Die thailändischen «Höhlenkids» - wo sind sie heute?

Am 10. Juli atmeten die letzten Fussballbuben und ihr Coach erstmals nach 18 Tagen wieder frische Luft – nach einer der wohl dramatischsten Höhlenrettungen der Geschichte. Jetzt werden sie in der Welt herumgereicht.

Daniel Kestenholz, Bangkok
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Die thailändische Jung-Fussballmannschaft «Wildschwein» bei der Eröffnungszeremonie der olympischen Spiele in Argentinien. Bild: Jonathan Nackstrand/AP (Buenos Aires, 6. Oktober 2018)

Die thailändische Jung-Fussballmannschaft «Wildschwein» bei der Eröffnungszeremonie der olympischen Spiele in Argentinien.
Bild: Jonathan Nackstrand/AP (Buenos Aires, 6. Oktober 2018)

Die zwölf Burschen aus bescheidenen Verhältnissen im Alter von 11 bis 17 Jahren, allesamt Spieler des lokalen Fussballclubs «Moo Pa», «Wildschwein», und ihr 25-jähriger Coach bewiesen Zusammenhalt sowie mentale und körperliche Stärke. Als sie noch immer im Höhlengeflecht auf ihre Rettung warteten, lud Fifa-Präsident Gianni Infantino das Team zum WM-Final Mitte Juli in Moskau ein. Doch die abgemergelten Geretteten gehörten erst gestärkt – und dienten der thailändischen Junta unverhohlen zur Propaganda. Nach den obligaten Tagen im Tempel wurden sie in TV-Sendungen zelebriert. Sie bedankten sich endlos, verneigten sich vor Porträts ihrer Retter und beantworteten die immer gleichen Fragen. Was sie einst werden wollten? «Fussballer», sagten alle.

Am 6. August gings wieder in die Schule, wo sie ein Vertreter von Bayern München mit Clubtrikots und Fanartikeln begrüsste. Anfang September gab die thailändische Regierung ein Galadinner, den Rettern zum Dank. Premier Prayuth Chan-ocha sagte, an die jungen Ehrengäste gerichtet: «Ihr habt uns alle erhoben, indem Ihr der Welt die ultimative Kraft der Einheit, Liebe, Freundlichkeit und des Glaubens an die Menschheit gezeigt habt.»

Endlich, Mitte September, trainierten die «Wildschweine» wieder, mit dem gleichen Coach, Ekkapol Chanthawong. Dieser hatte sich nach der Rettung eineinhalb Monate als Mönch in ­einen Tempel zurückgezogen. Er tat Busse, auch für den ehemaligen Navy Seal-Taucher Saman Kunan, «Sergeant Sam», der beim internationalen Rettungstauchgang sein Leben liess.

Als Botschafter Thailands unterwegs

Fussball war immer der Traum der Buben. Heute leben sie den Traum. Anfang Oktober ging es auf Einladung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nach Buenos Aires zu den Olympischen Jugend-Sommerspielen. IOC-Präsident Thomas Bach sagte: «Die ‹Wildschweine› zeigten grosse Stärke und Belastbarkeit – wahrhaft olympische Werte.» Weiter gings nach New York und Los Angeles für Interviews mit NBC, und Ende Oktober waren die Fussballer Gäste beim englischen Club Manchester United.

Bei all dem Rummel bleibt unklar, ob und wie tief die Jungs an dem Erlebten leiden. Aus dem Drama wird Profit geschlagen – auch Hollywood zeigt Interesse. Einen Anfang zur Verbesserung ihrer Lebensumstände machte die thailändische Regierung: Drei Kinder und der Coach waren Staatenlose, sogenannte «Hill Tribes», wie Minoritäten im Grenzgebiet zu Myanmar genannt werden. Thailand verlieh den vier im Schnellverfahren die Staatsbürgerschaft – etwas, worauf rund 2,5 bis 3 Millionen andere warten. Doch ohne Pass hätten sie nicht als Botschafter Thailands um die Welt reisen können.