US-Präsident
Die Kunst des Rauswerfens: Donald Trump ist im Feuern kreativer geworden

«You’re fired!» – das war einmal. Donald Trump, der zu seinen TV-Zeiten Kandidaten auf recht plumpe Weise vor die Tür setzte, entlässt heute kreativer. Fünf Lehren aus Trumps Personalien – und die Frage: Wer ist der Nächste?

Fabian Hock
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Donald Trump hat seinen Rauswerf-Stil seit den Zeiten, als er die Leute vor laufender Kamera rauswarf, verändert.

Donald Trump hat seinen Rauswerf-Stil seit den Zeiten, als er die Leute vor laufender Kamera rauswarf, verändert.

Keystone

In der Fernsehshow «The Apprentice», die Donald Trump erst so richtig reich und berühmt gemacht hat, gab es ein ganz besonderes Zimmer. Dunkles Holz an den Wänden, schummriges Licht, Ledersessel, ein schwerer Tisch in der Mitte. Auf der einen Seite nahm der Boss (Trump) Platz. Seine Lehrkinder (auf englisch: «Apprentices») versammelte er auf der andere Seite – um sie regelmässig und nach allen Regeln der Kunst runterzumachen. Danach warf er einen raus. «You’re fired!» – Trumps berühmtester Spruch entstammt dem berüchtigten «boardroom», den man auf deutsch wohl am besten mit «Vorstandszimmer» übersetzt.

Das Weisse Haus in Washington, aktueller Schauplatz von Trumps medienwirksamer Polit-Show, die ihn noch berühmter und – mit Blick auf die geplante Steuerreform – möglicherweise auch noch viel reicher macht, hat auch einen besonderen Raum. In ihm versammeln sich die Kabinettsmitglieder. Daher sein Name: «Cabinet Room». In der Ära Trump hat dieser Raum, den nur ein kleines Nebenzimmer vom Präsidentenbüro «Oval Office» trennt, einmal für besondere Schlagzeilen gesorgt. Nämlich als ein Minister nach dem anderen in nordkoreanischer Gehorsamkeit dem Präsidenten huldigte und Treue und Loyalität schwor. Trump feuerte keinen an diesem Tag.

In den Kabinettsraum bat der Präsident die Hauptstadtjournalisten am vergangenen Montag. Nur schien er das Setting und die Show zu verwechseln: «Wir sehen uns im board-room», sagte er. Ein harmloser Versprecher? In der richtigen Stimmung schien der Präsident jedenfalls gewesen zu sein: Nur Stunden zuvor hatte er Anthony Scaramucci gefeuert.

Abgang: «The Mooch»

Scaramucci, der seit seinen Zeiten als Finanzjongleur an der New Yorker Wall Street «The Mooch» gerufen wird, wurde erst wenige Tage vor seiner Entlassung vom Präsidenten zum Kommunikationschef ernannt und hatte seither wirklich alles getan, um Trump zu gefallen. Doch es «moochte» nicht mal zwei Wochen im Weissen Haus, dann war der Spuk schon wieder vorbei. Ein an Obszönitäten kaum noch zu überbietendes Interview mit einem Reporter des «New Yorker» soll der Grund für die Ablösung Scaramuccis gewesen sein. «Der Präsident fand Anthonys Kommentare unpassend für jemanden in dieser Position», erklärte Trumps Sprecherin.

Das überrascht, soll der Präsident doch zunächst reichlich amüsiert ob Scaramuccis Tiraden vor allem gegen den damaligen Stabschef Reince Priebus gewesen sein. So berichten es zumindest amerikanische Medien. Priebus, der in Ungnade gefallene Republikaner aus dem Establishment, war Trump schon länger ein Dorn im Auge. Als Stabschef brachte er zu wenig Ordnung ins Haus. Scaramucci hatte geholfen, Priebus mit Anschuldigungen und Beleidigungen aus dem Amt zu drängen. Danach musste er selbst seinen Schreibtisch räumen.
Der springende Punkt bei der Ausbootung Scaramuccis ist, dass Trump offensichtlich nicht selber den Entschluss fasste, seinen vulgären, aber loyalen Kommunikationschef loszuwerden. Die treibende Kraft hinter dem Entscheid soll Trumps neuer Büroleiter gewesen sein: John Kelly, ein pensionierter Marine-General, war von Trump vom Heimatschutzministerium auf die bedeutende Stelle des Stabschefs im Weissen Haus gesetzt worden. Als Nachfolger von Priebus.

Kelly sollte Zucht und Ordnung ins Weisse Haus zurückbringen. Oder zumindest so etwas wie eine gewisse Regelmässigkeit. Und der General verlor keine Zeit: An seinem ersten Arbeitstag hatte Kelly den Präsidenten überzeugt, «The Mooch» zu entlassen. Trump hat mit John Kelly jemanden eingestellt, auf den er hört (und der gleichzeitig nicht zur Familie gehört). Bemerkenswert: Er ist der dritte General in einer Schlüsselposition der Regierung, nach Verteidigungsminister James Mattis und Sicherheitsberater H. R. McMaster.

Ein General soll nun also die Personalien am Präsidentensitz regeln. Herrscht im Haus das Chaos, vertraut der Hausherr auf militärische Disziplin. Lehre Nummer eins.

Zu früh gefeuert

Hätte Trump General Kelly bereits an seiner Seite gehabt, als er völlig überstürzt den damaligen FBI-Chef James Comey rauswarf, wäre dem Präsidenten wohl einiges erspart geblieben. Diese Kündigung darf mindestens als unüberlegt gelten – war Comey doch als oberster US-Polizist mit den Ermittlungen gegen Trumps Wahlkampfteam und dessen Verbindungen nach Russland betraut. Klar, dass seine Absetzung Wellen schlagen würde. Dass Trump Comey dennoch feuerte, zeigt: Wer dem Präsidenten zu nahe kommt, ist seinen Job los. Lehre Nummer zwei.

Dies ist brisant, weil der nach Comeys Entlassung eingesetzte Sonderermittler Robert Mueller gerade schweres Geschütz auffährt: Wie das «Wall Street Journal» am Donnerstag berichtete, soll Mueller eine sogenannte Grand Jury eingesetzt haben – ein Zeichen, dass die Ermittlungen ausgeweitet wurden und gleichermassen Beleg, dass sich Mueller nicht einschüchtern lässt. Sollte ihn nun das gleiche Schicksal ereilen wie Comey, würde es wohl vielen Republikanern zu bunt und Trumps Präsidentschaft geriete in ernsthafte Schwierigkeiten. Kaum vorstellbar, dass Stabschef Kelly zu einem solchen Schritt raten würden. Nur: Ob Trump dazulernt?

Der hassgeliebte Weggefährte

Dazugelernt hat der Präsident offensichtlich in Sachen Jeff Sessions. Hatte er noch vor Tagen versucht, seinen Justizminister via Twitterbotschaften aus dem Amt zu mobben, scheint auch hier Kelly beruhigenden Einfluss auf Trump zu haben. Sessions war der erste Senator, der Trump bei seiner Kandidatur unterstützte. Er gilt zudem als wichtiges Bindeglied zur konservativen Wählerschaft. Ob des unwürdigen Mobbing-Schauspiels stellten sich einige republikanische Senatoren demonstrativ hinter Sessions und auch das rechte Newsportal Breitbart schlug sich auf die Seite des Justizministers. Und siehe da – was vor wenigen Tagen kaum jemand für möglich hielt, scheint einzutreten: General Kelly liess verlauten, Sessions Job sei sicher. Hieraus lassen sich zwei weitere Lehren ziehen: Es gibt tatsächlich einen Knopf, der Trump abkühlen lässt, und Kelly scheint diesen gefunden zu haben. Dennoch zeigt das Beispiel Sessions, dass (ausser der Familie) wirklich niemand sicher ist in Trumps Umfeld.

Wer folgt als nächstes?

Wer der (oder die) Nächste ist, lässt sich daher auch schwer prognostizieren. Das eng mit Chefstratege Steve Bannon verbundene Portal Breitbart hat sich jedenfalls bereits ein Opfer ausgesucht: Sicherheitsberater H. R. McMaster, der derzeit reihenweise Bannon-Vertraute aus dem Nationalen Sicherheitsrat entfernt. Es überzog McMaster zuletzt mit Angriffen.

Trumps Zorn hat McMaster noch nicht auf sich gezogen. Doch sicher sein kann er sich nicht. Denn Loyalität, das ist Lehre Nummer fünf, gibt es bei Trump nur in einer Richtung.
Fortsetzung folgt?

In seinem Buch «The Art of the Deal» brachte Trump vor Jahrzehnten den Amerikanern die «Kunst des Geschäftens» bei. Es verkaufte sich bis heute über eine Million mal. Eine Fortsetzung über die «Kunst des Rauswerfens» läge irgendwie auf der Hand. Zumal der Präsident die Schlagzahl hochhält: Pro Staffel «The Apprentice» feuerte Trump durchschnittlich 15 Leute. Freigestellte Spitzenbeamte im Weissen Haus in seinen ersten sechs Monaten: sieben.