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Interview

Letzter Ministerpräsident der DDR: «Die Mauer hat den Frieden gesichert»

Hans Modrow erlebte als Ministerpräsident die letzten Tage der DDR-Diktatur. Er erklärt, warum er das Leben im real existierenden Sozialismus vermisst und wieso in Ostdeutschland rechte Bewegungen heute erstarken.
Pascal Ritter, Berlin
Hans Modrow, der letzte Ministerpräsident der DDR-Staatspartei SED. (Bild: Mathias Marx (Berlin, 13. März 2019))

Hans Modrow, der letzte Ministerpräsident der DDR-Staatspartei SED. (Bild: Mathias Marx (Berlin, 13. März 2019))

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) ist vor 30 Jahren verschwunden. Ihr vorletzter Ministerpräsident, Hans Modrow, ist immer noch da. In seinem Büro in der Berliner Zentrale der Partei Die Linke stehen die blauen Bände mit den Werken von Karl Marx unerschütterlich im Regal. Ein Computer fehlt. Der 91-Jährige lässt sich von einer Sekretärin die E-Mails ausdrucken.

Wo waren Sie, als am 9. November vor 30 Jahren die Mauer fiel?

Hans Modrow: Ich war an einer Beratung des Zentralkomitees der Sozialistischen Deutschen Einheitspartei, der SED, in Berlin. Wir beschlossen ein neues Reisegesetz, das die kontinuierliche Grenzöffnung beinhaltete. Pressesprecher Günter Schabowski, der später Berühmtheit erlangte, war nicht anwesend. Kurz vor der Pressekonferenz erhielt er die Pressemeldung zum neuen Gesetz und verkündete die Reisefreiheit, obwohl die Grenzposten keine entsprechenden Befehle hatten. Wir begriffen damals nicht, was wir entschieden hatten. Die Geschichte richtet sich eben selten nach den Absprachen.

Sie begriffen nicht, dass die Mauer nun offen war?

Ich hatte zunächst überhaupt keine Vorstellung, was los war. Spätabends verliess ich die Sitzung. Da begegnete ich einem jungen Mann, der mich fragte: «Wissen Sie, was da an der Grenze los ist? Die soll ja jetzt offen sein?» Ich fragte zurück, warum er denn rüber wolle, und so entstand ein Gespräch. Der Junge erklärte, dass er sich mit seinem Vater, einem Gewerkschafter, zerstritten habe. Ich riet ihm, das zu Hause auszudiskutieren. In der Wohnung angekommen, sah ich im Westfernsehen die Bilder von der Grenze. Ich unternahm dann nichts weiter, denn ich war ja zu dem Zeitpunkt als Ministerpräsident noch gar nicht im Amt.

Liberalisierer der späten DDR

Hans Modrow galt Ende der 1980er-Jahre als Hoffnungsträger. Während seiner fünfmonatigen Amtszeit als Ministerpräsident liberalisierte er die DDR und führte freie Wahlen durch. Geboren wurde Modrow im Jahr 1928. Nach einer Ausbildung zum Maschinenschlosser wurde er im Alter von 17 Jahren in Hitlers Volkssturm aufgeboten und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. In Moskau wurde er später politisch geschult. Nach der Wende war Modrow Abgeordneter im Bundestag und im ­Europaparlament. Seine Frau Annemarie Straubing verstarb 2003. Er hat zwei Töchter und lebt in Berlin.

Sie wurden kurze Zeit später Ministerpräsident der DDR. Sind Sie stolz, dass Sie den Übergang einleiteten, oder verbittert, weil mit der DDR ein Traum unterging?

Ich empfinde Erleichterung, dass meine Regierungszeit nicht mit einer Katastrophe begann. Wenn sich die Grenzposten gemäss ihren Befehlen verhalten hätten, wäre es zur Konfrontation gekommen. Wir können den Grenzschützern danken, dass sie entgegen ihrer Befehle entschieden haben, die Grenze zu öffnen.

Seit dem Mauerfall ist mehr Zeit vergangen, als die Mauer stand. Wie erklären Sie heute jungen Leuten den Wahnsinn eines geteilten Deutschlands?

Der Mauerbau war 1961 eine historische Notwendigkeit. Verantwortliche Politiker in West und Ost atmeten auf, als sie stand. Es bestand damals die Gefahr eines dritten Weltkrieges zwischen Atommächten. Die Militärbündnisse Nato und Warschauer Pakt standen sich bedrohlich gegenüber. Erst mit der Mauer wurde klar, wo die Grenze zwischen den Blöcken verlief.

Der Kalte Krieg erklärt aber nicht, warum die Leute nicht mehr in den Westen reisen durften. In Wahrheit liefen Ihnen die Leute davon.

Die DDR war am Ausbluten. In Berlin kam dazu, dass die Ostberliner nach Westberlin zur Arbeit gingen. Ich habe 1961 meine Ausbildung als Volkswirt in einem grossen Berliner Betrieb gemacht. Unsere Werkzeugmacher verschwanden nicht in die Bundesrepublik (BRD), sondern gingen nach Westberlin zum Arbeiten. Dort bekamen sie Westmark, die in der DDR bis zu achtmal so viel wert war. So entstand ein Ungleichgewicht. Die Grenze setzte dem ein Ende.

Aber die Mauer teilte Familien.

Auch meine Familie wurde geteilt. Aber als Politiker kann ich nicht auf meine persönliche Betroffenheit Rücksicht nehmen. Die Mauer förderte im damaligen Kontext den Frieden. Ich möchte damit aber nicht sagen, dass es in der Grenzpolitik keine Fehler gab. Viel früher hätte man Besuchsrechte etablieren müssen.

Was sagen Sie zu den mindestens 136 Toten, die es an der Mauer gab?

Das war das bittere Schicksal der Menschen, die zum Opfer fataler Entscheidungen wurden. West und Ost hatten immer wieder die Chance, das Zusammenleben besser zu organisieren. Aber die Gelegenheiten wurden nicht genutzt.

Was war die DDR für Sie?

Die DDR war eine antifaschistisch-demokratische Ordnung. Der Antifaschismus war für mich, der ich in der Hitlerjugend war und als 17-Jähriger in den Krieg geschickt wurde, das Wichtigste.

Und wie stand es um die Demokratie, die der sozialistische deutsche Staat ja im Namen trug?

Die SED schuf sich eine Mehrheit durch die Vertretungen der Massenorganisationen in den Parlamenten. Die Gewerkschaft und die Jugendorganisation hatten auch Abgeordnete, und weil die gleichzeitig in der Partei waren, dominierte die SED. Man mag das undemokratisch finden. Ich finde es aber genauso undemokratisch, dass man heute nur in den Bundestag kommt, wenn man Mitglied einer Partei ist.

Warum ist die DDR gescheitert?

Das aus der Sowjetunion importierte Wirtschaftssystem funktionierte in Deutschland nicht. Als Folge davon hatte die DDR im Wettbewerb mit der BRD keine Chance. Die Bürger der DDR verglichen sich nicht mit Polen oder Tschechien. Sie verglichen die DDR immer mit der BRD. Ein Fehler war auch, dass wir einen neuen Menschen schaffen wollten. Was soll das sein, ein neuer Mensch? Ich sah das schon damals kritisch. Das Scheitern der DDR hat aber auch mit Illusionen zu tun. Manche sagen mir heute, sie hätten nicht erwartet, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich tatsächlich so gross sind in der BRD. Der Kapitalismus sah von ­aussen besser aus, als er ist.

Was vermissen Sie am meisten am damaligen Sozialismus?

Den Umgang der Leute miteinander. Ich kam 1953 nach Berlin. Wir wohnten als junge Eheleute mit unserer Tochter in einem Haus in der heutigen Karl-Marx-Allee. Von der Bezirksverwaltung bekamen wir als Hausgemeinschaft Geld für das Instandhalten von Haus und Garten. Davon haben wir zweimal im Jahr alle miteinander eine Reise gemacht. Oder wenn ich vor der Arbeit zum Kindergarten ging, habe ich drei, vier andere Kinder mitgenommen. Man hat als Gesellschaft miteinander gelebt. So etwas gibt es heute nicht mehr. Die Leute begegnen sich wie Fremde.

War diese Solidarität nicht auf Menschen beschränkt, welche die offizielle Ideologie teilten?

Als ich erster Bezirkssekretär der SED in Dresden war, hatte ich Nachbarn, deren zwei Kinder in den Westen geflüchtet waren. Wenn ich Urlaub machte, gab ich ihnen den Schlüssel zu meiner Wohnung. Wenn die Nachbarn zu ihren Kindern im Westen fuhren, goss ich ihre Blumen. Es herrschte Vertrauen untereinander.

In Ostdeutschland ist heute die rechte Alternative für Deutschland (AfD) stark. Warum?

Die Phänomene AfD und Pegida haben einen sozialen Hintergrund. Diese Bewegungen griffen die Ungleichbehandlung von West und Ost auf. Die Rede vom starken Deutschland zieht bei denen, die das Gefühl haben, dass sie als Deutsche zweiter Klasse behandelt werden. Die Wahrheit ist doch: Deutschland ist noch immer zweigeteilt. Weil ich aus dem Osten bin, bekomme ich weniger Rente.

Warum gelingt es denn der Linken nicht, diese Leute zu gewinnen?

Die Linke vertritt diese Anliegen nicht konsequent genug. Wir sind einmal angetreten als Partei für die Leute im Alltag. Nun hat die Partei es sich in den Ministerien bequem gemacht. Dadurch entstanden Freiräume, die nun von den Rechten genutzt werden.

Könnte es nicht auch sein, dass Bewegungen am rechten Rand stark sind, weil die demokratische Kultur in Ostdeutschland noch nicht so weit gediehen ist?

Die Menschen im Osten haben jetzt ja ­ 30 Jahre in der BRD gelebt. Warum sollten denn die Jahre in der DDR sie mehr geprägt haben als die Zeit in der BRD? Mit dieser Demokratie stimmt doch etwas nicht, wenn es ihr in 30 Jahren nicht gelingt, die Menschen zu integrieren.

Glauben Sie noch daran, dass es einmal einen wirklich demokratischen Sozialismus geben wird?

Ich glaube und hoffe, dass die nachfolgenden Generationen einen Umgang mit der Erde und mit sich selber finden, der es ermöglicht, dass wir überhaupt noch auf dieser Erde leben können. Je knapper die Ressourcen werden, desto dringender brauchen wir ein gerechtes Verteilungssystem. Das muss nicht Sozialismus heissen. Bisher haben die Menschen immer einen Weg gefunden, darum bin ich zuversichtlich.

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