Brexit

Die Hoffnungen der Befürworter – die Sorgen der Gegner

Der pensionierte Anwalt David Potts stört sich an der Bürokratie. Er sieht keinen Grund, in der EU zu bleiben. Shahajahan Ali fürchtet um die Rechte der Arbeiter. Zwei Stimmen zum Brexit - zwei Tage vor der Abstimmung.

Fabian Hock
Drucken
Teilen
Befürworter eines Verbleibs Grossbritanniens in der EU. (Symbolbild)

Befürworter eines Verbleibs Grossbritanniens in der EU. (Symbolbild)

KEYSTONE/EPA/WILL OLIVER

Mister Potts will raus

David Potts ist ein höflicher, höchst umgänglicher, besonnener Mann, ein Brite wie er im Buche steht, doch eines lässt ihn regelrecht aus der Haut fahren: die verdammten Bürokraten. «Fucking bureaucrats». Für ihn sind sie das Schlimmste, was seinem Land passieren konnte – und ein Grund, warum er raus will aus der EU.

Den Brexit wollen die Globalisierungsverlierer, heisst es, doch David Potts ist alles andere als das. Mit seiner Frau Sylvie lebt der pensionierte Anwalt in einem zwei Hektar grossen Anwesen im idyllischen Städtchen Farnham, eine Autostunde südwestlich von London. Gemeinsam mit einem Geschäftspartner führte Potts eine eigene Kanzlei im nahegelegenen Aldershot, «aufgebaut aus dem Nichts», wie er betont. Gegen Versicherungen habe er prozessiert. Bei Autounfällen, «oder wenn der Arzt das falsche Bein amputiert hat». Keine Vergleiche, immer auf Attacke. «Wir waren nicht sehr beliebt bei den Versicherungen», schiebt er lächelnd nach.

David Potts und seine Frau Silyvie

David Potts und seine Frau Silyvie

Zur Verfügung gestellt

Zwischen Äpfeln und Pak Choi

Vor drei Jahren verkaufte er die Kanzlei. Heute hält er grössere Anteile an einer Baufirma, die in der Slowakei Häuser errichtet, sowie an Nicki MacFarlane – der Designerin, die die Brautjungfernkleider für Catherine bei ihrer Hochzeit mit Prinz William schneiderte.

Auf seinem Grundstück ausserhalb der Stadt baut Potts alles Mögliche an Gemüse und Früchten an. Spinat, Bohnen, Pak Choi, Karotten, Radieschen, Äpfel, Pflaumen und Guaven. Und Blumen natürlich. Eine Menge Arbeit, doch die hält fit, sagt er. Das Anwesen ist in einem Mini-Dorf, einem «Hamlet», integriert. Acht Häuser, acht Familien, man kennt sich, man hilft sich aus. Die Schweine der Nachbarn grasen auf Potts Wiese – das Essen kommt vom Bauernhof nebenan. Britische Idylle wie man sie sich treffender nicht ausmalen kann. Ob sie im Hamlet alle für den Brexit sind? «Etwas die Strasse runter wohnt der Buchhalter von Ukip», erzählt Potts. Einer also schon mal mit Sicherheit. Er zählt weiter auf – eine Gegenstimme ist nicht darunter.

«In» or «out»? Am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob Grossbritannien Mitglied der Europäischen Union bleiben soll oder nicht. In einer Serie beleuchten wir die wichtigsten Aspekte.

«In» or «out»? Am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob Grossbritannien Mitglied der Europäischen Union bleiben soll oder nicht. In einer Serie beleuchten wir die wichtigsten Aspekte.

Ängstliche Politiker

Für Leute wie Potts ist indes längst nicht alles Englische heilig, im Gegenteil. Denn der 60-Jährige verteufelt nicht nur die Bürokraten in Brüssel. Die schlimmsten von ihnen sässen nämlich in London. Die britischen Bürokraten versteckten sich hinter den Weisungen aus den europäischen Institutionen. Die Politik kusche, anstatt gegen die Regulierungswut aufzubegehren. Nigel Farage, der Chef der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip, das sei einer, der ausspricht wie es ist.

Potts bittet zum Lunch im Wohnhaus, das mehr Fensterfläche hat als Gemäuer – einem von drei Gebäuden auf dem Areal neben überdachtem Pool und Gästehaus. Sylvie hat gekocht. Kopfsalat aus dem Garten, Hühnchen aus der Nachbarschaft, ein Gläschen Schweizer Weisswein aus dem Kanton Waadt. Sylvie ist in der Nähe von Lausanne geboren. Wie sie, hat auch David neben dem britischen den Schweizer Pass. In der offenen Küche hängt eine Hommage an Sylvies Herkunft: eine Schweizer Karte, gesteckt aus Ansteck-Pins, von denen neben allerlei helvetischer Symbolik auch Roger Federer und Ursula Andress grüssen.

Undemokratische Union

Ihm gehe es um Demokratie, sagt Potts, und beisst in eine selbstgeerntete Kartoffel. Die EU mitsamt ihrer Institutionen brauche es nicht. Das sei nicht das, was die Menschen wollen. Freier Handel reiche aus. «Es kann nicht sein, dass wir uns den Zugang zum freien Markt teuer erkaufen müssen», sagt er. Freier Handel ist freier Handel. Punkt. Stattdessen überweise sein Land Milliarden nach Brüssel – und bekomme viel weniger raus, als es reinsteckt. «Für jedes Pfund, das wir zahlen, bekommen wir 50 Pence zurück.»

Zwar räumt Potts ein, dass der Brexit durchaus gegen seine geschäftlichen Interessen etwa in der Slowakei laufen könnte. Doch das müsse man eben in Kauf nehmen. Denn die EU sieht er zum Scheitern verurteilt. «Früher oder später wird sie kollabieren.» Die Probleme durch unkontrollierte Migration seien zu gross geworden. Er selbst hält Zuwanderung für unverzichtbar – «doch wir brauchen die richtigen Zuwanderer». Die kämen aber derzeit nicht. Und das sei längst nicht das einzige Problem. Bei der Massenarbeitslosigkeit unter Jugendlichen etwa in Italien gehe es weiter. Und immer wieder die verfluchten Bürokraten. Deshalb will er lieber raus, jetzt, wo die Folgen noch nicht schlimm wären. Die Wirtschaft, glaubt Potts, werde keinen anhaltenden Schaden davontragen. Der britische Markt sei für die Europäer zu wichtig. Sobald der Brexit beschlossene Sache sei, würden europäische Firmenchefs und Politiker eine rasche Lösung für die Beziehung zu Grossbritannien finden wollen.

Beim Tee nach dem Essen wird Potts etwas versöhnlicher. «Die Briten lieben die Europäer», sagt er, «aber sie hassen eben die Bürokratie». Den Brexit hält er für wahrscheinlich, die Formel ist einfach: «Die Menschen auf dem Land wollen raus aus der EU, die in der Stadt wollen drin bleiben. Es leben mehr Menschen auf dem Land.»

Shahajahan will drin bleiben

Shahajahan Ali sitzt in einem Coffeeshop im Herzen von London und kann kaum glauben, was er auf dem Handy sieht. Ein weisses Schaf kickt ein schwarzes aus dem Land, ein Plakat mit dunklen Minaretten, die eine Schweizer Flagge durchlöchern – «das ist legal bei euch?», fragt er.

Die Briten sind sich diese Art der politischen Stimmungsmache nicht gewöhnt. Vor dem EU-Referendum am Donnerstag erleben sie sie jedoch zunehmend am eigenen Leib. Nigel Farage, der Chef der rechtspopulistischen Ukip und einer der führenden Köpfe der Brexit-Bewegung, welche die Insel auch politisch vom europäischen Festland lösen will, posierte kürzlich stolz vor einem Plakat, das einen endlosen Strom dunkelhäutiger Menschen zeigt, darunter der Hinweis auf das Versagen der EU.

Überzogene Kampagne

«Das hat doch nichts mit der Abstimmung zu tun», schimpft Ali. «Wir sind nicht einmal Teil des Schengen-Abkommens!» Hier gehe es einzig um das Schüren von Ängsten. Und das hält Ali für ein gefährliches Spiel. Die Stimmung, die die EU-Gegner im Land erzeugt hätten, habe bedenkliche Ausmasse angenommen. Vor allem die einschlägigen Medien, die in Grossbritannien in politischen Fragen wesentlich stärker Position beziehen als anderswo, hätten einen grossen Beitrag dazu geleistet. Ali spricht von einem vergifteten Klima, von zunehmender Hetze gegen Migranten, von Übergriffen auf Muslime und auf Juden in Londons Strassen. Die politisch motivierte Gewalt gipfelte in dem brutalen Mord an der Linken-Politikerin Jo Cox vor wenigen Tagen. Ali gibt der aufgeheizten Stimmung und damit indirekt auch den Medien und Teilen der Brexit-Bewegung eine Mitschuld an der Tragödie. Er steht mit dieser Meinung nicht allein.

Shahajahan Ali: Gebildet, Mitte 30 – ein typischer Remain-Wähler.

Shahajahan Ali: Gebildet, Mitte 30 – ein typischer Remain-Wähler.

Zur Verfügung gestellt

Dienst an der Gesellschaft

Ali ist 34 Jahre alt, in London geboren und Primarlehrer an einer öffentlichen Schule. Seine Eltern kamen aus Bangladesh nach England. Sie hatten nichts, lebten von Sozialhilfe. Die Hilfsbereitschaft der Engländer habe ihn geprägt. Heute wolle er der Gesellschaft dafür etwas zurückgeben, sagt Ali. Wie seine Brüder und seine Schwester arbeite er deshalb im sozialen Bereich. Als gebildeter Städter mit Migrationshintergrund verkörpert er den typischen linksliberalen Remain-Wähler. Ob er sich als Europäer fühlt? «Ich bin Brite», entgegnet er. «Vielleicht fühle mich ein wenig europäischer als viele andere, aber letztlich bin ich Brite.»

Während Ali an seinem Tee nippt, erklärt er, warum er am Donnerstag für das Fortbestehen der EU-Mitgliedschaft Grossbritanniens stimmen wird. Für den intelligenten und wortgewandten Londoner ist die EU die letzte verbliebene Bastion zum Schutz von Arbeiterrechten in Grossbritannien. Die zunehmende Privatisierung etwa im Gesundheits- und Schulwesen hält er für eine schlechte Entwicklung. Profitieren würden ausschliesslich die reichen Schichten und Unternehmen, mit denen die politische Klasse von rechts bis links in den letzten Jahren immer stärker angebandelt habe. Migranten und gewöhnliche Arbeiter würden so immer weiter abgehängt. London, sagt er, habe sich stark verändert in den letzten fünf Jahren. Die multikulturelle Stadt werde in ihrem Kern immer uniformer. Ärmere Leute würden aus dem Zentrum in die Vorstädte oder gleich bis hoch nach Manchester gedrängt. Gebe es nicht die EU mit ihren Vorschriften zum Schutz von Teilzeitarbeitern, jungen Müttern und Vätern und Niedriglöhnern, würde diese Entwicklung an Fahrt gewinnen, fürchtet er.

EU als Mittel zum Zweck

Ein bedingungsloser Verfechter der EU ist Ali indes nicht. «Mir wäre es lieber, wir würden all das selbst regeln», sagt er. Doch für besseren Schutz der Arbeiterrechte fehle es in Grossbritannien schlicht an politischem Willen. Was für Brexiteers eine Zumutung ist, nämlich Eingriffe eines weitgehend undemokratischen Gebildes wie der EU in den politischen Prozess einer der ältesten Demokratien der Welt, sieht Ali pragmatisch: Selbst das undemokratische britische Oberhaus, das House of Lords, pfeife ab und an das Parlament zurück, wenn dieses die Rechte der Arbeiter beschneiden will. Wer letztlich für deren Schutz eintritt, ist für Ali zwar nicht unwichtig, aber doch zweitrangig.

Besonders optimistisch, was die Abstimmung vom Donnerstag angeht, ist Ali allerdings nicht. Er hält den Brexit für wahrscheinlich. Persönlich fühlt er sich als Lehrer zwar noch gut geschützt. Leiden würden jedoch die anderen Mitarbeiter an Schulen, etwa die Hausmeister und die Köchinnen. Und die voranschreitende Privatisierung, glaubt er, wird auf lange Sicht auch vor seinem Beruf nicht Halt machen. Wichtiger sind ihm jedoch die anderen. So ist er aufgewachsen.

Schadensbegrenzung

Seit Kurzem will er seine Ideale auch politisch einbringen. Vor ein paar Jahren habe das noch anders ausgesehen, erzählt er. Seine Freundin habe ihn dazu gebracht. Nach der Wahlniederlage vor einem Jahr, die dem konservativen David Cameron eine weitere Amtszeit bescherte und wegen seiner Versprechung das Referendum über die EU-Mitgliedschaft überhaupt erst aufs Tableau brachte, trat Ali der britischen Arbeiterpartei Labour bei. Sollte der Brexit tatsächlich kommen, hofft er, seine Partei gewinnt die anschliessenden Parlamentswahlen. So könne der Schaden wenigstens in Grenzen gehalten werden.