Deutschland
Die Kühle und der Graue - ist Bartsch ein Aufpasser für Wagenknecht?

Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht – ein ungleiches Führungsduo der Linken.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Übernehmen das Erbe von «Die Linke»-Aushängeschild Gregor Gysi: Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch.Kay Nietfeld/Epa/Keystone

Übernehmen das Erbe von «Die Linke»-Aushängeschild Gregor Gysi: Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch.Kay Nietfeld/Epa/Keystone

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Sahra Wagenknecht, 46, fügte sich gestern gleich prächtig in ihre neue Rolle ein. Eine Stunde nach ihrer Wahl zur Co-Fraktionsvorsitzenden mimte sie vor der Hauptstadtpresse die Wortführerin. Ganz in Rot gekleidet und mit streng nach hinten gekämmten Haaren geisselte sie in ihrer typischen Art das «Staatsversagen im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise», sie redete von der grösser werdenden Kluft zwischen Arm und Reich, und sie feuerte verbale Giftpfeile in Richtung Kanzlerin Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Neben Wagenknecht sass der andere neue Co-Fraktionschef, Dietmar Bartsch. Der 57-jährige promovierte Ökonom wirkte im Gegensatz zu Wagenknecht geradezu zahm, als er davon sprach, beide wollten ihre Aufgabe mit «Elan und Zuversicht» anpacken.

Kein einfaches Erbe

Beide treten bei Deutschlands grösster Oppositionspartei kein einfaches Erbe an. Gestern legte die Galionsfigur der Linkspartei, Gregor Gysi, den Fraktionsvorsitz, wie im Sommer angekündigt, nieder. Der 67-Jährige, der seit 1990 mit kurzer Unterbrechung im Bundestag sitzt, war das Gesicht der Linken und schaffte es, mit feiner, geschliffener Rhetorik und seinem typischen Schalk und Charme zu einem der beliebtesten Politiker im Land.

Der Auftritt des neuen Führungsduos gestern war sinnbildlich. Bartsch gilt als kompromissbereiter Reformer, damit liegt er ganz auf der Linie seines Vorgängers Gysi, der kein Hehl aus seinem Ziel machte, die Linke dereinst auch auf Bundesebene in ein Bündnis mit der SPD und den Grünen zu führen. Wagenknecht ist da von ganz anderem politischen Schlag. Abgesehen davon, dass Schalk und Charme nicht unbedingt Eigenschaften sind, die auf Wagenknecht zutreffen, wirkt die brillante Rhetorikerin distanziert, fast schon abgehoben.

Vor allem aber ist Wagenknecht eine Repräsentantin des radikaleren, dogmatischen linken Flügels innerhalb der Linkspartei. Gregor Gysi hat die Politikerin bislang auf Distanz gehalten. Wagenknecht verfügt über einen Doktortitel in Volkswirtschaft und kann in Sachen Wirtschaft besser argumentieren als manch ein bürgerlicher, den Kapitalismus verteidigenden Politiker. Zwar geniesst sie selbst bei Konservativen wegen ihrer hohen Intelligenz höchstes Ansehen, beliebt aber ist sie im Land nicht wirklich.

Grün-Rot-Rot schwer denkbar

Ausgerechnet Wagenknecht fällt nun die Aufgabe zu, die so heterogene Partei zusammenzuhalten. Es schwer vorstellbar, dass sich SPD, Grüne und Linkspartei mit einer Fraktionsvorsitzenden Wagenknecht einander annähern können. Das wäre aber vonnöten, damit Mitte-Links bei den Bundestagswahlen 2017 eine reale Machtoption besitzt. Doch die Unterschiede zwischen der Linkspartei und den in der Regierung sitzenden Sozialdemokraten sind in einigen Punkten frappant, vor allem in der Aussen- und Sicherheitspolitik.

Wagenknecht – Ehepartnerin des bei der SPD in Ungnade gefallenen Linken-Politikers Oskar Lafontaine – hat ein Bündnis mit der SPD auf Bundesebene bislang ausgeschlossen. Auch gestern untermauerte sie ihre harte Haltung. «Wir wünschen uns eine sozialdemokratische SPD. Solange die SPD Positionen vertritt, die an die Seite von Merkels Politik passen, wird das sehr, sehr schwierig», sagte sie mit Blick auf ein rot-rot-grünes Bündnis und liess keine Zweifel offen, dass nicht die Linkspartei sich auf die SPD zubewegen muss, sondern umgekehrt.

Andererseits liegt vielleicht gerade die Chance darin, dass mit Wagenknecht eine Vertreterin des linken Parteiflügels in der Fraktionsspitze sitzt. Möglicherweise kann es nur ihr gelingen, skeptische Parteigenossen für das unbeliebte Bündnis mit der SPD zu gewinnen. Gregor Gysi hat derweil angekündigt, er wolle sich in Führungsdebatten künftig nicht mehr einmischen und als einfacher Abgeordneter Zeit finden, um an seinen Memoiren zu schreiben.