Meer
Die Dunkelheit ist lila, rot, gelb und zauberhaft

Zehn Jahre lang haben Forscher die Meeresbewohner gezählt. Mehr als 1200 neue Arten von Meerestieren konnten die Wissenschafter ausführlich beschreiben. Über 5000 weitere Arten haben sie entdeckt, aber noch nicht beschrieben

Denise Battaglia
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Meerestiere, die Sie noch nie gesehen haben
14 Bilder
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Microporella klugei
Die Schnecke Ihr Name: Alviniconcha specie

Meerestiere, die Sie noch nie gesehen haben

Rund 70 Prozent der Erdoberfläche werden von den Ozeanen bedeckt. Ein Gefühl für die gigantische Grösse erhalten wir, wenn wir mit dem Flugzeug stundenlang über diese dunkle Fläche fliegen. Überhaupt kein Gefühl aber haben wir dafür, was in den Tiefen der Meere existiert, in dieser Dunkelheit existieren kann.

Selbst das Forscherkonsortium, das sich vor zehn Jahren vorgenommen hatte, eine Bestandesaufnahme über das Leben in den Weltmeeren zu machen, war überrascht, wie gross der Reichtum der Arten in den Weltmeeren ist. Die Wissenschafter konnten dem Ozean nur einen Bruchteil seiner Geheimnisse entlocken. Was alles in den Meeren lebt, werden wir wohl nie vollständig erfahren. Der Ozean scheint unergründlich, er bleibt ein Rätsel.

2700 Wissenschafter beteiligt

Das Forschungsprojekt nennt sich Census of Marine Life. Es handelt sich um die bislang grösste Inventur der Meere. Über 2700 Wissenschafter aus über 80 Ländern wollten herausfinden, was in den Weltmeeren derzeit lebt, was in der Vergangenheit in den Meeren lebte und in Zukunft dort noch leben kann.

Gestern hat das Forscherkonsortium seine Entdeckungen und die Erkenntnisse des Riesenprojekts in London vorgestellt. Mehr als 1200 neue Arten von Meerestieren konnten die Wissenschafter ausführlich beschreiben. Über 5000 weitere Arten haben sie entdeckt, aber noch nicht abschliessend beschrieben.

Die Wissenschafter gehen nach der zehnjährigen Forschungsarbeit davon aus, dass in den Weltmeeren insgesamt eine Million höhere Lebensformen zu Hause sind - erst insgesamt 250 000 sind vollständig beschrieben und in einer zentralen Datenbank erfasst. Dazu kommen noch bis zu einer Milliarde Mikrobenarten. Allein in einem Liter Meerwasser befinden sich 38 000 Mikroben.

Ein Fünftel aller Tiere in den Meeren sind Krustentiere wie Krebse oder Hummer, 17 Prozent sind Weichtiere wie etwa Tintenfische. Mit zwölf Prozent liegen die Fische zahlenmässig nur wenig vor den Einzellern und den Algen mit jeweils zehn Prozent.

Zauberhafte Welt

Obwohl es sich nur um einen Bruchteil des Lebens in den Weltmeeren handelt - was die Forscher von der Dunkelheit ans Licht brachten, ist zauberhaft. Die Bilder lassen erahnen: In den kalten, salzigen, dunklen Tiefen schlummert eine Welt voller Schönheit, voller Farben und bizarrer Formen. Das Meer ist ein unendlich grosser, verwunschener Garten. «Überall, wo wir hingeschaut haben, sind wir vom Leben in Erstaunen versetzt worden», bestätigt Myriam Sibuet, Vizepräsidentin des wissenschaftlichen Steuerungskomitees der Untersuchung, gemäss der Nachrichtenagentur DPA. Das Forschungsprojekt habe die bekannte Welt grösser und reicher gemacht.

So gross, dass die Wissenschafter kapitulieren mussten vor ihrem eigenen Vorhaben: «Am Ende des Projekts wissen wir, dass der grösste Teil des Ozeans immer unentdeckt bleiben wird», sagte die Forscherin Nancy Knowltot. «Der Ozean ist einfach zu gross, nach zehn Jahren harter Arbeit haben wir nur einen Schnappschuss dessen, was die See enthält.»

Bedrohtes Unterwasserparadies

Die Wissenschafter machen sich grosse Sorgen um die Zukunft dieses Unterwasserparadieses. Vor allem in den letzten Jahrzehnten hat der Mensch angefangen, den Ozean ohne Rücksicht auf seine Meeresbewohner auszubeuten. Konzerne suchen exzessiv nach den Reichtümern unter Wasser wie Öl, Gas und Gold. Industrielle Fischerei, Abwässer, Überdüngung und die Versauerung der Ozeane durch das Treibhausgas CO lässt gemäss den Wissenschaftern immer mehr Arten verschwinden. Es ist zu hoffen, dass die Bilder dieser wundersamen Kreaturen den Menschen etwas mehr für das grösste Ökosystem der Erde sensibilisiert.