G20-Reportage
Die Mächtigen tagen, die Demonstranten toben – Hamburg hat sich in zwei Welten geteilt

Zwischen dem hermetisch abgeriegelten G20-Tagungsort und der Hamburger Innenstadt liegen Welten. Genau wie zwischen den Gipfelgegnern und den Mächtigen. Die Reportage aus Hamburg.

Christoph Reichmuth, Hamburg
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Massive Ausschreitungen begleiteten den Auftakt der G20 in Hamburg.

Massive Ausschreitungen begleiteten den Auftakt der G20 in Hamburg.

FILIP SINGER

Gerd Nitzsche lehnt mit seinem Fahrrad an einer Strassenlaterne unweit der polizeilich abgeriegelten Sperrzone. Dahinter erstreckt sich das Kongresszentrum, wo die Mächtigen der Welt über Flucht, Klima, Handel und Migration debattieren sollten. Die Kaiser-Wilhelm-Strasse führt genau vor Nitzsches Haus durch. Der Protest einer Gruppe von vielleicht 100 linken Aktivisten droht jetzt, kurz vor halb zwölf Uhr mittags, zu eskalieren.

G20-Gipfel in Hamburg
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Ein Polizei-Fahrzeug macht Ordnung vor dem Beginn des G20-Gipfels.
Eine kaputte Fensterscheibe - schuld sind Demonstranten.
Symbolische Geste: Ein Demonstrant reitet auf einem Delphin während einer Demonstration.
Impressionen vom G20-Gipfel Angela Merkel, Donald Trump und Theresa May
Ein Handout-Foto der deutschen Regierung zeigt Donald Trump, Wladimir Putin und Jean-Claude Juncker.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Emmanuel Macron, der neue Präsident Frankreichs, bei der Begrüssung.
Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds IWF und Angela Merkel.
Donald Trump und Emanuel Macron. Im Vordergrund: Angela Merkel.
Trump und Putin am G20-Gipfel.
Angela Merkel bei einer Ansprache zu Beginn des G20-Gipfels.
Die Regierungschefs der G20-Mitgliedsstaaten beim Gruppenfoto zur Eröffnung.

G20-Gipfel in Hamburg

RONNY WITTEK

Die Polizei fährt mit Wasserwerfern an, Beamte in Vollmontur stürmen die Strasse, vermummte Demonstranten flüchten sich in Nebenstrassen. Das Schauspiel dauert keine drei Minuten, dann ist die Demo aufgelöst. «Die Polizei geht viel zu rabiat vor», sagt der 68-Jährige, «was soll dieses Vorgehen gegen ein paar Leute, die Plakate hochhalten?» Den G20-Gipfel hält Nitzsche für wichtig: «Besser, sie unterhalten sich, als wenn sie Kriege führen.»

Hamburg gleicht am Freitag beim Auftakt zum Gipfel der G20 einer Festung. Schon die ganze Nacht hindurch heulten Sirenen, war der Nachthimmel blau beleuchtet. Am Vorabend des Gipfels kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit mehreren Verletzten. Am Freitagvormittag war der Weg zum Kongresszentrum hermetisch abgeriegelt, Helikopter kreisten über jenem Ort, wo Putin, Trump, Merkel und Co an Lösungen für die Konflikte der Gegenwart feilen sollten.

«Die G20 machen Deals»

Am Freitag forderte die Hamburger Polizei wegen der hohen Gewaltbereitschaft militanter Gipfel-Gegner Verstärkungen aus anderen Bundesländern an. Die Meinungen der Hamburger über die G20 und das Vorgehen der Polizei gehen weit auseinander. Im Zentrum der linksautonomen Hamburger Szene, in der seit Jahren besetzt gehaltenen Roten Flora im links-alternativen Schanzen-Viertel, tummeln sich am frühen Nachmittag Hunderte von Gipfel-Gegnern. Man gelangt erstaunlich leicht in das Gebäude, weit und breit ist keine Polizei zu sehen, die Hausbesetzer führen keine Kontrollen durch. Überall liegen Info-Broschüren linker NGOs auf.

Von wem die Gewalt ausgeht, darüber ist man sich in der Roten Flora einig: Kapitalismus tötet, und die Hamburger Polizei lässt es durch ihr provokatives Auftreten absichtlich zur Eskalation bei Demonstrationen kommen. Die Medien sollen das Bild von Gewalt zeichnen, damit die breite Öffentlichkeit von den wahren politischen Inhalten des Gipfels abgelenkt wird.

Gewalttätige Demonstranten zündeten in der Nacht auf den Freitag des G20-Gipfels Barrikaden im Hamburger Schanzenviertel an.
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Militante G20-Demonstranten setzen in der Hamburger Innenstadt auch ein Laser-Gerät gegen Polizisten ein.
Massive Ausschreitungen begleiteten den Auftakt der G20 in Hamburg.

Gewalttätige Demonstranten zündeten in der Nacht auf den Freitag des G20-Gipfels Barrikaden im Hamburger Schanzenviertel an.

KEYSTONE

Im westlichen Hamburger Viertel Altona, einem gutbürgerlichen Wohnquartier, ist es am Freitagmorgen zu wüsten Szenen gekommen. Vermummte haben Autos von Anwohnern in Brand gesteckt und einen Ikea angegriffen, Scheiben von Geschäften rund um den S-Bahnhof Altona sind eingeschlagen, der Boden ist übersät mit Scherben.

Vor zwei völlig ausgebrannten Fahrzeugen stehen am Nachmittag einige Anwohner etwas ratlos und schiessen Fotos, manche diskutieren miteinander. Richard Träger, 75, hat die abgefackelten Autos begutachtet. «Ein blödes Pack», nennt er die Übeltäter und zeigt mit dem Finger nach Osten, wo sich Gipfel-Gegner ein Zeltlager eingerichtet haben. «Diese Vermummten in der Roten Flora und ihre Sympathisanten, die sind ja gegen alles. Aber gleichzeitig machen sie die Hand beim Staat auf und kassieren Sozialhilfe, damit sie ihr Leben in Freiheit geniessen können.» Dabei wäre Träger dem Protest gegenüber der G20 durchaus zugetan. Er kritisiert das Agieren der «Mächtigen» in scharfen Worten, am schlimmsten findet er aber die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. «Merkel fehlt das Weltwissen und der Weitblick. Sie handelt wie eine normale Hausfrau. Eine Hausfrau mit Physikstudium.»

US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin haben sich in Hamburg zu einem Gespräch getroffen.
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G20-Gipfel für Wochenkommentar
Nach dem öffentlichen Händedruck zogen sich die beiden zu einem persönlichen Gespräch zurück. Dabei vereinbarten sie einen Waffenstillstand für einen Teil Syriens.
Putin und Trump stehen am G20-Gipfel in Hamburg im Fokus der Öffentlichkeit.
Auch US-First-Lady Melania Trump begrüsste Putin.
Trump und seine Frau besuchen im Rahmen des Gipfels auch ein Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie.
Ab geht es ins Konzert.
Angela Merkel und Donald Trump geben sich am Donnerstagabend, einen Tag vor Beginn des Gipfels, vor versammelter Presse die Hand.
Das ist nicht selbstverständlich: Mitte März verweigerte Trump der deutschen Bundeskanzlerin bei deren Besuch im Weissen Haus den Handschlag.
Merkel ist sichtlich erfreut.
Auch mit Japans Premier Shinzo Abe (rechts) und Südkoreas Präsident Moon Jae-in ist der US-Präsident bereits vor Beginn des Gipfels am Freitag zusammengetroffen.

US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin haben sich in Hamburg zu einem Gespräch getroffen.

MICHAEL KLIMENTYEV / SPUTNIK / KREMLIN POOL / POOL

«Von Entscheiden ausgegrenzt»

Im Bauch des Stadions des FC St. Pauli am Millterntor haben verschiedene linke Organisationen ein alternatives Pressezentrum eingerichtet. Hier kommen linke Aktivisten bei Pressekonferenzen zu Wort, hier debattieren Vertreter von NGOs, hier sind auch Menschen jener afrikanischer Staaten anwesend, welche es nicht auf die Liste der G20 im Kongresszentrum nebenan geschafft haben. Auch die linke Schweizer Wochenzeitung WoZ ist mit zwei Redakteuren anwesend.

Werner Rätz, Mitbegründer des linken Netzwerkes Attac Deutschland, hat auch beim Pressezentrum im Millterntor vorbeigeschaut. Der 65-Jährige ist einer der markanten Figuren des Hamburger Protests, für Samstag hat er eine Grossdemo angekündigt. Dass die G20 ausgerechnet in der linken Hochburg Hamburg tagt, das halten Rätz und viele Hamburger für eine bewusste Provokation der Behörden. Es sei wichtig, dass die G20 von lautstarkem Protest begleitet wird, sagt Rätz. Die G20 würde Spielregeln setzen, die für alle zu gelten hätten. «Sie setzen sich Regeln, obwohl die meisten Staaten in einer Konkurrenz zueinander stehen, manche sogar indirekt in Kriegen gegeneinander.» Die Vereinbarungen zu Flucht, Migration, Klima, Handel und Krieg seien «Verabredungen im Sinne der G20. Alle anderen Staaten werden von den Entscheiden ausgegrenzt», kritisiert der Aktivist.

Merkels nüchterne Bilanz

Um 19 Uhr hätte das Konzert des Philharmonischen Staatsorchesters in der prachtvollen Elbphilharmonie beginnen sollen. Nicht zuletzt auch wegen Trumps langer Unterredung mit Putin beginnt das Orchester mit Beethovens 9. mit einer halben Stunde Verspätung. Zuvor zog Gastgeberin Angela Merkel eine nüchterne Bilanz nach dem ersten Tag. Die Unterhändler haben eine Nachtschicht vor sich, damit für das heutige Abschlusspapier ein Kompromiss gefunden werden kann, mit dem sich der G20-Gipfel von Hamburg als Erfolg verkaufen lässt.

Während die Regierungs- und Staatschefs in der Hamburger Elbphilharmonie den klassischen Klängen lauschen, formiert sich vor der Roten Flora neuer Widerstand militanter Linker. Hamburg steht vor einer neuen unruhigen Nacht.

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