Ägypten
Die Jugend streicht Kairo mit der Farbe der Freiheit

Die Atmosphäre in Kairo liegt irgendwo zwischen grenzenloser Euphorie und dem Versuch, zurück in die Normalität zu finden. az-Sonderreporter Benno Tuchschmid berichtet über die Zeitwende in Ägypten.

Benno Tuchschmid
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Keystone

«Welcome to Egypt», schreit Ashraf (40) und drückt im Rhythmus der Musik auf die Hupe seines klapprigen Kleinwagens. Aus den Boxen dröhnt die Hymne der ägyptischen Revolution. Der Sänger Mohamed Mounir singt im zweideutigen Text über die Liebe der Ägypter zu ihrem Land – einer unerwiderten Liebe. Der Bass wummert, die Fenster scheppern, Ashraf klatscht im Takt in die Hände und schreit Richtung Beifahrersitz: «Es gibt keine bessere Zeit, um in Ägypten zu sein. Wir sind jetzt frei, 100 Prozent.» Ashraf drückt seine Emotionen immer in Prozent aus. Der Mann mit dem gestutzten Schnauz fährt in horrendem Tempo vom Kairoer Flughafen Richtung Tahrir-Platz. Das Herz der ägyptischen Revolution.

Draussen ziehen die Villen des Quartiers Heliopolis vorbei. Es ist die Gegend, wo der Präsidentenpalast steht. Hier war früher Hosni-Mubarak-Land und alles voll Polizei. Früher, vor der Revolution. Heute fährt Ashraf winkend an Panzern des Militärs vorbei («die Ägypter lieben das Militär, 200 Prozent»), und aus der Stereoanlage dröhnt das einst verbotene Lied Mohamed Mounirs. Heute sei in Ägypten alles anders, sagt Ashraf, «100 percent different». Er arbeitet als Fahrer, hat drei Kinder. Während er in zehn Sekunden dreimal die Spur wechselt, sagt er, dass seine Kinder in Ägypten eine grossartige Zukunft haben werden, er wisse es. 100 Prozent.

«Ja, ja, wir freuen uns sehr»

Die Atmosphäre in Kairo liegt irgendwo zwischen grenzenloser Euphorie und dem Versuch, zurück in die Normalität zu finden. Auf der Shamblion-Strasse nahe dem Tahrir-Platz fegen Teenager die Trottoirs, sie wischen Schutt zusammen, Steine aus aufgebrochenen Strassenbelägen, Plastiksäcke, Zigarettenstummel. Die Jugend räumt den Abfall ihrer Revolution weg. Sie tut, was eigentlich der Staat tun sollte. Aber irgendwie sind sie im Moment der Staat. Zeitgleich ziehen Hunderte junger Menschen vom Tahrir-Platz zur Innenstadt. Tanzend, singend, mit Fahnen und Haarbändern in den Nationalfarben. In einem Hauseingang sitzt ein Mann, Mitte 50, und schaut zu, wie die einen aufräumen, die anderen feiern. «Ja, ja, wir freuen uns sehr», sagt er. Doch seine Freude sieht nicht gleich aus wie die der Jugend. Er sei arbeitslos, sagt er. «Aber die Zukunft wird besser.» Er habe gehört, das Militär wolle Arbeitslosen wie ihm 100 ägyptische Pfund auszahlen, rund 16 Franken. Darauf hofft er. Die nächste Regierung soll mehr tun für Menschen wie ihn. Dann fragt er, ob man für ihn Schnaps kaufen könne.

«Bei vielen Ägyptern ab 40 sitzt das Regime im Kopf fest», sagt Amro (35). Er steht auf dem Tal’aat-Harb-Platz in der Innenstadt. Die Luft vibriert. Der Boden zittert. Der Platz ist voller jubelnder Menschen, auf einem Balkon stehen Lautsprecher. Aus der Stereoanlage singt Mohamed Mounir: «Ich werde dich verändern, bis du mich so liebst, wie ich dich liebe.» Die Leute singen mit. Amro trägt Brille, einen Dreitagebart und um den Hals eine ägyptische Flagge. «Viele Alte warten darauf, dass eine neue Regierung etwas Gutes für sie tut. Aber wir müssen lernen, dass wir die Dinge selber in die Hand nehmen können.» Amro hat bis vor drei Jahren in Holland als Kellner gearbeitet, in italienischen Restaurants.

Heute führt er ein kleines Handelsgeschäft. Er lebt bei seinen Eltern, eine Wohnung kann er sich nicht leisten, wie fast keiner in seinem Alter. Auf die Frage, was die Ägypter am meisten brauchen, sagt Amro: «Kennst du die Maslowsche Bedürfnispyramide?» Er hat Psychologie studiert. «Es gibt zu viele Menschen in Ägypten, die zu wenig zu essen und kein Einkommen haben, das ihnen ein anständiges Leben ermöglicht.» Solange dies so sei, könne es mit Ägypten nicht vorwärtsgehen, hat er an der Uni gelernt. Geld kann er mit dem Wissen nicht verdienen.

«Veränderung! Freiheit! Eine gerechte Gesellschaft!»

Amro sagt aber auch, dass der Fortschritt Zeit brauche, «und ich weiss nicht, ob wir Ägypter genug Geduld haben». Mohamed Mounirs Lied ist zu Ende. Die Menschen auf dem Tal’aat-Harb-Platz skandieren jetzt: «Veränderung! Freiheit! Eine gerechte Gesellschaft!» Was auf Deutsch holpert, klingt auf Arabisch wie ein Gedicht. Amro sagt: «Ich glaube daran, dass wir es schaffen. Auch wenn es schwer wird. Und bitte schreiben Sie, dass wir hier kein islamistisches Regime wollen. Wir wollen Demokratie», dann geht seine Stimme im Chor der Masse unter.

Der amerikanische Fastfood-Laden am Tahrir-Platz verkauft schon länger keine frittierten Hühnchen mehr. An seinem Fenster klebt ein Zettel mit arabischen Lettern, darunter steht «Clinic». Es war eine improvisierte Sanitätsstelle. Jetzt hängen nur noch die Poster der Getöteten an der Fassade. «Mohamed, 19, getötet durch die Kugeln der Polizei.» Unter den Plakaten haben zwei Mädchen begonnen, ihre gesprayten Slogans von der Scheibe zu putzen. Sie sprühen Putzmittel auf das Fenster und waschen die Revolution vom Fenster.

Marwan (30) lacht laut, der Rauch seiner Wasserpfeife strömt aus Nasenlöchern und Mund und umnebelt seinen Kopf. Er deutet auf die Autos, die vor dem Strassencafé durchbrausen. «Die fahren alle in die falsche Richtung. Das ist eine Einbahnstrasse», sagt er und lacht sein raues Lachen. «Weisst du, wieso? Das ist an die Polizei gerichtet und bedeutet: ‹fuck off.›» Und er streckt den Mittelfinger dem Nachthimmel entgegen. Marwan ist gross, hat geliertes Haar und hellwache Augen. Ein Verrückter sei er, sagt Marwan. «Ich bin Tauchlehrer, die sind alle verrückt.» Marwan flucht in beinahe akzentfreiem Englisch. Besonders wenn er über die Polizei spricht. «Sie haben unsere Menschen getötet, verstehst du? Es sind viele Demonstranten verschwunden, von denen man nicht weiss, wo sie sind», sagt Marwan und seine Augen funkeln. «Dazu kommt noch: Die Polizisten sind die korruptesten Arschlöcher im ganzen Land. Und das bedeutet in Ägypten etwas.»

Bessere Löhne gegen die Korruption

Marwan ist eine Ausnahme. Und er weiss es. «Ich lebe hier in meiner eigenen Wohnung.» Er kommt aus einer gut situierten Familie, er sei nicht reich, sagt er, aber auch nicht arm. «Es gibt Familienväter, die verdienen pro Monat 2000 Pfund (ca. 300 Franken) und müssen davon eine dreiköpfige Familie ernähren.» Er nimmt einen Zug aus der Wasserpfeife: «Ich traue es mich kaum zu sagen, aber so viel habe ich schon an einem Abend ausgegeben.» Was tun die Leute, wenn sie zu wenig Geld haben?, fragt Marwan. «Sie suchen andere Wege, um es sich zu beschaffen.» Das führe zur Korruption. «Um die zu bekämpfen, brauchen wir bessere Löhne», sagt Marwan.

Am Südlichen Ende des Tahrir-Platzes hat sich ein Kreis aus Menschen gebildet. Junge Männer in Dolce-&-Gabbana-T-Shirts, Frauen in Jeans, andere mit Kopftüchern ge-ben sich die Hände, bilden ein Rund. Die Menschen hasten an ihnen vorbei. In ihrer Mitte schützen sie einen jungen Mann, der mit einem Pinsel den Fussgängerstreifen nachmalt. Es ist ein Symbol für das Ägypten von heute. Die Bürger haben sich die Strassen zurückerobert. Und sie fühlen sich verantwortlich. Die Szene wiederholt sich überall in der Innenstadt. Frauen und Männer mit Farbkesseln ziehen über die Plätze. Sie bemalen die Bordsteine schwarz-weiss, färben Strassenlaternen grün. Sie geben dem staubigen Moloch Kairo Farbe. Es ist die Farbe der Freiheit, sie ist noch frisch und keiner weiss, ob sie in sechs Monaten noch strahlt. Doch im Moment leuchtet sie so hell und schön wie kaum etwas anderes auf der Welt.

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