Die Lage im Sudan eskaliert: Armee begeht Massaker an Demonstranten

Mindestens 13 Tote und Hunderte Verletzte: Die Armee geht brutal gegen eine Protestbewegung vor. Die Vertreter derselben haben die Bevölkerung zu einem Generalstreik aufgerufen.

Martin Gehlen
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Demonstranten verbrennen aus Protest Reifen. (Bild: Getty (Khartum, 3. Juni 2019))

Demonstranten verbrennen aus Protest Reifen. (Bild: Getty (Khartum, 3. Juni 2019))

Die sudanesische Armee hat am Montag in der Hauptstadt Khartum ein Massaker an Demonstranten angerichtet. Nach ersten Angaben des nationalen Ärzteverbandes starben mindestens 13 Menschen in dem Kugelhagel und wurden Hunderte verletzt, als Spezialeinheiten das zentrale Protestlager der Demonstranten nahe dem Hauptquartier der Streitkräfte mit Gewalt räumten. Rauchwolken standen über der Stadt, in den Wohnvierteln waren stundenlang Schüsse zu hören.

Videos zeigten brennende Zelte und Aktivisten, die in Panik nach Deckung suchten. «Die Soldaten schossen wahllos um sich, und alle Leute rannten um ihr Leben», berichtete ein Augenzeuge dem Sender Al Jazeera. Die Menschen seien extrem aufgebracht und wütend. Sie wüssten nicht, was sie nun machen sollen. Im Laufe des Tages postierte die Armeeführung in der gesamten Stadt und an allen Ausfallstrassen Pritschenwagen mit Maschinengewehren.

Im Gegenzug setzten die Repräsentanten der Protestbewegung alle Gespräche mit dem Militärischen Übergangsrat über die Zusammensetzung einer Übergangsregierung aus. Sie riefen die Bevölkerung zu einem Generalstreik und zu zivilem Ungehorsam auf. An die internationale Gemeinschaft appellierten sie, «diesen Putsch nicht anzuerkennen». Die sudanesische Volksbewegung fordert nach dem erzwungenen Rücktritt von Langzeit-Diktator Omar al-Baschir, der den Sudan dreissig Jahre lang beherrscht, jetzt auch den Rückzug des Militärs aus der Politik, das unter dem alten Regime enorme Privilegien genoss.

Die amerikanische Botschaft in Khartum bezeichnete das Vorgehen der Armee als «falsch» und forderte, die Gewalt müsse sofort beendet werden. Die diplomatische Vertretung kündigte an, die Vereinigten Staaten würden die Militärführung zur Verantwortung ziehen. «Wir sind sehr beunruhigt», erklärte ein Sprecher des Aussenministeriums in Berlin. Diese Gewalt sei nicht zu rechtfertigen und müsse sofort aufhören. Die gewaltsame Räumung des Protestgeländes gefährde in erheblichem Masse den Prozess der Übergabe der Regierungsgewalt an eine zivil geführte Regierung.

Der britische Botschafter in Khartum berichtete, von seiner Residenz aus sei schweres Gewehrfeuer zu hören. «Für diese Angriffe gibt es keine Entschuldigung», twitterte der Diplomat. Der britische Aussenminister Jeremy Hunt nannte das Vorgehen der Armee «empörend». Westliche Journalisten wurden derweil von Sicherheitsleuten in Zivil daran gehindert, ihre Hotels zu verlassen, oder die Lage auf den Strassen auch nur von den Zimmerbalkonen herunter zu beobachten.

Berüchtigt wegen der Brutalität

In erster Linie verantwortlich für das Vorgehen gegen die Bevölkerung sind offenbar die paramilitärischen «Schnellen Einsatzkräfte», die wegen ihrer Brutalität und ihrer systematischen Menschenrechtsverletzungen berüchtigt sind. Sie stehen unter dem Kommando von Mohamed Hamdan Dagalo, der in der Bevölkerung nur Hemedti heisst. Der 45-Jährige ist Vizevorsitzender des Militärischen Übergangsrates. Im Bürgerkrieg in der Provinz Darfur, der 200000 Menschen das Leben kostete, war er Kommandeur der arabischen Janjaweed-Milizen, die damals mit unbeschreiblicher Brutalität unter der örtlichen Zivilbevölkerung wüteten.