Nordirland: Die Einheit geht zu Bruch

Ausgerechnet das EU-treue Land erschwert eine Einigung mit der EU. Der Brexit treibt einen Keil zwischen die eigentlich versöhnten protestantischen und katholischen Bevölkerungsgruppen Nordirlands.

Sebastian Borger, Lisnaskea
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Ein Café an der Grenze zwischen Nordirland und Irland. Bild: Charles McQuillan/Getty (Muff, 9. Oktober 2018)

Ein Café an der Grenze zwischen Nordirland und Irland.
Bild: Charles McQuillan/Getty (Muff, 9. Oktober 2018)

Manchmal kommt es Ernie Wilson so vor, als sei alles erst gestern passiert. Dabei liegt der Sommertag, der das Leben des weisshaarigen Herrn veränderte, dreissig Jahre zurück. Wilson hatte gerade im nordirischen Städtchen Lisnaskea seinen Schulbus in den zweiten Gang geschaltet, da blendete ihn ein greller Schein, «als sei direkt vor meinen Augen der Blitz eingeschlagen». Einen Augenblick später ohrenbetäubender Lärm – und der Reservist der britischen Armee wusste: Er war Opfer eines Bombenanschlags der irisch-republikanischen Terrortruppe IRA geworden.

Mit der Handbremse brachte er den Bus zum Stehen, «weil ich glaubte, die Beine seien weg». Das stellte sich glücklicherweise als Irrtum heraus. Wilson inspizierte sein Fahrzeug, organisierte die Evakuierung. Eine resolute Jugendliche wies ihn auf eine schwerverletzte Mitreisende hin. «Ich hob das Mädchen auf und legte sie auf die Rückbank. Ihre Augen verdrehten sich, ihre Atmung stoppte. Wir machten Mund-zu-Mund-Beatmung, sie kam zurück, dann übergab ich sie den Sanitätern. Aber das Weisse in ihren Augen hat mich jahrelang im Traum verfolgt.»

Protestanten sind in der Defensive

Wilson spricht leise, zwischendurch muss er sich eine Träne aus den Augen wischen – nicht zuletzt, als die Rede auf seinen Sohn James kommt, der sich ein Jahr nach dem Bombenanschlag 27-jährig das Leben nahm. «Er machte sich Vorwürfe, weil er den Bus nicht nach Bomben abgesucht hatte. Aber das war gar nicht seine Aufgabe.» Psychologische Betreuung gab es nicht, weder für den Vater noch den Sohn. Regelmässig erhält der Witwer, 82, Besuch von jener resoluten 18-Jährigen. Inzwischen ist Arlene Foster, 48, Vorsitzende der grössten unionistischen Protestantenpartei Nordirlands, der DUP – und wer ihre harte Haltung im Brexit-Streit zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU verstehen will, tut gut daran, Menschen wie Wilson zuzuhören.

Sie sind überwiegend, zumal auf dem Land, sehr konservativ und religiös, beseelt von ihrer Zugehörigkeit zu Grossbritannien und wenig interessiert an der Republik Irland, die von Lisnaskea zehn Kilometer entfernt liegt. Das gilt umso mehr für die ­Mitglieder der DUP: Diese beschreiben sich, so ergab eine umfangreiche Befragung des Politikprofessors Jonathan Tonge, überwiegend als «sehr religiös». Ein Drittel gehört der Sekte Freie Presbyterianische Kirche an, Katholiken in der Partei gebe es «weniger als die Finger an meiner Hand», scherzt Tonge.

Seit sie ihre unangefochtene Vormachtstellung verloren haben, sehen sich Nordirlands Protestanten in der Defensive. Bitterlich beklagen sich Aktivisten wie jene der örtlichen Opferstiftung Seff, die Wilson schliesslich eine Gesprächstherapie ermöglichte, über die Auswirkungen des Friedensabkommens vom Karfreitag 1998: immer neue Zugeständnisse an die IRA-Terroristen und deren Partei Sinn Féin, zu wenig Hilfe für deren Opfer. Mit Besorgnis starren viele Protestanten auf die Bevölkerungsstatistik, die den Katholiken binnen weniger Jahre die Mehrheit unter den rund 1,8 Millionen Nordiren verheisst.

Nur die DUP für den EU-Austritt

Freilich, was heisst das? Zwar sieht das Karfreitagsabkommen die Möglichkeit einer Volksabstimmung über die Wiedervereinigung mit der Republik im Süden vor, von der die sechs nordöstlichen Grafschaften der Insel 1921 abgetrennt wurden. Doch schienen sich viele Katholiken ganz gut eingerichtet zu haben mit den Verhältnissen. Schliesslich sorgte die grosszügige Subventionierung von der Nachbarinsel – 70 Prozent des nordirischen Haushalts bestreitet London – für kommoden Lebensstandard, die Durchlässigkeit der Grenze tat ein Übriges.

Bis zum Brexit. Warnend hatte im Vorfeld der Volksabstimmung 2016 ein Vater des Friedensabkommens seine Stimme erhoben. Mit der EU-Mitgliedschaft könne «unbeabsichtigt auch unsere Einheit verloren gehen», redete Ex-Premier John Major (1990–1997) den Nordiren ins Gewissen. Ähnlich äusserte sich die damalige Innenministerin. Im Fall des Brexit sei es «unvorstellbar», so damals Theresa May, die heutige Premierministerin, dass die offene Grenze so bleiben könne, wie sie ist. Seit sie ihr Amt übernommen hat, redet May anders: Nun will sie die 300 Kilometer lange Grenze offenhalten, wozu die bereits vergangenen Dezember festgeschriebene Auffanglösung für Nordirland dient: Sollte keine andere Einigung zu Stande kommen, verbleibt der britische Teil der grünen Insel in der Zollunion und weiten Teilen des Binnenmarktes der EU.

Weil sich die DUP mit Händen und Füssen dagegen wehrt, ist May von der Vereinbarung wieder abgerückt. Die Nordiren entschieden sich vor zwei Jahren mit 56 zu 44 Prozent für den Verbleib in der EU, jüngste Umfragen ermittelten ein Verhältnis von 65 zu 35. Soll nun ausgerechnet ihre Grenze die Einigung mit der EU erschweren? Prompt steht ein weiteres Referendum am Horizont. Sollte es zum Chaos-Brexit ohne Austrittsvereinbarung kommen, muss laut Sinn-Féin-Chefin Mary Lou McDonald «die Verfassungsfrage gestellt werden».

Wie Sinn Féin warben vor zwei Jahren alle nordirischen Parteien für den EU-Verbleib – alle, bis auf die DUP. Die Achtung vieler gemässigter Katholiken haben Foster und ihre Leute dadurch verspielt. Im knapp 100 Kilometer entfernten Newry steht Connor Patterson auf dem leergefegten Parkplatz der ehemaligen Zollstation. Seit Eröffnung des EU-Binnenmarktes 1993 verfallen Bauten und Parkplätze. «Wir wissen genau, wie eine Zollgrenze aussieht», sagt Patterson. «Glauben Sie, die wollen wir wiederhaben?»

Mit dem Frieden kam der Boom

Der Leiter der örtlichen Industrie- und Handelskammer ist ein typisches Produkt der katholischen Mittelschicht: Seinen Doktortitel der Wirtschaftswissenschaft hat er in London gemacht, die Einführung des EU-Binnenmarktes erlebte er im schottischen Aberdeen. 1995 kehrte er nach Newry zurück, um beim wirtschaftlichen Wiederaufbau seiner Heimatstadt zu helfen. 2,5 Millionen Konsumenten im Umkreis von 100 Kilometern lassen sich von Newry aus erreichen, predigt er Einzelhändlern und Vertriebsfirmen.

Vor dem Friedensvertrag konnte die britische Armee im «Banditenland» rund um Newry jahrelang nur aus der Luft versorgt werden. Friedensvertrag und EU haben in der IRA-Hochburg einen Boom ermöglicht, in dem die Identität kaum noch eine Rolle spielte. Die Arbeitslosenquote, einst bei 30 Prozent, liegt heute bei 2 Prozent. Aber jetzt, ärgert sich Patterson, treibe der Brexit einen Keil zwischen die Bevölkerungsgruppen.

Fristverlängerung wird erwägt

Theresa May gibt sich betont zuversichtlich: «Wir haben sehr guten Fortschritt gemacht», so die britische Premierministerin am Mittwoch zum Auftakt des EU-Gipfels gegenüber Journalisten. Und: «Ein Deal in den nächsten Tagen und Wochen ist möglich, alle wollen das.» Bei ihrer rund halbstündigen Ansprache vor den 27 EU-Regierungschefs dürfte May dann eher Klartext geredet haben. Was May genau ihren EU-Kollegen vortrug, war bis Redaktionsschluss nicht bekannt. Fest steht: Nach ihrem Auftritt musste die Britin den Saal verlassen. Dann war es an den EU-27 zu diskutieren, wie sie weitermachen wollen. Um Theresa May etwas entgegenzukommen, soll EU-Chefverhandler Michel Barnier eine Verlängerung der Übergangsfrist um ein Jahr bis Ende 2021 vorgeschlagen haben, wie im Vorfeld zu vernehmen war. In dieser Zeit könnte weiter an einem Freihandelsabkommen gearbeitet werden, welches eine harte Grenze in Nordirland vermeidet und die sogenannte «Notfalllösung», einen Verbleib Nordirlands im EU-Binnenmarkt überflüssig macht. Dass die EU-Staats- und Regierungschefs Theresa May auflaufen lassen und tatsächlich auf einen No-Deal zusteuern, ist praktisch ausgeschlossen. (rhb)