Überlingen
Die Nacht, als 72 Lebensschicksale in einer Sekunde zusammenstürzten

Es ist exakt 23 Uhr, 34 Minuten und 32 Sekunden, als sie alle sterben. Beim Flugunglück in Überlingen vor zehn Jahren kommen 72 Menschen ums Leben - darunter viele Kinder.

Max Dohner
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Vor zehn Jahren stürzte in Überlingen (D) ein Flugzeug ab - 72 Menschen kamen ums Leben
9 Bilder
Flugzeugabsturz in Überlingen vor zehn Jahren
Sicherheitskräfte suchen die Unglücksstelle ab
Flugzeugabsturz Überlingen
Hinterbliebene trauern am Unglücksort
Grosse Anteilnahme
Rote Rose am zerstörten Flugzeug
Gedenkstätte für die 72 Opfer des Flugzeugabsturzes
Angehörige der Opfer trauern an der sogenannten Hauptabsturzstelle

Vor zehn Jahren stürzte in Überlingen (D) ein Flugzeug ab - 72 Menschen kamen ums Leben

Keystone

Es ist der 1. Juli 2002, kurz vor Mitternacht, als sich 72 lose Lebensgeschicke dramatisch zusammenziehen. Ja, zusammenstürzen. Als sich 72 unsichtbare Schicksalsfäden am Himmel verknüpfen - und gleichzeitig durchschnitten werden. Es sind Menschen unterschiedlichen Alters, die sich persönlich nie kennen gelernt haben. Es ist exakt 23 Uhr, 34 Minuten und 32 Sekunden, als sie alle sterben (der letzte, der Unglückslotse, zwei Jahre später).

Noch heute fragen Leute, die in jener Nacht das Grauen erlebten, wie das passieren konnte. Eine Katastrophe, an die keiner glaubte, selbst als sie sich mit Donner und Feuer offenbarte. In einer Sommernacht, die lieblicher, milder gar nicht hätte sein können: plötzlich dieses Furchtbare, Unsichtbare. So viele kleine Dinge, unwägbare Gründe, die dazu geführt hatten! Man nannte Schuldige, aber selbst die erschienen wie Rädchen in einer dunklen Maschine. Wäre darin nur ein Rädchen geringfügig anders abgelaufen - nichts wäre geschehen. Und alle, wohl ahnungslos, wären noch immer am Leben.

Als einer der ersten war Brandmeister Christian Gorber (41) von der Freiwilligen Feuerwehr Überlingen am Ort der Katastrophe. Er zeigt uns die Haupteinschlagstellen der in der Luft geborstenen Maschinen und die Strassenkreuzung bei Owingen, in deren Umfeld damals zahlreiche Leichen aufschlugen. Ruhig und sachlich rekapituliert er den Einsatz. Er habe gut wieder ins gewohnte Leben zurückgefunden, sagt der Immobilienwirt. Bei der Feuerwehr ist er in vierter Gorber-Generation. Heute wie vor zehn Jahren ist er Mitglied des Krisenstabs seines Landeskreises. Seine Frau leitet die Blasmusik in Owingen. Wo wir auch hinfahren, grüssen ihn die Leute. Gorber, gläubiger Katholik, gehört hierher, verwurzelt bis tief in die Seele. Den fremden Pressebesuch empfängt er in seinem familiären Alltag. Präzise erinnert er sich an jedes noch so kleine Detail, spricht aber bald, ohne auf eine konkrete Frage zu antworten, erzählt immer mehr, dasselbe noch genauer.

Am Schluss führt uns Christian Gorber an ein Getreidefeld. Wieder steht das Getreide so hoch wie vor zehn Jahren. Wieder weht eine angenehm frische Brise. Wieder ist der Tag so schön und klar wie damals. Wie damals, als Gorber und seine Männer hier auf die Trümmer der Kabine stiessen mit den Kinderleichen.

Heute steht Gorber mit seinem kleinen Sohn an der Absturzstelle. Zehn Jahre ist das her? Keine zehn Jahre: Zum einen öffnet das in Überlingen Jahrhunderte (wir werden sehen, weswegen). Zum anderen wird, paradoxerweise gerade im Ausblick auf die schöne Landschaft, das Glück deutlich, das Überlingen im Unglück damals auch gehabt hatte. Das steht als Zusatz auf allen Denkmälern. Und überwältigt auch Gorber. Er wendet sich ab, und wir tun so, als blätterten wir in Unterlagen. Dieser Moment ist angemessen nicht zur Sprache zu bringen. Der Moment von zeitgleichem Desaster und Wunder ...

Schauen wir zurück:

Noch viereinhalb Minuten zu leben - und niemand ahnt etwas:
Um 23.30 Uhr gibt Alexander Gross seine Flughöhe durch. Gross sitzt als Pilot in einer russischen Tupolew TU154M. Sein Co-Pilot ist Murat Itkulow. Sie rasen auf rund 11 000 Meter Höhe durch die Nacht. In der Kabine sitzen 67 weitere Personen, darunter 45 Schulkinder.

Aus Zürich bestätigt ein Fluglotse die Daten: der Däne Peter Nielsen. Nielsen, Vater von zwei Kindern, sitzt allein an den Bildschirmen. Ein Kollege ist eben rausgegangen, in die Cafeteria, für eine Pause. Wegen Wartungsarbeiten ist die Telefon-Hauptleitung tot. Der Spardruck auf die Schweizer Flugsicherungs-Gesellschaft Skyguide ist zu spüren (die Flugsicherung in Zürich, rügten Fluggesellschaften seit geraumer Zeit, sei zu teuer). Nielsen hat die Tupolew auf dem Schirm. Und ein zweites Flugzeug, eine DHL-Frachtmaschine, Flug Nr. 611. Sie war vor einer knappen halben Stunde in Bergamo gestartet. In ihrem Cockpit sitzen der Engländer Paul Phillips und Co-Pilot Brent Campioni, ein Kanadier. Phillips hat allein bei DHL rund zehntausend Stunden Flugerfahrung.
Was weder Nielsen noch sein Kollege wissen konnten: Ein drittes Flugzeug ist verspätet; Nielsen muss allein auch dessen Landung in Friedrichshafen einleiten. Er sagt Phillips, er solle mit seiner DHL-Maschine auf die Flugfläche 320 steigen. Phillips möchte Treibstoff sparen und bittet, auf Flugfläche 360 zu gehen. Dieselbe Höhe der Tupolew, als sich Pilot Alexander Gross angemeldet hatte.

Noch 50 Sekunden zu leben - und jetzt ahnen es die Beteiligten:
Im Cockpit beider Flugzeuge geht das Alarmsystem TCAS los. Zeitgleich erkennt Peter Nielsen die Gefahr. Er warnt die Besatzung der Tupolew; sie soll sofort sinken. Gross und Itkulow diskutieren kurz und folgen Nielsens Anweisung - obwohl TCAS meldet: steigen! In der DHL-Boeing sagt TCAS: sinken! Der Anweisung folgt Pilot Phillips; TCAS-Kommandos haben Priorität. Die Besatzung der Tupolew ist irritiert: «Es (das TCAS) sagt ‹steigen›», bemerkt Gross. Sein Co-Pilot antwortet: «Er (der Lotse) schickt uns runter.» Gross sucht am Himmel das zweite Flugzeug: «Wo ist es?» Der Co-Pilot antwortet: «Hier links» - zwei Sekunden vor dem Ende.

Augenblicke danach nähert sich Frau B. einer Kreuzung bei Owingen. B. ist Ambulanzfahrerin des Deutschen Roten Kreuzes, eine Freiwillige. Als sie anhält, klatscht neben ihr ein Körper vom Himmel, eine Leiche. Die Stelle, wo sie aufschlug neben der Strassenböschung, ist heute markiert mit einem schlichten Holzkreuz. Die Blumen davor sind frisch.

Zur gleichen Zeit ging Brandmeister Christian Gorber in der Altstadt von Überlingen ans Fenster. Zu ungewöhnlich waren die Geräusche draussen: Donnergrollen - in einem sternenklaren Himmel! Etwas wie Phosphor-Leuchtraketen schwebte hernieder. Gorber war gerade nach Hause gekommen, nach einer Feuerwehrübung, die sie wegen des schönen Wetters auf dem Wasser abgehalten hatten, und einer Vesper bei Kameraden. «Die Bundeswehr am Üben», dachte Gorber - dann: «So nah an der Stadt?» In den Gassen gabs Gemurmel: «Was ist passiert?» Und schon ging der Alarm los.

Auf dem Weg zum Brandplatz vermutete jeder im Löschfahrzeug: eine Cessna. Dann waren die Flammen zu hoch. Verkehrsmaschine? Dann wurde das russische Emblem am dreistrahligen Heck erkennbar: Militär? Gefahr durch Spezial-Treibstoff oder Bomben? Kurz darauf war klar: Passagierflugzeug. Und dann: zwei Flugzeuge, Kollision. Jetzt glaubte Gorber nicht mehr, was er dennoch sah: «Das kann doch nicht wahr sein!»

«Was ich damit ausdrücken will», sagt Gorber: «Der Mensch nimmt, wenn das Ungeheuerliche geschieht, das Ungeheuerliche nicht an, nicht auf Anhieb: Er stellt sich zuerst immer eine kleinere Sache vor. So ist es mir ergangen.» Vielleicht darum handelten die unzähligen Einsatzkräfte damals ohne nennenswerte Blockade, dank der stufenweisen Erweiterung des Schreckens. Gorber ist auch Mitglied des Nachsorge-Dienstes, der Betreuung von Einsatzkräften nach grossen Belastungen. Mit Blick auf Angehörige sagt er: «Es sollte möglich sein, Mitgefühl zu zeigen, ohne dass dies Einfluss auf eine später notwendige und richtige juristische Aufarbeitung hat. Mitgefühl ist eine menschliche Geste, kein Schuldeingeständnis. Das gilt für die Flugzeugkollision von Überlingen genau so wie für andere grosse Unglücksfälle.»

Der Crash fand über Überlingen statt. Ein grosses Trümmerteil schien auf dem Radar lange noch auf die Stadt zu fallen. Doch am Boden gab es keine Opfer. Überlingen bewegt noch heute dieses Wunder. So sehr, dass die jahrhundertealte «Schweden-Prozession» um einen Dank erweitert wurde. Die Prozession geht auf zwei Gelöbnisse der Überlinger Bürger aus den Jahren 1632 und 1634 zurück, als die Stadt vor Not, Krieg und Belagerung verschont wurde. Seit zehn Jahren wird nun explizit auch dafür gedankt, dass die Stadt 370 Jahre später ebenfalls verschont wurde.