Die Infektionen in den USA schiessen in die Höhe – Experten sprechen von einer «zweiten Phase» der Pandemie

Die neuen Coronahotspots befinden sich auch in republikanisch regierten Staaten wie Texas oder Florida.

Renzo Ruf aus Washington
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Ein Arbeiter im Schutzanzug desinfiziert die Florida-Landkarte in einem Restaurant: In den USA sind jetzt auch Staaten betroffen, die zuvor verschont blieben.

Ein Arbeiter im Schutzanzug desinfiziert die Florida-Landkarte in einem Restaurant: In den USA sind jetzt auch Staaten betroffen, die zuvor verschont blieben.

Scott Keeler / AP Tampa Bay Times

Eigentlich ist Greg Abbott ein linientreuer Republikaner. Der 62 Jahre alte Gouverneur von Texas (Einwohnerzahl: gegen 29 Millionen Menschen) vertritt eine wirtschaftsfreundliche Politik, und er spricht oft und gerne über seinen tiefen Glauben an Gott. Dieser Tage allerdings gibt Abbott den Pragmatiker.

Angesichts einer «massiven» Zunahme der Covid-19-Erkrankungen sei es wohl angebracht, sagte der Gouverneur am Mittwoch, zumindest regional wieder Restriktionen zu verhängen und das öffentliche Leben einzuschränken – damit die Zahl der Spitaleinweisungen in Texas, die auf den Rekordwert von fast 4400 Menschen gestiegen ist, nicht weiter zunimmt. Abbott rief die Bevölkerung dazu auf, freiwillig zu Hause zu bleiben. Auch schloss er nicht aus, dass er erneut einen Lockdown verhängen werde.

Texas öffnete mit als erstes

Abbott würde eine solche Massnahme natürlich gegen den Strich gehen, war er doch vor zwei Monaten einer der ersten Gouverneure, der ein Ende des (relativ kurzen) Coronalockdowns verkündet und die Bevölkerung dazu aufgerufen hatte, wieder an die Arbeit zu gehen.

Die Kritik, er gehe überstürzt vor, hatte Abbott damals zurückgewiesen. Die Lage in Texas sei nicht so schlimm wie in den damaligen «Hotspots» New York oder New Jersey, hatte er gesagt. Immerhin ist der Gouverneur nun gewillt, seine Politik der Realität anzupassen.

Also verbot er Massenversammlungen von mehr als 100 Menschen; und er erlaubte es Gemeinden, ein Masken-Obligatorium zu verhängen, obwohl diese Schutzmassnahme von rechten Amerikanern als Einschränkung der persönlichen Freiheit wahrgenommen wird.

Touristenmagnet Florida wird zum Corona-«Hotspot»

Andere republikanische Gouverneure, die sich ebenfalls mit stark ansteigenden Corona-Fallzahlen konfrontiert sehen, tun sich schwer damit, Gegensteuer zu geben. Besonders unter Druck steht Ron DeSantis, der 41 Jahre alte Regierungschef von Florida. Im «Sunshine State», einem weltweiten Touristenmagnet, ist die Zahl der registrierten Covid-19-Fälle in den vergangenen Tagen um mehr als 31'000 gestiegen; Epidemiologen sprechen deshalb bereits von einer «neuen Phase» der Pandemie und davon, dass das Virus sich unter den 21 Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern von Florida erneut fast ungehindert verbreite.

DeSantis allerdings stellt sich auf den Standpunkt, dass es keinen Grund zur Panik gebe.

«So ist diese Krankheit eben»

, sagte der Gouverneur diese Woche, als er darauf verwies, dass es nun vor allem junge Menschen seien, die positiv getestet würden. Diese Altersgruppe aber müsse sich meist nicht in Spitalpflege begeben. Auch hätten sich auffallend viele hispanische Taglöhner, auf die Floridas Landwirtschaftsbetriebe angewiesen sind, mit dem Virus angesteckt.

Diese Aussagen sind nicht weiter erstaunlich; DeSantis gilt als Zögling von Präsident Donald Trump, der in den vergangenen Tagen dazu übergegangen ist, über die Corona-Krise in der Vergangenheitsform zu sprechen. Obwohl die Wirklichkeit komplexer ist, und DeSantis die Politik des Präsidenten nicht einfach blind unterstützt, steht der ambitionierte Gouverneur im Zugzwang – findet doch der republikanische Parteitag, an dem Trump die Amerikaner davon überzeugen will, dass er eine zweite Amtszeit verdient, Ende August in Florida statt.

Für diesen Grossanlass, der zuvor in North Carolina hätte über die Bühne gehen sollen, werden Zehntausende von Aktivisten, Schaulustigen und Medienschaffenden erwartet. Sollte es dieser Menschenmenge nicht möglich sein, sich zu versammeln, hätte dies Signalwirkung.

Biden hängt Trump ab

Trump versucht derweil mit allen Mitteln, das Thema zu wechseln. So attackiert er die Demonstranten, die seit einem Monat weitgehend friedlich gegen Polizeigewalt und Rassismus protestieren. Er wirft der neuen Bewegung vor, die Geschichte des Landes umschreiben zu wollen, was er nie zulassen werde. Diese unverhohlenen Appelle an Ressentiments stossen allerdings bei einer Bevölkerungsmehrheit auf taube Ohren.

Gemäss aktuellen Meinungsumfragen sagen etwas mehr als 50 Prozent der Amerikaner, dass der Präsident falsche Prioritäten setze und der Coronakrise nicht genug Aufmerksamkeit schenke. Vier Monate vor der Präsidentenwahl weist der demokratische Trump-Herausforderer Joe Biden deshalb in den sechs wichtigen Bundesstaaten Michigan, Wisconsin, Pennsylvania, Florida, Arizona und North Carolina einen komfortablen Vorsprung auf. Dies ist einer Umfrage zu entnehmen, die am Donnerstag von der «New York Times» publiziert wurde.

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