Die 'Ndrangheta ist die gefährlichste, brutalste und internationalste Mafia Italiens

Das kalabresische Verbrechersyndikat ‘Ndrangheta macht mit allem Geld – mit Drogen, aber auch mit der Coronapandemie.

Dominik Straub aus Rom
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Die italienische Polizei hat zuletzt 75 Personen verhaften können, die zur Mafia der 'Ndrangheta gehören.

Die italienische Polizei hat zuletzt 75 Personen verhaften können, die zur Mafia der 'Ndrangheta gehören.

Bild: Keystone

Die Razzia gegen die ‘Ndrangheta war in den italienischen Medien nicht viel mehr als eine Randnotiz: Mit 75 Personen war die Zahl der Verhafteten zu klein, und die Summe der konfiszierten Vermögenswerte mit 169 Millionen Euro zu bescheiden.

Erst vor wenigen Monaten, im Dezember 2019, wanderte bei einer Grossrazzia gegen die kalabresische Mafia insgesamt 260 mutmassliche Mafiosi hinter Gitter, 70 weitere wurden unter Hausarrest gestellt. Die jährlich beschlagnahmten Vermögen gehen in die Milliarden. Die staatliche Repression gegen die Clans hat in den letzten Jahren zwar deutlich zugenommen und konnte zum Teil spektakuläre Erfolge vermelden - doch wie bei einer Hydra wachsen nach jedem abgeschlagenen Kopf neue Köpfe nach.

Aufstieg zur gefährlichsten Organisation des Landes

Die straff organisierte ‘Ndrangheta ist in den letzten Jahren zur gefährlichsten und internationalsten Mafia Italiens aufgestiegen. Ihr jährlicher Umsatz wird von der nationalen Anti-Mafia-Direktion (DNA) auf rund 50 Milliarden Euro geschätzt.

Die wichtigste Einnahmequelle bildet der Drogenhandel und dabei insbesondere der Handel mit Kokain: Laut einem DNA-Bericht haben die kalabresischen Clans in den letzten Jahren stabile Handelsbeziehungen zu den Kokain-Kartellen in Süd- und Mittelamerika aufgebaut. Dank der zuverlässigen Lieferungen kontrolliere die ‘Ndrangheta fast den gesamten europäischen Kokain-Markt. Selbst die Cosa Nostra und die Camorra sowie zahlreiche US-Drogensyndikate bezögen das Kokain inzwischen von den Kalabresen.

Das gesamte Gesundheitswesen der Region gilt als unterwandert

Doch die ‘Ndrangheta macht ihre Geschäfte auch in unverdächtigen Bereichen. So gilt mehr oder weniger das gesamte kalabresische Gesundheitswesen als unterwandert. Der Staatsanwalt von Catanzaro, Nicola Gratteri, der auch die Ermittlungen bei der aktuellen Razzia geleitet hat, wies schon vor einigen Wochen darauf hin, dass der hohe Bedarf an medizinischem Material während der Coronakrise zu einem markanten Umsatzanstieg bei Medizinalbetrieben geführt habe, die von Strohmännern der ‘Ndrangheta beherrscht würden.

Privatpersonen und Firmen, die wegen des Lockdowns in Liquiditätsengpässe geraten sind, sahen keine andere Möglichkeit mehr, als sich an mafiöse Wucherer zu wenden, weil ihnen die Banken Kredite verweigern. Innenministerin Luciana Lamorgese hat deshalb vor kurzem Alarm geschlagen: «Es besteht die Gefahr, dass ganze Wirtschaftszweige in die Abhängigkeit der organisierten Kriminalität geraten.»

Die Welt besteht aus zwei Teilen: Aus Kalabrien - und dem anderen Teil, der noch zu Kalabrien werden wird.

Der lange Arm der ‘Ndrangheta hat schon vor Jahrzehnten die Landesgrenzen überschritten: Wie keine andere italienische Mafia zeichne sich die kalabresische ‘Ndrangheta durch ihren «Hang zur Internationalisierung» aus, heisst es im neuen Jahresbericht der DNA. «Die ‘Ndrangheta hat im Ausland Strukturen aufgebaut, welche die für Kalabrien typischen locali imitieren; mit ihren lokalen Zellen ist es der Organisation gelungen, einige Länder regelrecht zu kolonialisieren.»

Besonders durchdrungen von der ‘Ndrangheta seien die Schweiz und Deutschland, betont die DNA. Aber auch in Holland hätten sich die kalabresischen Clans eingerichtet.

Was die ‘Ndrangheta so stark mache, sei das Zusammenspiel zwischen archaischen und traditionalistischen Wertvorstellungen und einer «ausgeprägten internationalen Dynamik», betont der frühere nationale Anti-Mafia-Chef Giuseppe Pignatone. Sie übe ihre Macht mit der Korruption politischer Behörden, mit Drohungen, Einschüchterungen - und notfalls auch mit brutaler Gewalt und Mord aus. In einem von Pignatore abgehörten Telefongespräch sagte ein ‘Ndrangheta-Boss zu einem anderen Mafioso: «Die Welt besteht aus zwei Teilen: Aus Kalabrien - und dem anderen Teil, der noch zu Kalabrien werden wird.»

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