Die moderne Rechtsextremistin

Wer Ähnlichkeiten zwischen der blonden Anwältin und dem 83jährigen Patriarchen sucht, muss genau hinschauen. Marine Le Pen und ihren Vater Jean-Marie verbindet äusserlich nicht viel. Doch politisch folgt die jüngste Tochter dem Vater nach.

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Die moderne Rechtsextremistin

Wer Ähnlichkeiten zwischen der blonden Anwältin und dem 83jährigen Patriarchen sucht, muss genau hinschauen. Marine Le Pen und ihren Vater Jean-Marie verbindet äusserlich nicht viel. Doch politisch folgt die jüngste Tochter dem Vater nach. Im Januar 2011 übernahm die heute 43-Jährige die Führung des rechtsextremen Front National (FN). Zuvor hatte ihr Vater den FN fast 40 Jahre lang geleitet.

Seitdem tritt Marine Le Pen nicht als plumpe Rechtsextremistin auf. Sie hat dem FN einen moderneren, gemässigteren Anstrich verpasst und so konservative Wähler, die von Sarkozy enttäuscht sind, für sich gewonnen.

Gefundenes Fressen

Doch kämpft auch sie gegen Einwanderung und eine «Islamisierung» Frankreichs. Die drei Attentate des Islamisten Mohammed Merah im Raum Toulouse, bei denen dieser sieben Menschen erschossen hatte, waren für Marine Le Pen ein gefundenes Fressen, nachdem ihre Umfrageergebnisse von 20 Prozent um etwa 5 Prozentpunkte gesunken waren. Der FN machte den fundamentalistischen Islam zum Thema – und zielte dabei natürlich auch auf die grosse moslemische Gemeinde in Frankreich von etwa fünf Millionen Menschen, der viele Franzosen eher mit Unbehagen begegnen. Seit Jahren warnt die Europaabgeordnete vor einer «Islamisierung» Frankreichs. Nach den Attentaten von Toulouse kritisierte der FN auch das «Versagen» der französischen Sicherheitskräfte. Diese hatten Merah zwar auf ihrem Radar gehabt, konnten ihn aber erst nach dem dritten Attentat auf eine jüdische Schule entlarven.

Gegen «Gutmenschen»

Mit ihrer Kritik zielt Le Pen auch auf das «Gutmenschentum» der linken Parteien, die ihrer Ansicht nach blind gegenüber der Gefahr einer islamistischen Unterwanderung Frankreichs seien. Laut Umfragen profitierte allerdings vor allem Präsident Nicolas Sarkozy nach den Attentaten davon, dass die innere Sicherheit zum Wahlkampfthema wurde. Bislang hatten Wirtschaftsthemen – die hohe Arbeitslosigkeit oder der Sparkurs der Regierung mit dem anvisierten Sozialabbau – den Wahlkampf dominiert und den sozialistischen Kandidaten François Hollande zum aussichtsreichsten Anwärter auf die Präsidentschaft gemacht.

Wirtschaftsthemen sind nicht die Stärke der FN-Kandidatin, die zuletzt in den Umfragen gar hinter den Kandidaten der Linksfront Jean-Luc Mélenchon fiel. Zwar plädiert Le Pen für einen Austritt aus der Eurozone und gegen die Globalisierung und hat auch versucht, mit sozialen Themen zu punkten, aber Mélenchon lief ihr dabei den Rang ab.

Einwanderung bleibt Kernthema

Deshalb bleibt Marine Le Pen in Sozialfragen vor allem das Einwanderungsthema: Die französische Staatsbürgerschaft soll nicht mehr automatisch Geburtsrecht sein, fordert sie. Ausserdem sollen ausländische Langzeitarbeitslose das Land verlassen, auch wenn sie rechtmässig in Frankreich sind. Hier haut sie in die gleiche Kerbe wie einst ihr Vater, auch wenn sie sich nach ihrem Antritt als FN-Chefin in Stilfragen um Distanz zu ihrem Vater bemühte. So unterscheidet sie sich nach eigener Aussage deutlich in der Einordnung der NS-Zeit vom Parteigründer. Jean-Marie Le Pen hatte einst die Gaskammern in den Konzentrationslagern als «Detail» der Geschichte bezeichnet.

Marine Le Pen tritt nicht nur moderater auf als ihr Vater, sie gibt sich auch privat modern. Die Frau mit der Raucherstimme, die Abtreibung befürwortet, zieht ihre drei Kinder ohne Vater gross und lebt mit dem FN-Vordenker Louis Aliot zusammen. Ihre Gegner nehmen Le Pen den Wandel aber nicht ab. Sie trauen ihr nicht und halten sie für eine Wölfin im Schafspelz. (sda)