Die Kuomintang begründete das moderne China, jetzt ist die Partei vom Untergang bedroht

Einst schuf die Kuomintang die Grundlage für das moderne China. Bei der Wahl am Samstag in Taiwan droht ihr eine empfindliche Niederlage.

Felix Lee aus Taipeh
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Rot und Blau – das sind die Farben, die an diesem Abend den Platz in Taipeh dominieren. Zu Hunderten sind sie gekommen, Anhänger der oppositionellen Kuomintang (KMT), die Nationalchinesische Volkspartei, Taiwans Konservative. Sie tragen rote T-Shirts und blaue Westen. Und fast alle schwenken sie rot-blaue Fahnen mit der weissen Sonne drauf, der Fahne der KMT. Sie ist zugleich die Nationalflagge der Republik China, wie sich die Inselrepublik Taiwan offiziell bezeichnet.

Als ihr Spitzenkandidat die Bühne betritt, bricht Jubel aus. «Han Kuo-yu, Dong suan», rufen seine Anhänger im Chor. Wählt Han Kuo-yu. Als er in ­seiner Rede auf die Proteste in Hongkong eingeht, ebbt die ­Begeisterung aber ab. «Heute Hongkong, morgen Taiwan», das sei doch Unsinn, sagt er. «Meine Haltung ist klar: Ich unterstütze das Streben der Hongkonger nach Demokratie. Ich hoffe aber, dass Hongkong rasch wieder zur Ruhe kommt.» Das kommt nicht gut an.

Die Flagge des Landes ist auch die Flagge der Partei: Kuomintang-Unterstützer im Wahlkampf.

Die Flagge des Landes ist auch die Flagge der Partei: Kuomintang-Unterstützer im Wahlkampf.

Bild: Ng Han Guan/AP (Taipeh, 9. Januar 2020)

Einst das chinesische Kaiserreich beendet

Am Samstag wählen die Taiwaner ihren Präsidenten. Das Rennen scheint jedoch bereits gelaufen zu sein. Die amtierende Präsidentin Tsai Ing-wen und ihre demokratische Fortschrittspartei (DPP) liegt in jüngsten Umfragen mit fast 30 Prozentpunkten deutlich vor ihrem Herausforderer Han Kuo-yu. Die DPP weiss rund 50 Prozent der Befragten hinter sich, die KMT 20.

Ein wesentlicher Grund dürften die seit mehr als einem halben Jahr anhaltenden Demokratieproteste in Hongkong sein. «Die DPP lehne ich ab», sagt etwa die 63-jährige Wei Hsiu, bekennende KMT-Anhängerin. Und doch teile sie die Angst, dass es Taiwan ähnlich ergehen könne wie Hongkong: Eine Annexion durch die Volksrepublik. Vom Auftritt ihres Spitzenkandidaten Han ist sie daher nicht überzeugt. Er sollte sich nicht ganz so «China-freundlich» geben, sagt sie.

Die Wahlniederlage wäre Ausdruck des Niedergangs einer traditionsreichen Partei, die wie kaum eine andere das 20. Jahrhundert geprägt hat. Selbst die Kommunistische Partei auf dem chinesischen Festland hat ihre Wurzeln in der KMT. Es war die KMT unter ihrem damaligen Parteivorsitzenden Sun Yat-sen, der 1912 das mehr als zweitausendjährige chinesische Kaiserreich beendete und die Republik ausrief. 1927 errang die KMT die Herrschaft über ganz China. Zu dieser Zeit hatte sich aber der kommunistische Flügel bereits von der Mutterpartei abgespalten. Die KMT bekämpfte die Abtrünnigen mit Gewalt. Nach dem verlorenen Bürgerkrieg 1949 gegen die Kommunisten Maos flüchtete die KMT mit rund zwei Millionen ihrer Anhänger nach Taiwan, wo sie die Republik China seitdem formell fortführt.

De facto wird Taiwan seitdem eigenständig regiert. Es gibt eine demokratisch gewählte Regierung, eine eigene Währung und ein eigenes Militär. ­Peking erhebt immer noch Anspruch auf Taiwan. Notfalls, so hat Chinas Staatschef Xi Jinping mehrfach gedroht, auch mit militärischer Gewalt.

China-Frage spaltet die Generationen

Die Führung in Peking setzt alles daran, Taiwan international zu isolieren. Nur noch 15 Staaten erkennen die Inselrepublik als unabhängigen Staat an. Wirtschaftlich blüht Taiwan aber – auch dank der Volksrepublik. 40 Prozent des Aussenhandels Taiwans laufen mit China. Die Insel gehört zu einem der wohlhabendsten Länder Asiens.

Grundsätzlich sprechen sich beide grosse Parteien auf Taiwan für den Status quo aus. Ihre Positionen unterscheiden sich trotzdem erheblich. Ausgerechnet die KMT, die im Bürgerkrieg von den Kommunisten besiegt wurde, will die Beziehungen zur Volksrepublik ausbauen. Die regierende DPP hingegen hat ihre Wurzeln in der Unabhängigkeitsbewegung und will bewusst auf Distanz zum Festland gehen – auch wirtschaftlich. Seit vier Jahren stellt sie die Regierung. In dieser Zeit hat sich das Verhältnis zwischen China und Taiwan drastisch verschlechtert. Mit Militärmanövern in der Taiwanstrasse demonstriert die Führung Peking ihre Macht.

«Für ein kleines Land wie uns wäre es Selbstmord, sich von China abzuwenden», warnt Alexander Huang, der für die KMT stellvertretender Minister war und heute einen Thinktank zu ­Sicherheitsfragen leitet. Um den Frieden zu bewahren, müsse man einen Umgang mit Peking finden. Huang, Jahrgang 1959, sagt von sich, er gehöre zur «Generation der friedlichen Koexistenz». Die China-Frage ist tatsächlich eine Generationenfrage geworden. Ältere betrachten sich als Chinesen und setzen auf Wandel durch Handel. Die Jüngeren hingegen sehen sich als Taiwaner, sind stolz auf ihre Demokratie und wollen mit der autoritären Volksrepublik nichts zu tun haben. «Die Älteren unterstützen die KMT, die Jüngeren die DPP», sagt Huang. Das sei keine gute Entwicklung.

Doch auch die KMT selbst ist in der China-Frage zerrissen. Als Präsidentschaftskandidat Han Kuo-yu vor einem Jahr die Bürgermeisterwahl in Kaoshiung gewann, gehörte zu einer seiner ersten Amtshandlungen ein Treffen mit KP-Kadern aus der Volksrepublik. Das nahmen ihm viele Parteifreunde übel. Seinen Wahlkampf unterstützen sie nur noch halbherzig.