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Die Normandie feiert 75 Jahre D-Day

75 Jahre nach der alliierten Landung in der Normandie treffen sich die einstigen Freunde und Feinde des Zweiten Weltkriegs, um die letzten Überlebenden zu ehren.
Stefan Brändle, Caen
Das Kaffeehaus Gondree bei der Pegasus-Brücke in Benouville. Bild: Artur Widak/AFP (3. Juni 2019)

Das Kaffeehaus Gondree bei der Pegasus-Brücke in Benouville.
Bild: Artur Widak/AFP (3. Juni 2019)

Léon Gautier hat einen guten Freund verloren. Der ehemalige Marinefüsilier hatte sich vor 75 Jahren freiwillig in das kleine französische Kommando gemeldet, das sich am 6. Juni 1944 an der alliierten Landungsoperation Overlord am Ärmelkanal beteiligte. Zusammen mit 156000 amerikanischen, britischen, kanadischen und polnischen Soldaten half er an jenem «D-Day» mit, Europa vom Nazi-Joch zu befreien.

Gautier sagt von sich, er sei «kein Held». An der Küste der Normandie war er als Zweiter von dem Transportkahn ins Wasser gesprungen, um im deutschen Geschützfeuer den Strand zu entern. Er hatte sein Leben riskiert, um die Deutschen aus Frankreich zu vertreiben – doch nach dem Krieg wurde ein Deutscher zu seinem besten Freund.

Es war überdies ein Fallschirmjäger der Wehrmacht, der gegen die alliierte Invasion gekämpft hatte. Johannes Börner, wie er hiess, blieb nach dem Krieg in Ouistreham und eröffnete unweit der Landungsstrände ein Restaurant. Später trat er mit Gautier öfters zusammen auf, um Schulklassen oder Kriegstouristen von jener Zeit zu erzählen – jeder von seiner militärischen Warte aus, aber beide vereint in ihrem Wunsch des «Nie-wieder».

Deutsche und Russen feiern mit

Johannes Börner ist letztes Jahr im Alter von 92 Jahren verstorben. Sein Freund Gautier, 96, will am Donnerstag ein letztes Mal an den 75-Jahr-Zeremonien der Operation Overlord teilnehmen. «Damit wir nicht vergessen, was damals war», nuschelt der alte Mann. «Als ich später die schrecklichen Bilder der Konzentrationslager sah, wusste ich, dass ich gut daran getan hatte zu kämpfen.» Neben Gautier leben nur noch zwei Franzosen, die am D-Day ihr Land zurückerobert hatten. «Es wird der letzte runde Gedenktag mit Überlebenden des D-Day sein», schätzt Stéphan Grimaldi, Leiter des Memorials von Caen, wo sich am Donnerstag ein Dutzend Staats- und Regierungschefs treffen werden.

Es stimmt, in der wichtigsten D-Day-Gedenkstätte sind heute kaum mehr Veteranen anzutreffen. Eher ihre Urenkel. Zahlreiche Schulklassen absolvieren den packenden Geschichtsparcours. Er beginnt nicht etwa am wolkenverhangenen Morgen des 6. Juni 1944 – sondern mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem verhängnisvollen Versailler Vertrag. Er verhehlt nicht den Horror des Holocaust, nicht die Kollaboration von Vichy-Frankreich mit Hitler. Und auch nicht die in Frankreich lange tabuisierte Zerstörung Caens durch die alliierten Bomben, die in der Normandie 20 000 Zivilisten das Leben gekostet hatten. Der Gang durch das 20. Jahrhundert deckt auch nicht nur den Zweiten Weltkrieg ab: Er reicht bis in den Kalten Krieg und den Mauerfall, welcher, wie ein ergänzender Dokumentarfilm besagt, die Teilung Europas beendet habe. Und vielleicht auch die Ächtung Deutschlands. Vor dem Memorial prangt neben den blau-weiss-roten Fahnen der Alliierten auch die schwarz-rot-gelbe Flagge. Das sei «heute selbstverständlich», meint Grimaldi.

Deutschland hat erstmals 2004 an den 60-Jahr-Feierlichkeiten des D-Day in der Normandie teilgenommen. Gerhard Schröder, der den Krieg nicht selber erlebt hatte, erklärte, die Landung der Alliierten sei «kein Sieg über Deutschland, sondern für Deutschland» gewesen. Die Russen sind seit dem Ende des Kalten Kriegs ebenfalls in die Normandie eingeladen. Wegen der Krim-Annexion wurde Wladimir Putin 2014 von den Westmächten gemieden, wenn nicht geschnitten. Wird das auch an diesem Donnerstag so sein? «Das wäre ein Fehler», meint Grimaldi. «Die Russen haben zwar nicht an der Operation Overlord teilgenommen, aber sie haben die entscheidende Ostfront gehalten und einen Blutzoll von fast 20 Millionen Opfern erbracht!»

Donald Trump zu meiden, weil er die westliche Allianz fast täglich brüskiert, wäre hingegen undenkbar: Anders als der diskrete französische Ex-Soldat Gautier beansprucht der US-Präsident den Heldenstatus für seine Nation. Sein Memorial fühlt sich natürlich, wie ganz Frankreich, weiterhin den amerikanischen Befreiern verpflichtet. Aber Caen empfängt Trump auch mit einer subtilen Botschaft. Zum 75. Gedenktag des D-Day organisiert Grimaldi eine Ausstellung über die «vier Freiheiten», mit denen US-Präsident Franklin D. Roosevelt Anfang 1941 für Abrüstung und Völkerverständigung plädiert hatte. Der Kerninhalt dieser berühmten Radioansprache führte später zur UNO-Charta und der Idee des Multilateralismus. Trump, kein Freund solcher Ideen, hat laut Grimaldi «leider keine Zeit», die Ausstellung mit Werken des Illustrators Norman Rockwell (1894–1978) zu besuchen. Einzelne Bilder prangern auch die Rassensegregation in den US-Südstaaten an. Das imposante Memorial von Caen, das mit den waffenstarrenden Lokalmuseen an der Normandie-Küste kontrastiert, ist nicht auf Trumps Visite angewiesen: Es zieht täglich tausend andere Besucher an, und das, obwohl die direktbetroffenen Veteranen aus den USA, Grossbritannien, Kanada, Polen oder Deutschland mehr und mehr aussterben.

Betonblöcke liegen noch heute da

In der ganzen Gegend weicht der Schlachtentourismus einer breiter gefächerten Präsentation für historisch Interessierte. Vier Millionen Reisende besuchen jedes Jahr die D-Day-Schauplätze Normandie – die hart umkämpfte Pegasus-Brücke etwa, die Kirche Sainte-Mère-Eglise, wo ein amerikanischer Fallschirmspringer am Kirchturm hängen blieb, oder die Kreidefelsen der Pointe du Hoc, dessen Erklimmung viele US-Rangers mit dem Leben bezahlten. Beim improvisierten Landungshafen von Arromanches liegen noch heute riesige Betonblöcke im Sand und im Wasser. Die Badenden sind nicht allzu zahlreich – als wirke noch der Respekt vor den Tausenden von Soldaten, die in der ersten Angriffswelle ihr Leben gelassen hatten. Das regionale Tourismusbüro überlegt sich seit Jahren, ob es die unansehnlichen D-Day-Relikte vom Strand entfernen sollte. Doch die Zeit ist noch nicht reif dafür. Jedenfalls nicht, solange das Souvenir-Geschäft blüht.

Unter die Militaria mischen sich ab und zu Strandutensilien. Auch an den Promenaden herrscht ein kurioses Gemisch aus düsterer Schwarzweiss-Erinnerung und emsiger Vorbereitung auf die Sommerferien. Krieg und Frieden eben. Genauer: Krieg gestern, Frieden heute. Auf dass es immer so bleibe.

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