Finanzen
Die chinesische Finanzkrise mit Rekordschulden ist staatlich gewollt

Chinas Banken haben sich verspekuliert und stehen vor gigantischen Schulden. Ein chinesisches Lehman droht dennoch nicht. Dafür hält der Staat die Zügel zu sehr in der Hand.

Felix Lee
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Die chinesische Zentralbank drehte vorletzte Woche den Banken den Geldhahn zu. KEYSTONE

Die chinesische Zentralbank drehte vorletzte Woche den Banken den Geldhahn zu. KEYSTONE

Die Alarmglocken schrillten plötzlich auch in China. Vor zehn Tagen kam es für eine Reihe von Banken zu Finanzierungsengpässen und aus gegenseitigem Misstrauen liehen sie sich über mehrere Tage hinweg untereinander kein Geld mehr. Alle Welt befürchtete: China – immerhin die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt – könnte nun ebenfalls eine gefährliche Finanzkrise auslösen.

Die Angst schien berechtigt: Viele chinesische Banken haben es mit der Kreditvergabe überzogen und können ihre Darlehen nicht mehr begleichen. Die Schulden sind bei den Kommunen auf ein Rekordniveau gestiegen.

Zudem lauern zusätzliche Risiken am grauen Kapitalmarkt: Privatleute, die Bank spielen, haben auf eigene Faust umgerechnet bis zu drei Billionen Euro verliehen. Diese Darlehen sind weder von einer Einlagensicherung geschützt noch mit Eigenkapital unterlegt.

«Der Anstieg der Verbindlichkeiten übersteigt alles, was wir bisher in einer grossen Volkswirtschaft beobachtet haben», sagte die Analystin Charlene Chu von Fitch Ratings in Peking.

Vorläufige Entwarnung

Doch nach nicht einmal zwei Wochen ist schon wieder Entwarnung angesagt – zumindest vorerst. Denn was sich nun im Nachhinein zeigt: Chinas jüngster Liquiditätsengpass war nicht so sehr den ausufernden Schulden und dem Misstrauen auf dem Markt geschuldet. Der Staat hatte sie initiiert. Doch was ist genau geschehen?

Regierungsnahe Ökonomen hatten bereits Ende des vergangenen Jahres mehrfach darauf hingewiesen, dass Chinas Wirtschaft 2013 eine Korrektur durchlaufen müsse. Zuvor hatte der Staat massiv in den Bau von neuen Strassen, Hochgeschwindigkeitsstrecken, U-Bahn-Systemen, den Wohnungsbau und öffentliche Kultureinrichtungen investiert.

Das war nötig und gab der chinesischen Wirtschaft nach dem Lehman-Crash den nötigen Schwung. Doch die lockere Geldpolitik der Zentralbank und die grosszügige Kreditvergabe führten auch zu einer Reihe von Fehlinvestitionen. Zudem sorgten sie für Spekulationsblasen, etwa auf dem Immobilienmarkt.

Fehlinvestitionen stoppen

Solche Blasen will die chinesische Führung schon seit einiger Zeit stoppen. Bis zum Führungswechsel im Frühjahr wollte Peking an der lockeren Geld- und Ausgabenpolitik festhalten. Dann aber sollte Schluss sein.

Und genau das ist jetzt passiert. Kurz nach seiner Amtsübernahme im April kündigte Chinas neuer Premierminister Li Keqiang eine deutliche Straffung der Kreditvergabe an. Deswegen drehte die ihm unterstellte Notenbank den Banken vorletzte Woche den Geldhahn zu.

«So unerfreulich dieses Manöver für die chinesischen Banker sein mag und eine Kreditklemme auch die chinesische Realwirtschaft hart treffen könnte – diese Korrekturen sind dringend notwenig», sagt der Ökonom Qu Hongbin von der britischen Bank HSBC.

Chinas Führung setze nur das um, was den USA und Europa mit ihrer ebenfalls extrem lockeren Geldpolitik noch bevorsteht.

Kein unriskantes Spiel: Denn auch eine nur kurzfristige Kreditklemme könnte das Wirtschaftswachstum sofort zum Erliegen bringen und Firmenpleiten auslösen. Dass es in China dazu kommen sollte, halten Analysten zumindest derzeit für nicht sehr wahrscheinlich.

Die Wirtschaft wächst – wenn auch sehr viel schwächer. Hinzu kommt, dass der Staat anders als in Südeuropa keine Auslandsschulden hat und damit niemandem rechenschaftspflichtig ist. Zudem unterliegt die Zentralbank unmittelbar der Führung und könnte auf Anweisung die Notenpresse jederzeit wieder anstellen.

Warnung an Banken

Genau das passierte dieser Tage denn auch. Hatte die Zentralbank noch Tage vorher gegen die allzu grosszügige Kreditvergabe der Banken gewettert, sind die Währungshüter nun um Ruhe bemüht.

Eine zu starke Drosselung hätten sie gar nicht im Sinn gehabt, heisst es. Sie wollten lediglich einzelnen Banken eine Lektion erteilen und signalisieren: Ihnen wird nicht um jeden Preis immer geholfen.

Die heftigen Turbulenzen der vergangenen Woche waren denn nicht mehr als eine Warnung.