisch. Wenn es nach der 34-Jährigen geht, könnten die Chinesen alle zu Hause bleiben. «Die übernehmen unser Land», klagt sie. Kritisieren wolle sie zwar nicht die Touristen, «von denen ich ja auch profitiere». Sie sei jedoch «total empört, ja wütend» über Pläne der vietnamesischen Regierung, an drei Orten des Landes weitere «besondere Wirtschaftszonen» einzurichten, sogenannte SEZ. Hanoi will laut offiziellen Angaben aus jeder dieser Anlagen eine Art «Mini-Singapur» machen: Investoren winken nicht nur attraktive Anreize und günstige Zoll- und Handelsbedingungen. Sie können das Land für 99 Jahre pachten – statt 70 Jahre wie in den bisherigen 18 SEZ in Vietnam.

«Es ist offensichtlich, dass diese Zonen nur für die Chinesen gebaut werden», sagt Kim-Ly. Denn China werde von Hanoi als Handelspartner favorisiert. Schon heute ist Peking mit Direktinvestitionen im Gesamtwert von mehr als 21 Milliarden US-Dollar einer der wichtigsten ausländischen Anleger in Vietnam. «Die Regierung verkauft unseren Boden zu einem Schleuderpreis an den billigsten Bieter. Das ist inakzeptabel», klagt Kim-Ly. Die Frustration treibt ihr die Tränen in die Augen. Die Frau ist mit ihrer Empörung nicht alleine. Seit Juni ist es in verschiedenen Städten zu Demonstrationen gegen die Pläne gekommen – ungewöhnlich in einem Land, in dem Proteste kaum vorkommen und noch seltener von der Re­gierung toleriert werden. Hunderte Demonstranten seien festgenommen worden, weitere wurden von der Polizei brutal misshandelt, hat die Organisation Human Rights Watch gemeldet. Die Proteste zeigten aber Wirkung. Der Entscheid im Parlament über das Gesetz zur Schaffung der SEZ wurde vorerst aufgeschoben. Um die Stimmung zu entschärfen, versprach Premierminister Nguyen Xuan Phuc, die Pachtzeit von 99 Jahren zu reduzieren. Auf wie viele Jahre, sagte er allerdings nicht.

Für Kommentatoren geht es bei den Demonstrationen aber um weit mehr als nur den vermeintlichen Griff nach Land durch China. Der unabhängige Journalist Pham Chi Dung verglich die Proteste mit dem Arabischen Frühling – ein Zeichen für das tiefe Verlangen nach mehr Demokratie. Auch der Politikanalyst Nguyen Phuong Ling glaubt nicht, dass es den Demonstrierenden primär um die Expansion Chinas geht. «Es ist mehr ein Zeichen der tiefen Frustration und Unzufriedenheit über die allgegenwärtige Kontrolle der Obrigkeit», so der Experte.

Weitgehende Zensur und Überwachung

Derweil arbeitet Hanoi daran, die Möglichkeiten weiter zu drosseln, wie Bürger Widerstand mobilisieren und sich kritisch äussern können. Ein neues Gesetz soll die Nutzung digitaler Kommunikation drastisch einschränken und eine fast grenzenlose Überwachung der Bevölkerung erlauben. Alle Kommentare in sozialen Medien würden zensuriert, melden Medien. Besonders besorgniserregend für ausländische Unternehmen: Daten sollen künftig in Vietnam gespeichert werden müssen. «Das Ziel der neuen Gesetze ist nicht nur, die Sicherheit von Datennetzwerken zu schützen, sondern auch das Machtmonopol der kommunistischen Partei», so Brad Adams, Asien-Direktor von Human Rights Watch. Nur an den Flughäfen scheint Meinungsäusserung nicht allzu restriktiv gehandhabt zu werden – jedenfalls nicht, wenn sie von Offiziellen praktiziert wird.

Das lässt eine Meldung der Nachrichtenagentur AP vermuten. Als am Einwanderungsschalter in Ho-Chi-Minh-Stadt einer Gruppe von Chinesen nach dem Abstempeln die Pässe zurückgegeben wurde, habe einer der Besucher eine böse Überraschung erlebt. Die Stelle, wo im Reisedokument die Karte Chinas die «Neun-Striche-Linie» zeigt, habe der Zollbeamte zweimal mit einer Bemerkung überschrieben: «F ... you!»

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