USA
Die letzte Ruhestätte eines Terroristen liegt im Bundesstaat Virginia

Vor zwei Jahren wurde der mutmassliche Attentäter des Boston Marathons, Tamerlan Zarnajew, auf einem muslimischen Friedhof in Virginia begraben.

Renzo Ruf, Doswell (Virginia)
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Der Eingang zum al-Barzakh-Friedhof, wo Tamerlan Zarnajew, der Drahtzieher des Attentats auf den Boston-Marathon im Jahr 2013, begraben ist. Renzo Ruf

Der Eingang zum al-Barzakh-Friedhof, wo Tamerlan Zarnajew, der Drahtzieher des Attentats auf den Boston-Marathon im Jahr 2013, begraben ist. Renzo Ruf

Renzo Ruf

Nichts, aber auch gar nichts, deutet an der Sadie Lane im Verwaltungsbezirk Caroline County darauf hin, dass hier ein kaltblütiger Terrorist begraben liegt. Und doch, zwischen ärmlichen Häusern und Unterholz, das mit Abfall übersät ist, befindet sich der Eingang zum al-Barzakh-Friedhof – seit rund zwei Jahren die letzte Ruhestätte von Tamerlan Zarnajew, dem mutmasslichen Drahtzieher des Anschlages auf den Marathon in Boston im Frühling 2013.

Tamerlan Zarnajew.

Tamerlan Zarnajew.

Keystone

Dass Zarnajew ausgerechnet an einer schmalen Landstrasse in Doswell (Virginia) begraben liegt, ist eine komplizierte Geschichte, die Einblick in das nicht immer einfache Zusammenleben zwischen christlichen und muslimischen Amerikanern gibt.

Der al-Barzakh-Friedhof wurde vor mehr als einem Jahrzehnt ins Leben gerufen, durch die muslimische Gemeinde in Richmond, der Hauptstadt des Bundesstaates Virginia. Das Land stellte ein gläubiger Afroamerikaner zur Verfügung, der in Doswell wohnt, einem Nest an der Autobahn I-95.

Der Prozess gegen Dschochar Zarnajew könnte bis im Juni dauern

Zwei Monate dauerte das harzige Prozedere: Doch nun scheint Bundesrichter George O’Toole genügend Geschworene gefunden zu haben, um die zweite Runde im Prozess gegen Dschochar Zarnajew (21) einzuläuten. Morgen Mittwoch soll das aufwendige Verfahren gegen den mutmasslichen Bombenleger, das bis im Juni dauern könnte, in Boston mit den Eröffnungsplädoyers beider Seiten beginnen. Die Suche nach neutralen Geschworenen dauerte so lange, weil sich die meisten der 1373 aufgebotenen Bürgerinnen und Bürger bereits eine Meinung über die Schuld von Zarnajew gebildet haben. Sie zeigten sich im Zwiegespräch mit Richter O’Toole überzeugt davon, dass Dschochar zusammen mit seinem älteren Bruder Tamerlan den Anschlag auf den Marathon in Boston im Frühjahr 2013 verübt hatte. Die Verteidigung plädierte deshalb darauf, den Prozess zu verlagern. Sie biss aber auf Granit: Zuletzt wies am Freitag ein Berufungsgericht den entsprechenden Antrag ab. Zarnajew, dem die Todesstrafe droht, werde in Boston in den Genuss eines fairen Prozesses kommen, versicherte das Gericht. (rr)

Zarnajews Grab ist anonym

Heute sind auf dem minimalistischen Begräbnisfeld, das durch einen einfachen Bretterzaun vor neugierigen Blicken abgeschirmt ist, 60 Menschen begraben. Simple Tafeln geben Auskunft über den Namen und den Todestag der Hingeschiedenen. Einige Gräber, darunter dasjenige von Tamerlan Zarnajew, sind anonym.

Die Leiche des 26-jährigen Attentäters wurde im Mai 2013 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Doswell transportiert. Zuvor hatte ein Begräbnisinstitut in Massachusetts eine Woche lang nach einer letzten Ruhestätte für Tamerlan Zarnajew gesucht, der mit seinem jüngeren Bruder Dschochar vier Menschen getötet und die Metropole Boston in Angst und Schrecken versetzt hatte. Vergeblich. Keiner der kontaktierten Friedhöfe in Massachusetts, Connecticut oder New Jersey wollte die Leiche des Mannes. Und der Direktor des Begräbnisinstitutes stand unter Polizeischutz, weil sich vor seinem Unternehmen wütende Demonstranten versammelten.

Bomben am Boston-Marathon
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Dort, wo die Bombe ein paar Stunden zuvor noch lag, ist nun eine schwarzes Loch.
Die Reste des Kochtopfs, den das FBI als Sprengsatz identifiziert hat.
Die Reste des Kochtopfs, den das FBI als Sprengsatz identifiziert hat.

Bomben am Boston-Marathon

Screenshot 7News

Dann meldete sich eine Frau aus Richmond bei dem Begräbnisinstitut, aufgeschreckt durch die verfahrene Situation, die «Amerika von der schlimmsten Seite» zeige. Martha Mullen, eine damals 48-jährige Christin, kontaktierte die Organisation Islamic Funeral Services of Virginia, die den al-Barzakh-Friedhof betreibt, und arrangierte eine Grabstätte für den älteren Zarnajew. «Jesus hat uns gesagt: Liebt eure Feinde», sagte sie zur Begründung ihrer Aktion.

Als die Behörden des Verwaltungsbezirks Caroline County davon erfuhren, war die Leiche des russischstämmigen Attentäters bereits unter der Erde. Ein Aufschrei der Empörung ging durch den ländlichen Bezirk, in dem knapp 30 000 Menschen leben. Heisssporne behaupteten gar, nun werde Doswell zu einem Wallfahrtsort für islamistische Extremisten. Eine ähnliche Debatte spielte sich kürzlich in Frankreich ab, als eine Kontroverse um die Leiche der beiden «Charlie Hebdo»-Attentäter entbrannte.

«Kein ernsthafter Zwischenfall»

Zwei Jahre später zeigt sich: Die ganze Aufregung war umsonst. «Wir hatten keinen ernsthaften Zwischenfall im Zusammenhang mit dem al-Barzakh-Friedhof, sagt C. Scott Moser, die Nummer zwei der Polizei von Caroline County. Zwar erhalte das Büro des Sheriffs «vereinzelte Anrufe» besorgter Anwohner, aber die erwähnten Probleme würden jeweils rasch beigelegt. Polizist Moser räumt deshalb ein, dass der Wirbel um Tamerlan Zarnajew wohl vor allem auf «falschen Wahrnehmungen» beruht habe. Mehreren Lokalpolitikern ist die Angelegenheit allerdings immer noch zu heikel. Sie lehnten es ab, auf Anfrage Stellung zur letzten Ruhestätte des Terroristen aus Boston zu geben.

Auch die Betreiberin des Friedhofs scheint kein Interesse daran zu haben, auf die Ereignisse des Frühjahres 2013 zurückzukommen. Nashid Ali, Kassenwärter der gemeinnützigen Organisation, sagt am Telefon bloss: «Es ist alles gesagt.» Immerhin: Ganz spurlos ist der Rummel um Zarnajew am al-Barzakh- Friedhof nicht vorbeigegangen. Am Eingang stellt ein Eisentor sicher, dass sich kein unbefugter Besucher auf dem Gelände verirrt. Und bei den Grabfeldern ist eine Tafel angebracht, die darauf aufmerksam macht, dass «Statuen, Sitzbänke, Blumen, Grabsteine, Mausoleen oder andere Kunstbauten» ausdrücklich verboten seien.