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Die letzten Minuten von Ukraine Airlines Flug PS752 – was wir zum möglichen Abschuss des Flugzeugs wissen

Mitten im sich zuspitzenden Iran-Konflikt stürzte in der Nacht auf Mittwoch eine Maschine der ukrainischen Staats-Airline ab. 176 Menschen starben dabei. Wir haben die letzten Minuten rekonstruiert und beantworten die wichtigsten Fragen zum Absturz.

Kevin Capellini
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Das Wichtigste in Kürze

In Teheran ist am Mittwoch eine Boeing 737-800 der Ukraine International Airlines (MAU) kurze Zeit nach dem Start vom internationalen Flughafen Teheran abgestürzt. Dabei kamen alle 176 Menschen an Bord ums Leben. An Bord befanden sich 82 Iraner, 63 Kanadier, 11 Ukrainer, zehn Schweden, drei Briten und vier Afghanen.

Unklar war die Ursache des Absturzes, der sich mitten in der sich zuspitzenden Iran-Krise ereignet hatte. Iranische Unfall-Experten gaben kurz nach der Katastrophe an, der Unfall sei auf ein Triebwerkproblem zurückzuführen. Videos, welche die «New York Times» veröffentlichten und Geheimdienstinformationen aus Kanada, Grossbritannien und den USA weisen jedoch deutlich daraufhin, dass das Flugzeug mit grosser Wahrscheinlichkeit abgeschossen worden sein könnte.

Die iranische Regierung hat nun internationale Flugunfall-Untersuchungsbehörden zur Aufklärung der Unglücks nach Teheran eingeladen. Und nachträglich auch die US-amerikanische eingeladen.

Die letzten Minuten von PS752

Die abgestürzte Boeing 737-800 UR-PSR der Ukraine International Airlines am internationalen Flughafen von Kiew. Archivbild.

Die abgestürzte Boeing 737-800 UR-PSR der Ukraine International Airlines am internationalen Flughafen von Kiew. Archivbild.

Bild: Oleg Belyakov

Am Mittwoch, 8. Januar um kurz nach sechs Uhr Ortszeit startete mit einiger Verspätung eine Boeing 737-800 der Ukraine International Airlines mit der Kennung PS752 vom internationalen Imam-Chomeini Flughafen in Teheran. An Bord befanden sich 176 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Die geplante Flugzeit sollte gemäss Flugplan drei Stunden und 42 Minuten Betragen.

Durch Geo-Tracking des Transponders waren die Flugbewegungen, wie bei jedem zivilen Flugzeug üblich, durch die Flugsicherung überprüfbar. Die Flugbewegungen von PS752 waren normal. Die Maschine stieg auf korrektem Kurs und einer Geschwindigkeit von knapp 500 km/h auf 2400 Meter Höhe.

Dort, nach knapp sechs Minuten Flugzeit, verschwand das Transponder-Signal des Flugzeugs vom Radar. Die Maschine erklärte weder Luftnotlage, noch kamen Hinweise oder eine Warnung aus dem Cockpit, die über Funk zu hören gewesen wären. Kurz darauf verbreitete ein BBC-Teheran-Korrespondent Bilder von einem brennenden Flugzeug, das eine scharfe Rechtskurve vollzog und schnell an Höhe verlor. Einige Sekunden später schlug die Maschine auf den Boden auf und explodierte in einem gigantischen Feuerball.

Was nach dem Absturz passierte

Nach dem Absturz gaben iranische Behörden schnell bekannt, dass das Flugzeug wegen eines Problems mit dem Triebwerk abgestürzt sei. Dieser Theorie widersprach jedoch, dass die Piloten keinen Notruf abgesetzt hatten.

Auch verweigerten iranische Untersuchungsbehörden anderen Staaten zunächst die Einreise in das Land, um bei der Untersuchung zu helfen. Die Flugdatenschreiber wurden zwar gefunden, seien aber schwer beschädigt – sensible Informationen seien dabei vernichtet worden, teilte die iranische Regierung mit.

Die iranische und die ukrainische Regierung vereinbarten daraufhin, dass Spezialisten aus Kiew zur Absturzstelle fliegen sollten, um dort bei der Suche und der Identifizierung der Passagiere zu helfen. «Sie werden auch hinzugezogen, um die Leichen der Ukrainer in die Heimat zu überführen», sagte der ukrainische Regierungschef Volodymyr Zelenskiy.

Video und Geo-Tracking: New York Times / Bearbeitung: The Guardian

Am Donnerstagabend veröffentlichten dann die amerikanische «New York Times» und der britische «The Guardian» jedoch Videoaufnahmen aus Teheran, die belegen würden, dass die Boeing 737 «offensichtlich abgeschossen worden sei». Der Absturz der Maschine erhielt plötzlich eine viel höhere Brisanz.

Mittels Geo-Tracking hätte der Aufnahmeort des Videos überprüft werden können – er stimme mit jener Position überein, wo die ukrainische Maschine in Flammen aufgegangen ist. Auch britische, kanadische und amerikanische Geheimdienste gaben bekannt, dass sie über Informationen verfügen, die bestätigen würden, dass das Flugzeug von einer Flugzeug-Abwehr-Rakete des Typs Tor 9K331 aus russischer Produktion abgeschossen worden sein soll. Satellitenbilder würden dies bestätigen.

Dieses Raketenmodell ist bereits stark veraltet und gilt als unzuverlässig, wie Raketenexperte Markus Schiller gegenüber der deutschen Zeitung «Die Welt» erklärt:

«Bei älteren russischen Flugabwehrsystemen ist nicht immer zu erkennen, ob es sich um ein Zivilmodell oder eine Militärmaschine handelt, wodurch es zu fehlerhaften Abschüssen kommen kann.» 

Wurde das Flugzeug also definitiv abgeschossen?

Nein. Definitiv kann man dies noch nicht sagen. Iranische und westliche Informationen widersprechen sich in diesem Punkt. Während die iranische Regierung weiterhin angibt, das Flugzeug sei wegen technischer Probleme abgestürzt, glauben die Regierungen in Grossbritannien, den USA und Kanada daran, dass das Flugzeug versehentlich, durch eine nicht absichtlich gestartete Flugabwehr-Rakete, abgeschossen worden sei.

Internationale Flugunfall-Ermittler riefen dazu auf, nicht zu spekulieren. Mann müsse alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Neben einem Abschuss komme auch ein technisches Problem in Frage. Das Flugzeug sei erst am 6. Januar in Reparatur gewesen und technisch überprüft worden. Denn das CFM-56-Triebwerk, das bei der 737-800 eingebaut ist, gilt als sehr anfällig für Materialermüdung, weshalb es seit längerer Zeit in regelmässigen Abständen intensiv untersucht werden muss.

Die ukrainische Regierung rief daher zur vollen Kooperation aller Länder auf und nahm auch westliche Länder in die Pflicht. Wenn diese Geheimdienstinformationen zur Absturzursache hätten, müssten sie diese auch offenlegen, zitiert «The Guardian» den ukrainischen Regierungschef Volodymyr Zelenskiy.

Um die Unfallursache akkurat aufklären zu können, hat die iranische Regierung westliche Länder dazu eingeladen, nach Teheran zu reisen um bei der Untersuchung der Absturzursache mitzuarbeiten.

Es wäre nicht der erste Abschuss eines Passagierflugzeugs

Wenn die Maschine in Teheran tatsächlich von einer Flugabwehr-Rakete abgeschossen worden sein sollte, dann wäre dies nicht das erste Mal. In der Geschichte der internationalen Zivilluftfahrt ist es schon mehrfach vorgekommen, dass Passagierflugzeuge – versehentlich oder absichtlich – mittels Raketen abgeschossen wurden. Eine Übersicht:

  • 2014 starben fast 300 Menschen, als während des Krieges in der Ukraine ein Flugzeug der Malaysia-Airlines, Kennung MH17, mit dem in der Sowjetunion entwickelten Flugabwehrsystem 9K37 Buk abgeschossen wurde.
  • 1988 kam es im Iran schon einmal zu einem Flugzeugabschuss. Allerdings waren es dort die USA, die aus Versehen einen Airbus von Iran Air, Kennung IR655, mit zwei Boden-Luft-Raketen abschossen. Diese wurden vom US-Kriegsschiff USS Vincennes abgefeuert, welche die Passagiermaschine fälschlicherweise als Militärmaschine kategorisierte. Alle 290 Passagiere starben.
  • 1983 wurde ein Boeing-Jumbo-Jet 747-400 von Korean Airlines, Kennung KE007, durch einen sowjetischen Kampfjet abgeschossen. Der Jumbo-Jet flog wegen eines Navigationsfehlers versehentlich in gesperrten sowjetischen Luftraum. Die Maschine wurde als Bedrohung eingestuft und abgeschossen. Dabei starben 269 Menschen.
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