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«Die Mauer ist nicht gefallen»

Der Buchtitel wirkt eher bedächtig: «Die DDR aus Sicht schweizerischer Diplomaten». Aber der Inhalt der Neuerscheinung hat es in sich. Denn: Diplomaten arbeiten im Regelfall diskret. Jetzt aber kann die Öffentlichkeit erfahren, wie die Vertretung der Schweiz tickte, als in Ostberlin Weltgeschichte geschrieben wurde. Der deutsche Historiker Bernd Haunfelder hat eine Sammlung der Berichte veröffentlicht, die Schweizer Botschafter ab 1982 bis zum Ende der DDR nach Bern schickten.*

Die Publikation macht deutlich, wie sehr die Schweizer Vertretung unter der Leitung von Botschafter Franz Birrer in ihren Lageeinschätzungen bisweilen überfordert schien. Der Luzerner Birrer, promovierter Jurist, kam 1987 aus Äthiopien nach Ostberlin. Hier fand er eine DDR vor, die er zu jenem Zeitpunkt als deutlich liberaler erlebte als in der breiten westlichen Öffentlichkeit wahrgenommen. Entsprechend kritisierte Birrer in seinen Depeschen immer wieder die «Massenmedien» und, etwas verklausulierter, das politische Bonn.

Immer wieder ist in den Dokumenten die Rede von der kleinen DDR und der mächtigen BRD. Unweigerlich fühlt man sich an David und Goliath erinnert. Der Bundesrepublik machte er zum Vorwurf, dass sie die Bürger in der DDR rechtlich wie BRD-Deutsche behandelte und ihnen im Übersiedlungsfall Hilfe anbot. So verstieg sich Birrer sogar zur Frage, wo das denn hinführen würde, wenn die Schweiz Arbeitsmigranten aus Italien vergleichbar behandeln würde.

Gegenüber der sozialistischen Diktatur in Ostberlin hingegen signalisierte der Schweizer Verständnis. Was vor allem irritiert, ist der Mangel an Auseinandersetzung mit der Unfreiheit von Millionen Deutschen im Osten des Landes. Die fehlenden fundamentalen Menschenrechte sind kaum ein Thema. Die Stasi, deren grauenvolles Wirken für die eigenen Mitbürger in den 90er-Jahren zu eindrücklichen Dokumentationen führte, spielt in den Depeschen des letzten Schweizer Diplomaten in Ostberlin kaum eine Rolle. Jedenfalls so lange nicht, bis das Ende der DDR unausweichlich wurde.

Es brauchte die Absetzung von Erich Honecker am 18. Oktober 1989, damit in Birrers Berichten eine Änderung der Stossrichtung erkennbar wurde. So formulierte er tags darauf in seinem Bericht Kritik an Honeckers Nachfolger Krenz. Humanitäre Fragen spielten für diesen eine «untergeordnete Rolle». Auf viele Zuschauer habe sein öffentlicher Auftritt «grotesk» gewirkt.

Dass der Durchbruch an der Mauer am Abend des 9. November das Ende der DDR einläutete, das schien aus Schweizer Sicht aber noch lange nicht klar. Originalton Birrer am 17. November: «Die ‹Mauer› ist nicht, wie vielfach behauptet wurde, gefallen. Sie ist auch nicht abgebrochen worden … In Berlin … wird die weitaus schwächere DDR auf eine ausgebaute Grenze bzw. Mauer bis auf weiteres nicht verzichten können.»

Wie zögerlich der Erkenntnisgewinn aus diesen weltpolitischen Tagen wuchs, bewies aber auch Birrers oberster Vorgesetzter. Als die Mauer die Bürger in der DDR nicht mehr aufhalten konnte und in der Schweiz Journalisten bei Aussenminister René Felber nachfragten, erklärte dessen Sprecher: «Es ist unmöglich, dass Bundesrat Felber zu allen politischen Ereignissen gegenüber Journalisten Stellung nehmen kann. Schliesslich geschieht jeden Tag etwas Wichtiges.»

Thomas Bornhauser

Hinweis

* Die DDR aus Sicht schweizerischer Diplomaten. Aschendorff Verlag, 2017.

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