Myanmar
Die Drahtzieher der grössten Flüchtlingskrise Asiens sitzen im Kloster

Radikale buddhistische Mönche hatten zur Vertreibung der Rohingya in Myanmar aufgerufen. Der Hass zieht grössere Kreise. Ein Muslim und ein Friedensaktivist erzählen.

Annika Bangerter, Myanmar
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Etwa vier Prozent der Bevölkerung Myanmars sind muslimisch. Extremistische Mönche peitschen die Bevölkerung gegen sie auf.

Etwa vier Prozent der Bevölkerung Myanmars sind muslimisch. Extremistische Mönche peitschen die Bevölkerung gegen sie auf.

Getty Images

Der Beautysalon ist langgezogen, schmal und leer. Beige Sessel dominieren den Raum. In Körbchen leuchten Nagellackfläschchen, Shampoo-Tuben stehen in grossen Regalen. Thet Swe Win beachtet nichts davon. Der burmesische Friedensaktivist sitzt auf einem Schuhkästchen, schaut zur Tür: «Sie könnten mich heute verhaften.» Die Polizei hätte schon Wochen zuvor bei ihm aufkreuzen können. Vielleicht erscheint sie nie. Das Wissen um die Möglichkeit
hat jedoch bereits Wirkung gezeigt.

Das Haus mit dem Beautysalon gehört der Mutter von Thet Swe Win. Noch vor einem Jahr führte er gemeinsam mit seiner Frau und zwei Partnern einen grossen Spa in einem gut betuchten Viertel von Yangon. Damit ist Schluss: Die Geschäftspartner wollen nichts mehr von dem jungen Familienvater wissen. Sie sind nicht die einzigen. Auch in seiner Friedensorganisation «Centre for human and social harmony» zogen sich Partner zurück. Denn Thet Swe Win hat ein Tabu gebrochen. Er, der burmesische Buddhist, hat sich öffentlich für die verfolgte muslimische Minderheit der Rohingya starkgemacht.

UNO klagt Armee an

Vor etwas mehr als einem halben Jahr begann Asiens grösste Flüchtlingskrise: Tausende von Menschen, dicht gedrängt, einige barfuss, manche mit zusammengeschnürten Bündeln auf dem Rücken, durchwateten Bäche, schleppten sich über schlammige Wege ins benachbarte Bangladesch. Diese Rohingya aus dem Westen Myanmars suchten Schutz. Schutz vor Soldaten, die in ihrer Heimat morden, vergewaltigen, brandschatzen. Bis heute sind fast 700 000 Menschen nach Bangladesch geflohen.

Die Gräueltaten und Massenmorde, welche die UNO als «ethnische Säuberung» bezeichnet, verübt die Armee. Nicht zum ersten Mal geht sie gegen die Rohingya vor. Die aktuelle Krise begann, nachdem die Rebellengruppe Arakan Rohingya Salvation Army (Arsa) Polizei- und Militärposten angegriffen hatten. Diese Attacken stuften die Sicherheitskräfte als Terror ein – und antworteten mit massiver Gewalt.

Als Anstifter dazu gilt jedoch eine andere Gruppe: radikale, buddhistische Mönche. Allen voran der mächtigste geistliche Führer des Landes: Abt Ashin Wirathu. Das «Times Magazine» nannte ihn das «Gesicht des buddhistischen Terrors». Seit Jahren ruft er zur Gewalt an Muslimen auf – und zur Vertreibung der Rohingya. Zwar hat die Regierung Wirathu für ein Jahr untersagt, zu predigen. Ein Verbot, das ihn nicht gross kümmert. Gemäss der Zeitung «Zeit» spielte Wirathu kürzlich an einer Veranstaltung seine früheren Reden einfach ab Band – und sass mit zugeklebtem Mund auf der Bühne.

Seine Hassreden verbreiten sich rasend schnell über soziale Medien. Ebenso zig Falschmeldungen. Deren Narrativ: Rohingya hätten ihre Häuser selber angezündet, ihre Flucht sei inszeniert und die Armee würde das Land lediglich vor Terroristen schützen. Als Grundlage dienen verwackelte Handyvideos und Bilder von grauenvoll entstellten Menschen. Die Kampagne zeigte Wirkung.

In Myanmar herrsche ein Informationskrieg, sagt Thet Swe Win. Die Falschinformationen und der Mangel an Bildung würden einen gefährlichen Mix ergeben. Letzteres geht auf die frühere Militärdiktatur zurück. Sie höhlte das Schulwesen aus und schloss zeitweise die Universitäten. Die Spuren sind bis heute sichtbar: «Unserer Gesellschaft fehlt ein kritisches Denken», sagt er.

Obwohl die Rohingya seit Generationen im Land leben, anerkennt sie Myanmar nicht als ethnische Minderheit. Bereits ihre Bezeichnung ist tabuisiert. Sie werden «Bengale» genannt – illegale Einwanderer. Auch von Friedensnobelpreisträgerin und Staatsrätin Aung San Suu Kyi.
Anders Thet Swe Win. Er hat 2016 online eine Petition gegen buddhistisch-
nationalistische Gewalt gestartet.

Nun will er mit der neu gegründeten Organisation «Synergy» an seine frühere Arbeit anknüpfen. Sein Ziel: Gläubige verschiedener Religionen zu vernetzen, Vorurteile und Überfremdungsängste abbauen. «Wir haben die Menschlichkeit verloren, auch unter den religiösen und politischen Anführern», sagt er. Längst nicht alle buddhistischen Führer seien radikal. Sie würden sich für die Extremisten schämen. Aber: «Die gemässigten Stimmen schweigen. Sie wollen nicht über Politik sprechen», sagt er. Dadurch hätten die Radikalen ein leichtes Spiel.

Lesen zwischen den Zeilen

In Myanmar leben weitaus mehr Muslime als Angehörige der verfolgten ethnischen Minderheit Rohingya. Aye Lwin gehört zu den einflussreichsten Muslimen des Landes. Er steht dem «Islamischen Zentrum Myanmars» vor und ist Gründungsmitglied der interreligiösen Organisation «Religions for Peace». Unter der Leitung von Kofi Annan sass er in der Kommission, die im Auftrag der Regierung den Konflikt im Rakhine-Staat untersuchte.

Aye Lwin empfängt in seinem Reihenhaus im Zentrum von Yangon. Die Wangen glatt rasiert, dunkel funkelnde Augen und ein traditioneller Longyi: Ein kariertes Tuch, das sich Männer in Myanmar um die Hüfte binden. Er klopft an die Wand neben der Eingangstüre. Auf der anderen Seite lebe ein buddhistsches Paar: Sie seien wie Bruder und Schwester für ihn und seine Frau. «In Yangon funktioniert das multireligiöse Zusammenleben.» Er setzt sich aufs Sofa und beginnt von «bösartigen Menschen» zu sprechen, die Religionen für ihre Interessen missbrauchen. Namen nennt er nicht: «Lesen Sie zwischen den Zeilen.»

Eine Vorsichtsmassnahme, obwohl längst bekannt ist, wie ergeben sich Militärs und Wirathus Gruppe sind. «Wer nicht Buddhist ist, gehört nicht zum Land: Diese Haltung prägten die Generäle zu Beginn der Diktatur», sagt Aye Lwin. Bis heute sei ihm kein einziger muslimischer Soldat bekannt; Schlüsselstellen besetzten Buddhisten. Vor allem würden Muslime aber auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert.

Auch vor den ersten demokratischen Wahlen 2015 wurde versucht, mit dem Islam Stimmung zu machen, sagt Aye Lwin. Radikale Mönche streuten das Gerücht, Myanmar werde muslimisch, wenn die Oppositionspartei NLD von Aung San Suu Kyi gewinnt. Die Gruppe um Wirathu veröffentlichte Fotomontagen von ihr im Hidschab. «Sie muss bis heute vorsichtig sein, wie sie sich über Muslime und insbesondere über die Rohingya äussert», sagt Aye Lwin.

Er versteht die internationale Kritik an Aung San Suu Kyi nicht: «Es wird gerade alles unternommen, um die demokratischen Kräfte in unserem Land zu diskreditieren. Indem der Westen bei diesem Spiel mitmacht, tappt er in die Falle.»

In einer schwierigen Lage befänden sich die Muslime in Myanmar, sagt er. «Buddhisten werfen uns vor, wir würden uns zu wenig loyal mit dem Land zeigen. Es reicht nicht, dass wir die Attacken der Arsa-Rebellen scharf verurteilt haben.» Die Rohingya wiederum zeigen sich von ihrer Glaubensgemeinschaft im Stich gelassen. Eine Kritik, die Aye Lwin nicht teilt: «Wir unterstützen sie finanziell. Mehrfach haben wir für intern Vertriebene gespendet.»

Fanden im vergangenen Jahr Kundgebungen für Aung San Suu Kyi und sogar für das Militär statt, erfuhren die Rohingya keine öffentliche Solidarität. Weshalb nicht? Aye Lwin runzelt die Stirn: «Was erwarten Sie? Wir leben nicht in einem vollständig demokratischen Staat. Zögen wir für die Rohingya durch die Strassen, würden wir das nicht überleben.»